Aufstand gegen Tartuffe scheitert

Schauspielhaus Bochum

Der Regisseur Hermann Schmidt-Rahmer kann nicht inszenieren, ohne politische Dimensionen aufzuspannen, ab und an in die Meta-Ebene zu wechseln. Das ist gut so - wie eine weitere Großtat zeigt: die stark umjubelte Premiere von Molières "Tartuffe" am Schauspielhaus Bochum.

BOCHUM

, 23.10.2016, 14:31 Uhr / Lesedauer: 1 min
Orgon (Michael Schütz, l.) verfällt Tartuffes (Jürgen Hartmann) bigotter Heuchelei.

Orgon (Michael Schütz, l.) verfällt Tartuffes (Jürgen Hartmann) bigotter Heuchelei.

Tartuffe tritt als völlig ungebrochene Figur auf: Er ist nicht nur verlogen, intrigant, bigott und ganz offensichtlich böse. Er ist auch schmierig, hässlich, eklig.

Kostüm und Maske folgen ganz der (zu) späten Einsicht des Großbürgers Orgon: "Diesen Teufel hat die Hölle ausgespien." Jürgen Hartmanns Tartuffe ist eine Mischung aus Glöckner von Notre Dam, Gollum, Richard III. oder ein "Gespenst des Kapitals" aus Schmidt-Rahmers vorvorletzter Bochumer Inszenierung.

Politischer Diskurs

Lange bevor Tartuffe aus dem Bühnenkeller im Schauspielhaus Bochum hervor kriecht, bekommt das Publikum die Ausläufer des Ränkespiels vorgeführt, dessen Epizentrum Tartuffe ist. Orgon ist seiner bigotten Heuchelei verfallen und will sogar seine Tochter mit ihm verheiraten, um ihn an sein Haus zu binden.

In der Bühnenmitte prangt ein überdimensioniertes Portrait, das Tartuffe in der Beter- und Büßer-Pose zeigt und einem Foto des AfD-Politikers Björn Höcke nachempfunden ist. Damit zieht Schmidt-Rahmer eine klare Linie in den politischen Diskurs der Gegenwart, ohne das Stück aus seiner Zeit zu holen.

Ein paar Szenen auf der Meta-Ebene gibt es aber doch: Orgons Schwager Clèante, der von Daniel Christensen volksbühnenhaft berlinernd gegeben wird, versucht einen demokratischen Aufstand der Mehrheit auf die Beine zu stellen, die auf der richtigen Seite steht.

Aber sie verzettelt sich in Diskussionen um die Form des Protests gegen Tartuffes falsches Spiel. Sie wirkt dabei so schlaff und schwächlich wie Bernd Rademacher, der in einer köstlichen Szene als Gerichtsvollstrecker auftritt - und den gereimten Text aufsagt wie ein lustloses Kind unterm Weihnachtsbaum.

Termine: 25./30.10., 11./16./21.11.; Karten: Tel. (0234) 33335555.

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