Ausstellung beweist die Kraft der Naiven

Museum Folkwang in Essen

Naive Kunst ist nichts, worüber man die Nase rümpfen sollte. "Das ist nicht besser oder schlechter - nur anders", sagt Kurator Kasper König zu der extrem sehenswerten neuen Schau "Der Schatten der Avantgarde" im Essener Folkwang-Museum.

ESSEN

, 01.10.2015, 19:48 Uhr / Lesedauer: 2 min
Ausstellung beweist die Kraft der Naiven

Den „Jahrmarktartisten“ malte Camille Bombois um 1930.

"Rousseau und die vergessenen Meister" lautet der (auch werbetechnisch zugkräftige) Untertitel der Ausstellung, mit dem sich ganz zwanglos zu ihrer größten Attraktion überleiten lässt: Acht Gemälde des "Zöllners" Henri Rousseau bilden das Herz der Schau. Drei der weltberühmten Dschungelbilder sind dabei. Zum Beispiel "Der hungrige Löwe wirft sich auf die Antilope", 1905 gemalt, jetzt entliehen von der Schweizer Stiftung Beyeler. Ein blutiges Drama in einer grünen Hölle, zwei mal drei Meter groß. Eine Ikone der Moderne, unheimlich und magisch. Ihr Schöpfer, der tatsächlich Zollbeamter war, wurde kurz vor seinem Tod noch berühmt - spät, aber immerhin.

Schwere Schicksale

Das ist noch eines der erträglicheren Schicksale unter den 13 autodidaktischen Künstlern, denen sich die Schau widmet. Die Französin Séraphine Louis (geb. 1864) war zuerst Putzfrau, ihr Geld aus der Malerei verlor sie wieder und musste 1942 in einer Irrenanstalt verhungern. Heute steht der Betrachter überwältigt vor ihren gewaltigen Blumenbildern, die sie mit Haushaltslack malte - kein Kitsch, sondern bizarre Bäume und Sträuße, auf denen die Blätter seltsame Haare tragen und rote Beeren garantiert giftig sind.

Doch auch wenn die Museen diese Werke einst kauften und bis heute hüten, auch wenn diese "Primitiven" die Avantgarde stark beeinflussten, sie verschwanden doch wieder im Schatten. "Die Amnesie ist groß", seufzte gestern Kasper König, der die Schau gemeinsam mit dem Dortmunder Falk Wolf kuratiert hat. "Die Schau ist das Angebot, auf eine Entdeckungsreise zu gehen." Zur Ehrenrettung der verkannten Genies hat das Kuratoren-Duo jene Kunst der klassischen Moderne daneben gehängt, die heute Millionen wert ist - und siehe da, die Zebra-Skulptur des Recklinghäuser Naiven Erich Bödeker kann vor Fernand Légers "Rauchendem Soldaten" (1916) bestens bestehen.

Herausforderung an den Betrachter

Dass beim naiven Historienmaler André Bauchant die Köpfe zu groß sind und sich die Körper biegen wie Gummipuppen - geschenkt. Diese Meister haben eben nie eine Kunstakademie von innen gesehen. Daraus speist sich die Kraft, der Mut und der Eigensinn der Werke. Unmittelbar, witzig und selbstbewusst stehen die 204 Gemälde, Skulpturen und Fotos vor uns, gehören in keine Schublade oder Kunstrichtung, wirken wie aus der Zeit gefallen. Und sie fordern dem Betrachter heraus, sich eine Meinung zu bilden, bei der ihm kein Buch über Kunstgeschichte helfen wird.

Nicht zuletzt ist diese tolle Schau eine der bislang wenigen im Folkwang-Museum, die den großen Ausstellungssaal des David-Chipperfield-Neubaus souverän zu nutzen weiß. Architekt Hermann Czech aus Wien baute für die 13 Mini-Retrospektiven kleine "Häuser", die spannende Durchblicke ermöglichen und trotzdem die Atmosphäre der 1400 Quadratmeter großen Riesen-Halle bewahren.

Folkwang-Museum Essen: "Der Schatten der Avantgarde. Rousseau und die vergessenen Meister", 2.10.2015-10.1.2016, Museumsplatz 1, Di-So 10-18, Do/Fr bis 20 Uhr, Eintritt 8 (ermäßigt 5) Euro, Katalog 25 Euro.

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