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Michael Achenbach liebt Bolzplätze. Der Kinder- und Jugendarzt hält sie für immens wichtig, wenn es um die körperliche und soziale Entwicklung von Kindern geht.

Dortmund

, 29.06.2018 / Lesedauer: 3 min

Michael Achenbach ist Facharzt für Kinder- und Jugendmedizin in Plettenberg. Zugleich ist er Sprecher des Bundesverbands für Kinder- und Jugendärzte für den Bereich Westfalen-Lippe. Ulrich Breulmann sprach mit ihm auch darüber, wie der ideale Bolzplatz aussehen sollte.

Herr Achenbach, was halten Sie davon, dass das Land Bolzplätze als Immaterielles Kulturerbe eingestuft hat?

Man kann schon den Eindruck bekommen, dass immer mehr Bolzplätze verschwinden. Eine Selbstverständlichkeit, die muss man doch eigentlich nicht schützen. Immaterielles Kulturerbe – das ist die Rote Liste der vom Aussterben bedrohten Kulturgüter.

Woran liegt der Rückgang?

Das Angebot an Aktivitäten draußen schwindet, das Angebot an Aktivitäten drinnen mit Computer, Smartphone und Tablet steigt. Dieser Trend spielt dem Rückgang von Spielflächen in die Hände. Es gibt immer mehr Zeit, die wir nicht mit Bewegung verbringen. Und Bewegungsmangel hat nicht nur körperliche Folgen wie Fettleibigkeit. Auf das Sozialverhalten zu achten, ist genauso wichtig. Auf dem Bolzplatz lernt man, den Ball abzugeben, wenn der andere besser vor dem Tor steht. Der Erfolg der Gruppe als Ganzes zählt.

Das mag so sein, trotzdem üben Computerspiele eine magische Anziehungskraft aus…

Ich denke, die Wirklichkeit sollte Vorrang haben vor den virtuellen Welten. Wer nur Fifa 17 oder ähnliches spielt, der bleibt leider dick und ist nur gut beim Gaffen. Für die Koordination, den Energieverbrauch, das Sozialverhalten sind Außenaktivitäten unschlagbar. Nicht nur für den Bolzplatz gilt: Vorfahrt für die Wirklichkeit und das aktive Leben. Mediale Welten sind doch nur ein Abbild der Wirklichkeit. Um sie wirklich zu begreifen, muss man die Wirklichkeit doch erst einmal kennenlernen und erfahren.

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Aber viele sagen, der frühe Umgang mit neuen Medien sei wichtig für Kinder...

Ich glaube, wir sehen etwas falsch, wenn wir beim Umgang mit modernen Medien sagen: Früh übt sich. Nehmen sie das Beispiel Autofahren: Wir setzen doch auch keinen Dreijährigen hinters Steuer und sagen: „Früh übt sich…“

Aber auf dem Bolzplatz gilt das „früh übt sich“ schon?

Ja, dort schult man als erstes eine Sinneswahrnehmung, die bei uns heute sehr untergeordnet ist – die Wahrnehmung des eigenen Körpers. Das klingt sehr abstrakt, aber das übt man auf dem Bolzplatz.

Wie müsste ein idealer Bolzplatz aussehen?

Dafür braucht man keine Maximalinfrastruktur. Ein Bolzplatz muss doch nicht wie ein Fußballplatz ausgestattet sein. Wir haben früher auf einer schräg ansteigenden Wiese gespielt. Man braucht nicht viel – außer Platz, einfach nur Platz.

Also gibt es zu wenig Bolzplätze?

Eindeutig ja, ein Bolzplatz muss so nah erreichbar sein, dass sich ein Vierjähriger den Ball unter den Arm klemmt, bei ein paar Nachbarjungen anklingelt, die zusammen noch ein paar Schritte gehen und dann losbolzen können. Das dürfen keine langen und gefährlichen Wege sein, da darf nicht erst Mama oder Papa den Nachwuchs mit dem Auto hinfahren müssen. Tolle Bolzplätze am Rande der Stadt helfen nicht.

Beschwerden von Anwohnern über Lärm verhindern oft die Anlage von wohnortnahen Bolzplätzen…

Das ist schade. Wir brauchen eine größere Akzeptanz für die Bedürfnisse der Kinder. Hier hat sich in unserer Gesellschaft etwas verschoben. Uns stünde es als Erwachsene gut an, wenn wir daran denken, welche Möglichkeiten wir selbst als Kinder hatten.

War früher wirklich alles besser?

Sicherlich nicht alles, aber wir hatten auch andere Möglichkeiten. Wir sollten uns einfach mal fragen: Was gönne ich Kindern heute? Und was konnte ich mir früher selber gönnen? Wir konnten uns doch den Ball schnappen, kurz rufen ,ich bin mal weg` und dann gingen wir für zwei Stunden irgendwo spielen. Stellen Sie sich das heute mal vor – zwei Stunden einfach mal weg zu sein! Das geht doch gar nicht mehr, da gibt’s doch längst besorgte Handyanrufe. Wir nehmen unseren Kindern damit ganz viel, vor allem Freiheit. Theoretisch weiß jeder, dass Kinder Bewegung brauchen, aber wenn es an die praktische Umsetzung geht….