Die Qualitäten eines Kapitäns und seiner Mannschaft zeigen sich erst bei schwerer See. Was Bürgermeister Werner Kolter aus seinem Hobby weiß, bestätigt sich nun auch auf der Brücke des Rathauses. Dort steht Kapitän Kolter zunehmend allein, weil seine Offiziere das Weite suchen. Eine Analyse.

Unna

, 21.08.2018, 05:00 Uhr / Lesedauer: 4 min

Es war auch eine Art Treueschwur, den die Beigeordneten Karl-Gustav Mölle und Ralf Kampmann ablegten, als sie 2016 mit einem Modell für die Altersteilzeit an den Rat der Stadt herantraten. Zwar wollten beide dem öffentlichen Dienst schon vor dem Ende ihrer laufenden Amtszeit den Rücken kehren. Aber beide wollten noch zumindest bis Herbst 2020 im Dienst bleiben, um dann gemeinsam mit Bürgermeister Werner Kolter das Rathaus verlassen zu können. Mölle wäre dann 62 Jahre alt, Kampmann 61 – und Kolter 71.

Inzwischen sieht die Situation im Rathaus ganz anders aus. Zum Ende seiner Ära muss Kolter mehr Umbesetzungen an der Spitze der Stadtverwaltung hinnehmen als erwartet. Mit Ralf Kampmann und Uwe Kutter sind zwei seiner vier Beigeordneten auf dem Absprung. Die Zukunft von Kolters „erstem Offizier“ Karl-Gustav Mölle wirft in politischen Kreisen Fragen auf. Allein auf Kerstin Heidler, mit 36 Jahren die Jüngste im Verwaltungsvorstand, kann Kolter sicher bauen.

Uwe Kutter geht in Ruhestand

Am wenigsten eine Überraschung ist das Ausscheiden von Uwe Kutter. Für den Juristen endet am 14. Januar 2019 die reguläre Wahldauer. Spätestens mit seiner Bürgermeisterkandidatur in Hemer hatte Kutter Ende 2015 klar gemacht, dass er sich in seinem Leben eine Veränderung vorstellen kann. Er wolle auch einmal Kapitän sein, nicht nur Steuermann, hatte der damals 62-jährige Kutter seine Motivation gegenüber unserer Redaktion erklärt. Daraus geworden ist nichts, denn in der CDU-Hochburg Hemer kam Kutter gerade einmal auf Platz 3. So blieb er für drei weitere Jahre Offizier unter Kapitän Kolter in Unna, zuständig für Wohnen, Soziales und Senioren, das Rechtswesen, Umwelt, Ordnung und Sicherheit, Bürgerservice, Feuerschutz und Rettungswesen. Ab 2019 dürfte man Kutter dann häufiger am Lenker seines Motorrad erleben.

Kampmann ist die Kraft ausgegangen

Der Technische Beigeordnete Ralf Kampmann wäre schon im Modell der Altersteilzeit der jüngste Ruheständler des heutigen Verwaltungsvorstandes geworden. Bei einem Ausscheiden zeitgleich mit Bürgermeister Werner Kolter wäre er 61. Doch seine aktuellen Bestrebungen würden auf einen Vorruhestand mit 59 hinauslaufen. Kampmann hat einen Antrag auf vorzeitige Entlassung gestellt, über den der Rat in seiner ersten Sitzung nach der Sommerpause entscheiden soll. Der zuletzt 2013 wiedergewählte Technische Beigeordnete ist langfristig erkrankt, fehlt im Rathaus schon seit Monaten. Es ist der zweite längerfristige Ausfall des Beigeordneten für Bauleitplanung, Bauordnung, Immobilienmanagement, Straßen- und Verkehrswesen in seiner laufenden Amtszeit. Dass in diesem Schlüsselressort eine Neubesetzung notwendig wird, ist für Kolter und die Stadt eine Herausforderung. Andererseits scheint es im Rathaus auch eine gewisse Erleichterung zu geben, dass Kampmann mit seinem Antrag endlich den Weg dafür frei macht. „Es bietet auch die Chance auf einen vorgezogenen Neuanfang zumindest im Baubereich“, erklärt der stellvertretende SPD-Stadtverbandsvorsitzende Ralph Bürger im Gespräch mit unserer Redaktion.

