Aus Dorf Chioggia wird Burger-Bar

Calis bearbeitet Goldoni-Komödie

In Carlo Goldonis Komödie "Krach in Chioggia" von 1761 ist Chioggia ein italienisches Fischerdorf, dessen Bewohner in ein shakespearesches Beziehungschaos stürzen. Nuran David Calis hat Chioggia für das Schauspielhaus Bochum ins heute geholt.

BOCHUM

von Von Max Florian Kühlem

, 29.01.2012, 14:35 Uhr / Lesedauer: 1 min
Aus Dorf Chioggia wird Burger-Bar

Enszemble-Szene aus "Zoff in Chioggia" am Bochumer Schauspielhaus.

Er hat es zu einer Bar gemacht, in "Zoff in Chioggia" umbenannt und die Geschichte mit mannigfaltigen Themen, Konfliktlinien und Beziehungskisten überfrachtet. Nuran David Calis ist Sohn türkischer Einwanderer in Deutschland. In einem Interview im Programmheft erzählt er von der inneren Zerrissenheit, die er deshalb als Jugendlicher gefühlt hat. Auch die Figuren im Chioggia, der Burger-Bar, die die große Bühne des Schauspielhauses einnimmt, spüren diese Zerrissenheit. Sie halten Chioggia für die Endstation, einen Strand für den Abschaum. Einige träumen von Weggehen. Doch Fortunato, der einzige, der mal weg war, hat mit dem Verlust der Heimat auch seinen Verstand verloren.Schöner Kniff Es ist ein schöner Kniff von Calis Bearbeitung, ausgerechnet dem Fortunato, der meist als nuschelnde Witzfigur inszeniert wird, die unheimliche Aura des Geisteskranken zu geben, der von Dämonen verfolgt wird. Die Dämonen sind die Tänzer der Herner Streetdance-Truppe Renegade, die die Bar manchmal in ein Schattenreich verwandeln. Durch Marco Massafras intensives Spiel wird Fortunato zum heimlichen Zentrum des Stücks, zur personalisierten Angst vor der Zukunft, der Welt da draußen. Leider ist kaum eine andere Figur so glaubhaft.Überfrachtete Geschichte

Nuran David Calis, der auch selbst inszeniert hat, überfrachtet die Geschichte: Sie müssen Goldonis Beziehungschaos durchspielen und das Drama um Identität und Integration. Sie müssen sich um den Erhalt ihrer Bar kümmern, Youtube-Videos drehen, soziale Netzwerke aktivieren, Philosophien und Utopien verhandeln. Irgendwann fragt man als Zuschauer: Wer steht da eigentlich vor mir? Die Menschen des Ruhrgebiets, von denen Calis sich auf Bahnfahrten und mit der Arbeit am Jugend-Projekt "Next Generation" inspirieren ließ, erkennt man nur in wenigen Momenten.Rhythmus-Problem Dazu kommt ein Rhythmus-Problem: Die erste Hälfte ist trotz der Themenvielfalt handlungsarm und zäh. Die zweite, in der sich die Bar plötzlich zu einem revolutionären Dschungelcamp wandelt, entschädigt allerdings durch mehr Tempo, Witz und visionäre Kraft.

Termine: 2./10./16.2.; Karten: Tel. (0234) 33 33 55 55.