Ballettprojekt: Der „Nussknacker“ tanzt Breakdance

Bald in Düsseldorf

Schon bei „Schwanensee reloaded“ hat Fredrik Rydman Tschaikowskys Klassiker moderne Elemente verpasst. Das hat dem Stück so gut getan und den Zuschauern so gefallen, dass sich der Choreograf an das nächste Meisterwerk gewagt hat: den Nussknacker.

Düsseldorf

, 14.01.2018, 05:08 Uhr / Lesedauer: 4 min
Ballettprojekt: Der „Nussknacker“ tanzt Breakdance

Der Nussknacker ist in dem Stück die tragische Figur auf der Suche nach ihren Beinen. © Daniel Ohlsson

Vielleicht war Peter Iljitsch Tschaikowsky zu seiner Zeit schon so etwas wie ein Popstar heute. Und vielleicht hat es ja nur jemanden gebraucht, der das erkannte und mutig genug war, dem alten Tschaikowsky und seinen Ballett-Kompositionen einen Schubs in Richtung Moderne zu geben. So einen wie Fredrik Rydman eben. Über 250.000 Besucher haben inzwischen sein „Schwanensee reloaded“ gesehen, in dem Tschaikowskys Klassiker erstmals mit Streetdance-Elementen gemixt und kurzerhand ins Rotlicht-Milieu verlegt wurde.

Am Rande einer Müllkippe

Dann wandte sich der mittlerweile 43-Jährige, der locker auch als 30-Jähriger durchgehen würde, anderen Projekten zu, inszenierte etwa den Auftritt von Mans Zelmerlöw. Mans wer? Es ist der Mann, der 2015 den Eurovision Songcontest gewann. Mit Rydmans Hilfe, wie gesagt. Lang ist’s schon wieder her.

„Immer wieder hat man mich gefragt, ob ich nicht wieder mal einen Tschaikowsky neu interpretieren könne“, erzählt Rydman, der in den 90er-Jahren die Streetdance Company „BOUNCE“ mitbegründet hat. Aber ihm sei lange nichts wirklich Überzeugendes eingefallen. Bis er diese eine Reportage im Radio hörte.

„Es ging um zwei Obdachlose aus Rumänien, die in Stockholm auf der Straße lebten. Dieses Phänomen kannten wir in Schweden ja lange nicht. Einer von ihnen bekam einen Teddybären geschenkt, den er unbedingt seiner Tochter in Rumänien geben wollte. Sie lebte am Rande einer Müllkippe. Der Reporter hat den Teddy dann hingebracht. Das hat mich tief berührt. Eltern, die obdachlos sind, können ja trotzdem fürsorglich zu ihren Kinder sein. Das jedenfalls hat mich diese Geschichte neu gelehrt.“

Die Geschichte neu erfinden

Rydman nahm sich die Musik von Tschaikowskys Ballett „Nussknacker“ mal wieder vor. „Das Original war mir immer zu zuckrig, zu glatt. Und der Rest zu militaristisch. Aber mir ist dann schnell klar geworden, dass der zweite Teil, der im Süßigkeitenland spielt, keine wirkliche Handlung mehr hat. Da ließe sich etwas mit machen, dachte ich mir.“

Rydman machte. Und erfand die Geschichte des Mädchens Clara, das allein auf einer Müllkippe zurückgelassen wurde: „Trotz der fröhlichen Musik: Auch der Nussknacker erzählt ja im Original eine sehr ernste und auch traurige Geschichte.“ Clara jedenfalls versucht verzweifelt, ihre Eltern zu finden, die in einem reichen Land auf Betteltour sind. Und sie gerät dabei an den smarten Patenonkel Herrn Drosselmeyer.

Das Problem: Der Mann ist keineswegs der nette Onkel, sondern ein Organhändler auf der Suche nach Material für reiche Kunden. Da kommt ihm das unbedarfte Mädchen gerade recht. Er schenkt ihr den Nussknacker, eine tragische Figur auf der Suche nach ihren Beinen. Die Show kann beginnen.

Proben mit Super Mario über Facetime

Und genau das ist der neue „Nussknacker“. Eine opulente Show mit 3-D-Effekten, mit Street- und Breakdance, in opulentes Licht getaucht, quietschbunt und voller Anspielungen aufs Hier und Jetzt. Augen und Ohren haben kaum Zeit zum Ausruhen, und das Oberstübchen wundert sich.

