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Beichte statt Bares

Wohnstift Augustinum

„Fünf Minuten über eine lästige Angewohnheit“, lese ich auf dem Preisschild eines gläsernen Bierkrugs. Auf dem IntimitätenFlohmarkt im Wohnstift Augustinum braucht man kein Geld. Nur Geschichten, Erlebnisse und Mut.

LÜCKLEMBERG

von Von Vanessa Martella

, 27.08.2010
Beichte statt Bares

Vom Topflappen bis zur Wäscheklammer kann man alles kaufen - aber nur für eine Geschichte. Im Nebenraum erzähle ich (r.) Alexandra Müller aus meinem Leben. Das kleine Kamel hat einer meiner Vorredner ausgesucht, aber stehen lassen.

Bücher, Porzellan, und Tierfiguren – auf dem Flohmarkt von Alexandra Müller gibt es, was man auf einem Flohmarkt erwartet. Aber: Hier zahlen die Kunden nicht mit Geld, sondern mit Gesprächen. Für die Ruhr Nachrichten mache ich mit. „Informationen sind heutzutage wie eine Währung“, erklärt die 27-jährige Künstlerin, die den Intimitäten-Flohmarkt bereits zum siebten Mal veranstaltet.

Ich stöbere durch die Sachen, die auf dem Stand in der Eingangshalle drapiert sind. „Zwei Minuten über etwas, für das man sich zu dumm hält“ muss man für ein altes Micky Maus Portemonnaie aufbringen. Ein Handspiegel kostet „Fünf Minuten über ein Tier, dass einem Angst macht“. Ich gehe zu den Büchern, in jedem ist ein neues Preisschildchen verborgen. 2006 zog Alexandra Müller beim „Raumsauger Festival“ in Hildesheim nackt in einen leer stehenden Laden und lebte dort eine Woche lang nur von dem, was ihr gebracht wurde. „Diesmal möchte ich etwas machen, wo die Leute im Mittelpunkt stehen.“ Mittlerweile habe ich mich entschieden. Der Thriller „Die Chirurgin“ von Tess Gerritsen soll es sein. Der Preis: „Drei Minuten über etwas, vor dem man weggelaufen ist.“

In einem kleinen Nebenraum stehen Stühle, Wassergläser und ein Aufnahmegerät. Ich zeige, was ich ausgewählt habe und lege los. Alexandra Müller hört zu und hilft mir mit Nachhaken auf die Sprünge, wenn ich ins Stocken gerate. Nach anfänglicher Aufregung entspanne ich mich in ihrer Gegenwart, die drei Minuten verfliegen. Erstaunlich, wie offen ich mit Alexandra Müller rede. Über etwas, das ich nicht einmal meiner Mutter erzählt habe. Gut, dass ich mich auf die Anonymität der Aufnahmen verlassen kann.

  • Am Sonntag (29. 8.) liest Alexandra Müller ab 15 Uhr Auszüge aus den Gesprächen vor.