Ausstellung zeigt Martin Luthers dunkle Seiten

Klostermuseum Dalheim

Luther ist eine Lichtgestalt. Er übersetzte die Bibel in Deutsche, setzte sich für die Bildung von Mädchen ein und erneuerte die Kirche. Aber der Reformator hatte auch dunkle Seiten. Eine mutige Ausstellung im Klostermuseum Dalheim zeigt, wie seine "Judenschriften" den Nationalsozialisten die (geistige) Munition für den Holocaust lieferten.

Dahlheim

, 24.10.2016, 13:05 Uhr / Lesedauer: 2 min

"Die Ausstellung ist eine Herausforderung - für uns, aber auch für die Besucher", sagt Museumsdirektor Ingo Grabowsky über die 1,1 Millionen Euro teure Schau "Luther. 1917 bis heute" im Klostermuseum Dalheim. Anlass ist das 500. Reformationsgedenken anno 2017. Eineinhalb Jahre hat das fünfköpfige Team an der Schau gearbeitet - und schon vor der Eröffnung gab es Protestbriefe.

Aber die Ausstellungsmacher stehen, begleitet von einem Beirat der Evangelischen Kirche, wissenschaftlich auf sicherem Boden. Und auch die 300 Exponate, die auf 800 Quadratmetern zu sehen sind, sprechen eine deutliche Sprache.

Dokumente erschüttern

So liest der Besucher erschüttert, wie Luther in seinen späten "Judenschriften" unter dem Titel "Von den Juden und ihren Lügen" (1543) gegen diese Volksgruppe wütete und forderte: "Erstlich, daß man ihre Synagoge oder Schule mit Feuer anstecke, und was nicht verbrennen will, mit Erde überhäufe, und beschütte, dass kein Mensch einen Stein oder Schlacke davon sehe. (...) Zum andern, daß man auch ihre Häuser desgleichen zerbreche und zerstöre. (...) Zum dritten, dass man ihnen nehme alle ihre Betbüchlein und Talmudisten."

Die Nazis münzen Luthers Antijudaismus in ihren eigenen, dann rassisch motivierten Antisemitismus um. 1933 erscheint aus Anlass des 450. Luthergeburtstages das Plakat "Hitlers Kampf und Luthers Lehr/ Des deutschen Volkes gute Wehr."

Noch in den Nürnberger Prozessen verteidigt sich Julius Streicher, Redakteur des Nazi-Hetzblattes "Der Stürmer", Luther habe ja die Vernichtung der Juden gefordert. Und doch: Auch die "Bekennende Kirche", die Widerstand gegen Hitler leistete, berief sich auf Luther.

Immer wieder instrumentalisiert

Das ist jedoch nur ein Aspekt der modern und abwechslungsreich gestalteten Schau. Man staunt, wie die historische Figur Luther nach 1917 immer wieder instrumentalisiert wird.

Im Ersten Weltkrieg wird sein Choral "Eine feste Burg" zur Durchhalteparole. Die DDR sieht ihn zuerst als Fürstenknecht, dann als ersten Revolutionär. Bundespräsident Karl Carstens macht ihn in der BRD zum Symbol der deutschen Einheit.

"Wir wollen dem Betrachter die Gelegenheit geben, selbst eine Position zu Luther zu finden", sagt Museumschef Grabowsky. Dazu gehört, dass die Schau das Leben Martin Luthers (1483-1546) nachzeichnet - sogar die Murmeln sind zu sehen, mit denen er wohl als Kind gespielt hat - und mit diversen falschen Vorstellungen aufräumt.

Legendenbildung

So hat Luther seine Thesen gegen den Ablasshandel (das war die Vergebung der Sünden gegen Geld) am 31. Oktober 1517 keineswegs mit einem Hammer an die Wittenberger Schlosskirche genagelt, und seine Worte "Hier stehe ich und kann nicht anders" sind auch nur Legende.

Ebenfalls nicht wissenschaftlich belegt sind die Szenen, mit denen ein virtueller Luther jedes Kapitel der Ausstellung einleitet. Aber es ist wohl anzunehmen, dass ihn seine Frau Katharina von Bora ab und zu zum Essen hereinrief. Mit dieser hübschen kleinen Szene endet nämlich die sehenswerte Schau. Hingehen!

: „Luther. 1917 bis heute“, 31.10.2016-12.11.2017, Am Kloster 9, Lichtenau-Dalheim (mit dem Auto vier Minuten von der A 44), Di-So 10-18 Uhr. Eintritt: 9 Euro (erm. 4,50 Euro).Kinder/Jugendliche bis 18 Jahre: Eintritt frei. Am 31.10.16 (Reformationstag) ist trotz des Montags geöffnet und der Eintritt frei.