Da darf plötzlich Star-Wars-Bösewicht Darth Vader auftreten, und Super Mario aus dem Nintendo-Computerspiel legt eine Breakdance-Nummer hin, die zu Szenenapplaus animiert. „Den Artisten haben wir in Russland gefunden, seinen Part hat er mit mir gemeinsam gelernt“, erzählt Rydman.

Auch hier war viel Technik im Spiel. Der Künstler blieb in der Heimat, der Choreograf kommunizierte über Facetime mit ihm, korrigierte, was er per Live-Schaltung übermittelt bekam: „Neu, anstrengend, aber am Ende eine wichtige Erfahrung“, sagt er.

Ballettprojekt: Der „Nussknacker“ tanzt Breakdance

Der Tänzer Bruce Almighty tritt als Super Mario auf. Foto: Georg Wendt (dpa)

Spielen mit dem Original

Um es dem Publikum noch ein bisschen leichter zu machen, der Handlung zu folgen, hat Rydman einen Erzähler eingebaut, der schnell eine der Hauptrollen einnimmt und deshalb mehr aufweisen muss, als nur eine gute Stimme. Er versammelt die Darsteller um sich, zieht sie aus dem Stück heraus in die Realität abseits der Bühne und schwankt in seiner Performance zwischen Tragik und Komik.

Auch in Deutschland wird das schwedische „Original“ auf Tour dabei sein und mit gut hörbarem Akzent agieren. Ein weiterer Spaßfaktor. Der allerdings hört auf, wenn statt der eigens für die Aufführung geschriebenen eingängigen Songs Tschaikowskys Originale zu hören sind. Dann nimmt sich das Ensemble zurück, es wird puristisch, das Licht wechselt ins Funktionelle. Was der Sache gut tut.

Auch für Nicht-Ballett-Fans geeignet

Ellen Lindblad, 26 Jahre jung, verkörpert in der Show Clara und findet, „dass diese Art von Ballett-Inszenierung auch diejenigen nicht ratlos zurücklässt, die mit dem klassischen Genre nichts anfangen können.“

Man sehe, sagt sie, viele Familien ins Theater strömen, „für die sonst das Wagnis Ballett einfach zu groß wäre.“ Gelangweilter Nachwuchs auf Theaterstühlen? Ein gut vorstellbarer Albtraum. Fredrik Rydman hat selbst drei Kinder und hat sich bei der Arbeit am neuen Nussknacker ständig vorgestellt, wie er sie an das Geschehen auf der Bühne fesseln könnte.

Es ist ihm gelungen. Die Premiere in Schweden jedenfalls lässt das vermuten. Viele Vorhänge, stehende Ovationen und ein Macher, der all das kaum mitbekommt: „Ganz ehrlich: Während ich im Publikum saß, habe ich die ganze Zeit nach Fehlern geschaut. Aber es freut mich natürlich sehr, dass es dem Publikum offenbar gefallen hat.“

Ballett, Rock und Pop

Fehler hat er auch nicht viele gefunden. Denn für Ellen Lindblad und ihre Kollegen ist der Nussknacker eine Riesenchance, dem Genre neues Leben einzuhauchen. Dementsprechend kniete man sich rein, oft von 9 Uhr morgens bis um 17, 18 Uhr abends: „Ich wollte immer Ballett tanzen. Und ich habe auch auf diese Karte gesetzt, als ich zum Beispiel 2013 fast nichts zu tun hatte und im Café aushelfen musste. Ich bin jemand, der sehr straight ist und sein Ding durchzieht“, erklärt die zierliche Frau.

Dass sie auch zu Rock und Pop auf der Bühne zappeln darf, hat den Spaßfaktor erheblich erhöht. Um ihr Auskommen in den nächsten Jahren muss sich Lindblad jedenfalls keine Gedanken machen. Ein bisschen halt wie Clara, die auf der Suche nach dem Glück auch irgendwann fündig wird. Denn natürlich ist der ungelenke Nussknacker ein Prinz, den es nur noch zu erwecken galt...

„Nutcracker reloaded“ ist vom 16. bis 21. Januar im Düsseldorfer Capitol-Theater zu sehen.