Aussage des Angeklagten stößt auf Kritik

Prozessauftakt im Fall Tugce

Unter Tränen gab Sanel M. zu, dass er Tugce im November angegriffen hat: "Ich habe in der Tatnacht der Tugce eine Ohrfeige gegeben und sie ist dann umgefallen." Seine Aussage trifft bei Staatsanwaltschaft und Verteidigung auf unterschiedliche Reaktionen.

Darmstadt

24.04.2015, 10:09 Uhr / Lesedauer: 2 min

Direkt zu Beginn des Prozesses am Freitagmorgen gab Sanel M. den Angriff auf Tugce zu. Der 18-Jährige äußerte auch sein Bedauern: "Es tut mir unendlich leid, was ich getan habe". Er habe niemals mit dem Tod der Studentin gerechnet.  Sanel M. soll die 22-Jährige Mitte November auf einem Parkplatz vor einem Schnellrestaurant in Offenbach mit der flachen Hand so geschlagen haben, dass sie stürzte und ins Koma fiel, aus dem sie nicht mehr erwachte. Die Eltern ließen später die lebenserhaltenden Apparate abschalten.

Der 18-Jährige ist wegen Körperverletzung mit Todesfolge angeklagt, sitzt in Untersuchungshaft.  Das Strafmaß ist offen, es hängt vor allem davon ab, ob im Falle einer Verurteilung Jugend- oder Erwachsenenstrafrecht angewendet wird. Bei letzterem beträgt die Mindeststrafe drei Jahre Haft. Nach Jugendstrafrecht sind sechs Monate bis zehn Jahre möglich.

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Der Anwalt der Familie, Macit Karaahmetoglu, zweifelte nach der Äußerung von Sanel M. an der Aufrichtigkeit des Angeklagten. Der 18-Jährige habe sich nicht mit der Tat auseinandergesetzt. „Es waren floskelhafte Sätze.“ Oberstaatsanwalt Alexander Homm vertrat eine andere Auffassung: „Die Aussage war von Emotionen und erkennbarer Reue geprägt.“

Tugces Familie - die Eltern sowie zwei Brüder - ist Nebenkläger im Verfahren. Als Sanel M. den Saal betrat, fing die Mutter der Toten an zu weinen. Vor der Vorführung der Videos von Überwachungskameras am Tatort verließ sie mit ihrem Mann den Gerichtssaal. Eigentlich war die Öffentlichkeit nach der Aussage des 18-jährigen Sanel M. ausgeschlossen. Allerdings beschloss das Gericht nach Beratung, dass diese zugelassen sein kann, wenn einer von Tugces Brüder sich als Zeuge äußert.

Realisierungsphase "noch schlimmer"

Der 25-Jährige sagte, der gewaltsame Tod seiner Schwester habe die Familie „total aus der Bahn geworfen“. Die Schockstarre sei inzwischen vorüber. „Wir sind jetzt in der Realisierungsphase. Die ist noch schlimmer.“ 

Die Großeltern sowie Tugces Mutter mütterlicherseits trugen T-Shirts mit einem Bild der Studentin. Der Vorsitzende Richter des Prozesses, Jens Aßling, forderte die Familie auf, ihre Jacken zu schließen. Er habe Verständnis für ihre Trauer. Aber die Gerichtsverhandlung in Darmstadt solle „etwas klären“, daher bitte er von Demonstrationen, Ansteckern und T-Shirts abzusehen. Die Polizei war zum Prozessauftakt präsent, hielt sich aber im Hintergrund. 

 

Am Nachmittag wurden unter Ausschluss der Öffentlichkeit zwei Mädchen im Alter von 13 und 14 Jahren vernommen. Tugce soll ihnen vor dem tödlichen Schlag geholfen haben, als die beiden von dem Angeklagten und seinen Begleitern in der Damentoilette des Fast-Food-Lokals belästigt worden sein sollen. Oberstaatsanwalt Homm erklärte vor der Anhörung, die Mädchen hätten sich nicht bedroht gefühlt und zugetraut, allein aus der Situation herauszukommen. Nach den nicht-öffentlichen Aussagen beurteilten dies die Anwälte beider Seiten unterschiedlich. 

Für den Prozess hat die Jugendkammer des Landgerichts zehn Verhandlungstage geplant. Etwa 60 Zeugen und zwei Sachverständige sollen gehört werden. Ein Urteil wird Mitte Juni erwartet. 

Von dpa

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