Ausstellung erinnert an den Fotografen Jürgen Diemer

Opfer des Germanwings-Absturzes

Ist das nicht eine schöne und bewegende Art, Abschied zu nehmen? Ein Jahr, nachdem der Fotograf Jürgen Diemer und seine Frau beim Absturz der Germanwings-Maschine ums Leben kamen, erinnert eine Ausstellung an drei Orten in Mülheim an diesen begabten Künstler.

MÜLHEIM

, 17.03.2016, 08:00 Uhr / Lesedauer: 2 min

Jürgen Diemer selbst hatte seiner Frau Claudia den verhängnisvollen Städtetrip geschenkt. "Sie haben dann beschlossen, so zu fliegen, dass sie zu Jürgens Geburtstag in Barcelona sein würden", sagt seine Schwester Marlies Ball. Nur einen Tag später mussten Jürgen, gerade 56 geworden, und Claudia Diemer am 24. März 2015 sterben.

Was blieb, waren seine Fotos. Und zwei trauernde Schwestern, die etwas ratlos vor einem Computer mit 24000 Bilddateien saßen. "Wir haben gedacht, das ist doch eine Schande, dass die Fotos niemand mehr sehen kann", berichtet Angelika Rathofer, die andere Schwester. Gemeinsam mit Gert Rudolph, dem besten Freund des Verstorbenen, keimte die Idee einer Ausstellung - finanziert von den Angehörigen.

Drei schöne Standorte

Die Mülheimer Stadtmarketing GmbH, in deren Auftrag Jürgen Diemer über Jahre sprichwörtlich das Bild der Stadt geprägt hatte, machte den Weg frei in drei schöne Räume - das Dachgeschoss der Stadtbibliothek, das Ruhrfoyer des Rathauses mit Blick über den Fluss sowie die "Camera Obscura", das Film-Museum im alten Wasserturm. Auch der Titel der Schau "Wo kämen wir hin" ist eine Herzenssache, denn Jürgen Diemer selbst schätzte den Text des Schweizer Schriftstellers Kurt Marti sehr: "Wo kämen wir hin,/ wenn alle sagten:/ ,Wo kämen wir hin',/und niemand ginge,/ um einmal zu schauen,/ wohin man käme/ wenn man ginge."

Tolle Panoramen

150 Fotos hat das Trio, das auf so tragische Weise zu Ausstellungsmachern wurde, ausgesucht. Fasziniert steht der Betrachter vor 360-Grad-Panoramen, für die Diemer Spezialist war - herrliche Landschaften aus NRW, auf Lanzarote oder den Azoren. Immer wieder fotografierte der passionierte Segler das Meer. "Als Kinder waren wir oft auf Terschelling", seufzt Marlies Ball vor einem Strandpanorama. Es sind Motive voller Schönheit und Reiselust. Nach dem Barcelona-Urlaub hatte Jürgen Diemer einen großen Segeltörn über den Ozean geplant, wollte mit seiner Frau die USA bereisen.

Mit dem Fahrrad unterwegs

Daheim im Ruhrgebiet war der studierte Kommunikationsdesigner stets mit seinem roten Fahrrad unterwegs. So entstanden einmalige Rundumbilder etwa vom zerfallenden Eisenbahnausbesserungswerk Duisburg-Wedau. Ausdrucksstark sind auch die Theaterfotos - oft eine Überraschung für die Schauspieler, denn sie hatten den Mann mit der Kamera kaum bemerkt. "Jürgen hat sich selbst nicht so wichtig genommen, war sehr zurückhaltend", sagt Marlies Ball. "Bei Familienfesten hat er oft schmunzelnd dagesessen, während wir anderen viel lauter waren." Bei der Sichtung des Nachlasses habe sie den Bruder mehr als je zuvor als Künstler wahrgenommen: "Das ist traurig, aber es tut auch irgendwie gut."

"Wo kämen wir hin. Fotos und Videos von Jürgen Diemer", 17.3.-28.4., Eintritt frei. Orte: Camera Obscura, Am Schloss Broich 42, Mi-So 10-18 Uhr. Dort beginnt am 17.3. um 17 Uhr die Eröffnung. Rathaus, Mo-Fr 8-18 Uhr. Stadtbibliothek, Synagogenplatz 3, Mo -Fr 10-18.30, Sa 10-14 Uhr. Geplant ist ein Katalog (25 Euro), dessen Erlös u. a. dem integrativen Verein "Art Obscura" zugute kommt.

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