Bayreuther "Parsifal" zeigt Weltfrieden aller Religionen

Premiere im Festspielhaus

Für das Wagner-Jahr 2013 an der Oper Köln hatte Uwe Eric Laufenberg, damals noch Intendant der Oper Köln, seine Inszenierung von Wagners "Parsifal" konzipiert. Der Abend kam in Köln nicht zustande, weil Laufenberg seinen Vertrag kündigte. Die Bayreuther Festspiele (und Laufenberg) haben Weitsicht bewiesen, indem sie diese sehr aktuelle Inszenierung eingekauft haben. Es geht um die Utopie eines religiösen Weltfriedens, die Erlösung aller Religionen.

BAYREUTH

, 26.07.2016, 12:16 Uhr / Lesedauer: 2 min

Vor der Tür des Festspielhauses bewacht am Montagabend eine Polizeihundertschaft die Gäste. Auf der Bühne campieren im ersten Akt Flüchtlinge in einer christlichen Kirche im Nahen Osten (Bühne: Gisbert Jäkel). Vor der Kirchentür tobt Krieg; Soldaten marschieren durch die Kirche, während die Gralsritter in Mönchskutten ihre Zeremonie abhalten.

Klingsor in der Moschee

Dass dieser Kirchenraum im Irak steht, sieht man in der Verwandlungsszene im Video von Gérard Naziri - mit dem Video in der zweiten Verwandlungsszene einer der schwächsten Momente der ansonsten vom Publikum zwar mit einigen Buhs, aber überwiegend Zustimmung gefeierten Premiere. Das Video führt von der Kirche im Irak in ferne Galaxien. Da bietet heute jedes Stadttheater pfiffigere Filmkunst.

Gralskönig Amfortas (der stimmlich und darstellerisch fantastisch präsente und großartige Ryan McKinny) ist ein verwundeter Christus mit Dornenkrone, der auf einem leuchtenden, runden Altar aufgebahrt die Linderung seiner Schmerzen durch die Gralsenthüllung erfährt.

Dusch-Szene ist unfreiwillig komisch

Kundry, die Helferin der Gralsritter, ist eine Muslima. Im zweiten Akt (dem schwächsten der Inszenierung, abgesehen von einer unfreiwillig komischen Regen-Urwald-Einlage im dritten Akt mit im Regen tanzenden Nackten und Riesenpflanzen wie in einem Steven-Spielberg-Film) ist Kundry das Werkzeug von Klingsor, der Kruzifixe hortet und dessen Zaubergarten eine Moschee ist. Mit Blumenmädchen, die ihre Burka-ähnlichen Gewänder abstreifen, um Parsifal im Bikini im orientalischen Bad zu verführen (Kostüme: Jessica Karge). Dieser Akt hat Stadl-Charakter, der zu dem Bühnenweihfestspiel nicht passt.

Die Islamkritik findet nicht statt

Eine Gegenüberstellung der Religionen und Riten ist die Inszenierung - ohne die zuvor befürchtete Islamkritik. Erlösung finden alle Religionen im dritten Akt in einem neutralen Raum. Im Sarg von Titurel (tolles Bayreuth-Debüt: der Dortmunder Bassist Karl-Heinz Lehner) heilt Parsifal mit dem Schwert Amfortas' Wunde. Und nach dem Karfreitagszauber werfen Menschen aller Religionen (Statisten und der riesige Festspielchor) Symbole ihrer Religion in den Sarg. - Welterlösung im Nebel vor der Erdkugel und eine Utopie von einer Brüderschaft ohne religiöse Konflikte. Nur eine Frage bleibt offen: Wer ist der Mann im Mond, der vier Stunden oben auf dem Bühnenportal hockt? Ein Gott?

Musikalisch ist dieser "Parsifal" nur zum Teil spektakulär. Der eingesprungene Hartmut Haenchen am Pult führt das Festspielorchester mit schlankem Klang, sehr durchsichtig durch die Partitur, sorgt aber nicht für große mystische Tiefe. Zuweilen erinnert das an Thomas Hengelbrocks "Ruhr Parsifal" 2013 im Konzerthaus Dortmund und in der Philharmonie Essen - allerdings in deutlich langsameren Tempi.

Starker Gurnemanz

Bassist Georg Zeppenfeld, der seine Karriere am Theater Münster begann, ist als Gurnemanz der überragende Solist: ein starker Bass, präsent in allen Lagen. Ryan McKinny singt den Amfortas mit geschmeidigem Bariton, ebenfalls großartig. Bei der Russin Elena Pankratova als Kundry wünschte sich mancher Übertitel; Gerd Grochowski blieb als Klingsor etwas blass, da fehlte das Magische in der Stimme des Zauberers. Und auch von Klaus Florian Vogt hatte man als Parsifal vor allem im zweiten Akt mehr erwartet. Starke Momente hatte er, wenn er lyrisch mit silbrig heller Stimme den "reinen Tor" singen durfte.

Starke, einprägsame Bilder hat die Inszenierung nicht, aber eine sehr schöne Botschaft.

So geht es weiter: 3 Sat sendet am Samstag (30. 7.) ab 20.15 Uhr die Aufzeichnung des Parsifal“.  Bei den Festspielen geht es mit dem „Ring“ (Regie: Frank Castorf) mit Marek Janowski am Pult weiter. Bis 28. 8.stehen der „Fliegende Holländer“ (Leitung: Axel Kober) und „Tristan und Isolde“ (Christian Thielemann) auf dem Programm. 2017 inszeniert Barrie Kosky die „Meistersinger von Nürnberg“, es dirigiert Philippe Jordan.
 

 

 

 

 

 

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