Bahntrassen-Test: Fahrradtour durchs Ruhrgebiet

Reportage

Weite Felder und ausladende Baumwipfel: So sehen die Fahrradwege im Sauerland oder Münsterland aus. Doch auch im Ruhrgebiet gibt es idyllische Fahrradwege: Dort, wo früher Eisenwaggons unterwegs waren, sind nun Radfahrer zuhause. Wir haben die alten Bahntrassen „Rheinischer Esel“ und die „ErlebnisTrasse Erzbahn“ getestet.

NRW

, 28.09.2013, 09:59 Uhr / Lesedauer: 3 min
Fahrrad statt Zug: Heute nutzen Radler die alten Bahntrassen.

Fahrrad statt Zug: Heute nutzen Radler die alten Bahntrassen.

Man hört das Rauschen der Blätter am Wegesrand und das eigene, etwas angestrengte Atmen. Doch dann fängt etwas in der Ferne an zu brummen. Es wird lauter und schon rauscht ein Profi-Radfahrer mit einem genervten, metallischen Klicken seiner Klingel an mir vorbei. Dann ist es wieder ruhig und der Weg frei für eine Probe-Tour auf dem „Rheinischen Esel“.Qualitätsskala Der Radweg führt über ehemalige Bahntrassen von Bochum-Langendreer nach Dortmund-Löttringhausen. Auf der Suche nach einem geeigneten ersten Probelauf für ein i-Männchen im Fahrradsport fiel die Wahl schnell auf diese Strecke: Der Name des Radwegs hörte sich witzig an und Achim Bartoschek hatte ihm auf seiner Internetseite „Bahntrassenradeln“ drei von vier Fahrrädern auf seiner eigens festgelegten Qualitätsskala verliehen. Er muss es wissen: Bartoschek fährt seit zwölf Jahren in seiner Freizeit durch Deutschland, um Radwege auf Bahntrassen zu testen, zu dokumentieren und zu bewerten. „Ich habe damals mit meiner Recherche angefangen und es gab einfach keine Übersicht“, erklärt er. Seit den 70er-Jahren wurden die Bahntrassen umgebaut, zunächst sporadisch und in den 90ern dann ganz massiv. „Dann fing man an, die Radwege von einem touristischen Standpunkt zu sehen.“ In den letzten Jahren seien sie so ausgebaut worden, dass sie die beliebtesten touristischen Punkte verbinden.Streckeninformationen Einmal im Monat werden die Streckenbeschreibungen aktualisiert, so dass Fahrradfahrer auch vor Bauarbeiten an den Wegen gewarnt werden. „Dazu kommt die tägliche Arbeit: Ich durchforste zum Beispiel die Zeitungen.“ Für einen Anfänger wie mich seien die Bahntrassen besonders gut geeignet: „Die meisten haben nur eine geringe Steigung. Außerdem liegen sie ab vom Verkehr, werden durch Tunnel oder über Brücken an ihm vorbeigeführt.“ Besonders spannend findet Bartoschek die alten Bahnstrecken. Bei meinem Selbstversuch weiß ich nun, worauf die Profis achten: Steigung, Bahnrelikte, Brücken und Aquädukte. Dazu kommen Erreichbarkeit, Übersichtlichkeit und die Umgebung rund um die Strecke.Ohne Karte Also zurück zum „Rheinischen Esel“, für den sich laut Bartoschek ein Wochenendausflug lohnt: Die Strecke startet in Bochum-Langendreer. Ich beschließe, weder GPS noch eine Fahrradkarte zu benutzen (zu kompliziert und zu teuer) und „wie früher“ einfach drauf loszufahren. In Bochum stellt sich heraus: Keine gute Idee. Der Weg zum Esel ist nämlich nicht ausgeschildert. So ende ich in zwei, drei Hinterhöfen, weil ich einen urwaldartigen, zugewachsenen Pfad erwarte. Tatsächlich beginnt der Weg gut ausgebaut und mit einem großen Hinweisschild, wenige Meter nach einem nicht zu übersehenden Knick in der Oberstraße (gilt sogar für beide Richtungen). Der Boden ist asphaltiert und sieht während der ganzen Fahrt besser aus als die meisten Straßen. Markierungen auf dem Boden verheißen dem Fahrradfahrer, wie weit er es bereits geschafft hat – die Strecke ist 12,5 