Mölle steht im Mittelpunkt von Spekulationen

Unnas Erster Beigeordnete Karl-Gustav Mölle lässt derzeit die Gerüchteküche brodeln. Auch er ist inzwischen seit einigen Wochen erkrankt, und in politischen Kreisen gibt es dafür Deutungsversuche. Mit Vorsicht zu genießen sind sie allemal, enthalten die Fakten doch zu viel Widersprüchliches. Mölle war zuletzt in seiner Rolle als Geschäftsführer der WBU in die Kritik geraten. Der Niedergang der Eishalle wurde ihm als persönliches Versagen vorgeworfen. Doch was den Lügen-Vorwurf in Bezug auf den tatsächlichen Zustand der Eishallentechnik angeht, gilt Mölle nach dem Ortstermin der Bürgerinitiative „Unna braucht Eis“ mit einem eigenen Techniker als rehabilitiert. Dass er mit seinem Leben irgendwann einmal etwas anderes anfangen wolle, hatte Mölle schon als Erklärung für seine Bitte nach einer Altersteilzeit ab Herbst 2020 eingeräumt. Allerdings wäre Mölle, der 1976 eine Verwaltungslehre in Holzwickede angefangen hat, dann auch 44 Jahre im öffentlichen Dienst gewesen. Und wirklich müde wirkte er bislang nicht.

Schwierige Nachfolgersuche auch für Kolter selbst

Die Probleme auf der Brücke des Rathauses relativiert es nicht wirklich. Kampmann und Mölle fehlen in ihren Ressorts in einer Zeit, in der gerade ihre Führung nötig wäre. Bauvorhaben von der Fußgängerzone bis zur Hellweg-Realschule müssen verantwortet werden. Im Finanzressort steht Unna noch immer vor der Aufgabe, 2,5 Millionen Euro jährlich durch schlankeres Wirtschaften einzusparen oder die Steuern anzuheben.

Und auch um die Nachfolge von Kutter muss die Stadt sich kümmern. Gerade dabei allerdings beweist Unna eine gewisse Trägheit: Obwohl das Enddatum von Kutters Amtszeit schon mit dem Tag der Wahl festgelegt war, ist noch nichts unternommen worden, um seine Nachfolge zu regeln. Fünf Monate vor seinem Abschied soll das Thema nun erst einmal in die Fraktionen gegeben werden.

Dass schon die Kutter-Nachfolge so ein Problem wird, richtet den Blick auch auf die Kolter-Nachfolge. Dass sich das Zugpferd der SPD ein weiteres Mal auf die Kandidatenliste setzen lässt, ist ausgeschlossen. Aber wer ihn 2020 ablösen soll, ist weiterhin unklar. Zum Jahresbeginn hieß es in der Partei, dass sie sich 2018 daran begeben werde, diese Frage zu beantworten. Zumindest bis zur Sommerpause scheint sie aber nicht einmal gestellt worden zu sein. Ob sich der Parteivorstand bei seiner nächsten Sitzung im September damit befasst, ist noch offen. Zumindest soll die Vorbereitung eines Parteitages im Herbst ein Thema sein – klassischerweise eine gute Gelegenheit, einen Bürgermeisterkandidaten aufzustellen.

Auch CDU hat noch keinen Kandidaten im Blick

Tatsächlich aber scheint in der SPD Ratlosigkeit zu herrschen, wer in die großen Fußstapfen Kolters treten soll. Einige Namen kursieren – aber auch dies dürften Spekulationen sein, die das parteiinterne Vakuum ausfüllen. Fragt man diese potenziellen Kandidaten nach ihren Ambitionen, winken sie ab. Und: Keiner von ihnen scheint wirklich unumstritten zu sein.

Da tröstet es in der SPD eher wenig, dass sich auch der traditionell stärkste Mitbewerber schwertut. Von der CDU hieß es zwar bereits, dass sie bei der nächsten Bürgermeisterwahl definitiv einen eigenen Kandidaten aufstellen würde. Doch gefunden scheint er noch nicht. Vorteil für die CDU: Sie kann es sich erlauben, auf die SPD zu reagieren. Beide wären allerdings gut beraten, den Kandidaten oder die Kandidatin allmählich bekannt zu machen, wenn auch noch verdeckt.