Kilometer lang.Verwunschener Weg Es geht vorbei an Feldern und Bäumen, immer wieder stehen riesige Holunder- und Brombeerbüsche am Rand des Fahrradwegs. In regelmäßigen Abständen gibt es Sitzgelegenheiten. Von Bochum geht es nach Witten. Der alte Bahnhof, an dem man vorbeifährt, fällt gar nicht auf, so zerfallen ist er. Ich begegne nur wenigen Fahrradfahrern, viele davon scheinen auf der Strecke zu trainieren. Der letzte Abschnitt führt durch einen Wald, unter alten Brücken hindurch und an Steinmauern entlang, die mit Moos bewachsen sind. Es ist etwas kühl, verwunschen, der Boden ist nicht mehr befestigt und mehrmals befürchte ich, mich verfahren zu haben. Dann steht man plötzlich an der Hellerstraße in Löttringhausen: Hier ist der Weg zu Ende. Achim Bartoschek schlägt mir eine weitere Strecke für meine Fahrradfahrer-Anfänger-Testreihe vor: die „ErlebnisTrasse Erzbahn“, die vom Bochumer Westpark über Gelsenkirchen nach Hafen Grimberg führt. Sie ist Teil der Route Industriekultur.Gekrümmte Hängebrück Wieder fahre ich ohne Karte los und wieder ist es keine gute Idee: In der Innenstadt ist das Fahrradwegnetz wie so oft lückenhaft. Mit zwei, drei zu viel gefahrenen Kilometern lande ich dann aber doch an der Jahrhunderthalle, die im Westpark liegt und stehe etwa hundert Meter weiter vor der Erzbahnschwinge. Die wie ein „S“ gekrümmte Hängebrücke über die Gahlensche Straße wurde 2003 fertiggestellt und markiert den Anfang der Erzbahntrasse. Es ist wirklich ein Erlebnis, über die Brücke zu fahren, denn sie fordert die Höhenangst schon ein wenig heraus. Kurz danach folgen schon die nächsten Brücken, allerdings sind es kleinere, über die früher die Eisenwaggons juckelten. Man muss wenig in die Pedale treten. Das Höhenprofil zeigt warum: Von Bochum geht es abwärts, nur wenige Steigungen sind zu meistern. Ein Eichhörnchen rennt über den Weg, ein Schmetterling fliegt ein Stück nebenher: Der Fahrradweg ist tatsächlich so idyllisch, dass man sich wirklich wundert. Nur das entfernte Rauschen einer Schnellstraße erinnert daran, dass man hier immer noch im Ruhrgebiet unterwegs ist. Am Rand der Strecke stehen zudem Infotafeln, die die Geschichte der Erzbahn darstellen.Pause an der Erzbahnbude Wenn ein bisschen mehr als die Hälfte der Brücke geschafft ist, stößt man auf einen kleinen Rastplatz, von dem Radfahrer auf den Emscher-Park-Radweg abbiegen können. Hier steht auch die „Erzbahnbude“, die von „11 Uhr bis zum Sonnenuntergang“ von März bis November Essen und Getränke anbietet. Wer nicht mehr kann, den hat die Realität ganz schnell wieder: Ein kleiner Weg führt wieder zur Straße, von dort aus kann der Gelsenkirchener Bahnhof angefahren werden. Wer an dieser Stelle weiterfährt, den erwarten vielleicht die schönsten Bestandteile der Strecke: Die 344 Meter lange Pfeilerbahn. Sie wurde um 1919 errichtet, um die Zeche Alma an die Bahn anzuschließen. Die Fahrbahn der Brücke befindet sich 14 Meter über dem Erdniveau.  

Das Ende der Strecke bildet – wie zu Anfang – eine spektakuläre Brücke. Die „Grimberger Sichel“ führt über den Rhein-Herne-Kanal, wird manchmal aber auch „Zoom-Brücke“ genannt, da sie in der Nähe der „Zoom Erlebniswelt“ liegt. Die Brücke ist asymmetrisch, die Konstruktion gewagt, sodass sie zu schweben scheint.

Tipp: Für absolute Fahranfänger wie etwa kleine Kinder eignen sich die Trassen nicht, obwohl die Fahrbahn breit genug ist. Denn an manchen Stellen fallen die Seitenhänge neben den Strecken steil ab und sind nicht immer gesichert.