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Bewegende Flüchtlings-Berichte gegen Vorurteile

„Aus Fremden werden Freunde“. Der diesjährige Titel der ökumenischen Podiumsdiskussion der evangelischen Christus-Kirchengemeinde und der Kolpingsfamilie Bövinghausen bewegte die Menschen: Mehr als 150 Besucher im Gemeindehaus an der Provinzialstraße erlebten einen informativen und emotionalen Freitagabend.

BÖVINGHAUSEN

, 14.02.2016 / Lesedauer: 3 min
Bewegende Flüchtlings-Berichte gegen Vorurteile

Miteinander anstatt übereinander Reden und so Vorurteile überwinden: Auf der Podiumsdiskussion in Bövinghausen gelang das eindrucksvoll.

Nicht über, sondern mit den Zugereisten reden, informieren und damit Vorurteile abbauen – jede kleine Gesprächsrunde der gut dreistündigen Veranstaltung trägt zu diesem Ziel bei. „Die Menschen gehen anders mit den Flüchtlingen um, wenn sie ihnen direkt begegnen“, erklärt Pfarrer Michael Mertins im Gespräch mit Cecilia Nongorth. Geistige Heimat

"Ich bin hier zur Ruhe gekommen"

Nongorth ist aus Ghana geflohen, seit 2014 in Dortmund und lebt mittlerweile in Bövinghausen. „Hier bin ich zur Ruhe gekommen und habe mit meinen drei Jungen eine eigene Wohnung“, blickt sie auch auf die ersten unruhigen Wochen und Monate in der Notunterkunft an der Adlerstraße zurück.

In der evangelischen Gemeinde fanden die Christin und ihre Kinder eine geistige Heimat. „Die Jungs sprechen jetzt besser deutsch als ich englisch“, berichtet Mertins und lacht. „Wir haben sie in den Kindergottesdienst eingeladen, mittlerweile können sie den deutschen Kindern das Abendmahl oder die Geschichte von Jona erklären.“

Cecilia Nongorth wünscht sich den Schwung, den sie aus den Gottesdiensten ihrer Heimat kennt. „Ich möchte tanzen und klatschen“, ruft sie temperamentvoll. Die Zuhörer sind begeistert. Dabei ist ihre weitere Zukunft noch offen. Ghana gilt als sogenanntes sicheres Einwanderungsland, in dem Christen nicht verfolgt werden. Mertins verweist auf die Einzelfallprüfung, auf die Nongorth ein Anrecht habe.

Bilder aus dem Bürgerkriegsland

Dieses Verfahren haben Malek Amir und seine Familie bereits erfolgreich hinter sich. „Ich habe ein wenig Angst, vor so vielen Menschen zu sprechen“, erklärt der Syrer. Er lacht: „Aber wir machen das.“ Bilder auf der Leinwand können nur andeuten, warum Amir, seine Frau Fatima Sheko sowie die Kinder Dara und Siver das Bürgerkriegsland verlassen mussten. Die Aufnahmen zeigen die Region um Aleppo vor und nach dem Bombardement. In Syrien arbeitete Malek Amir als Buchhalter in einem Hotel.

"Zu Hause sitzen ist nicht gut"

Nach einem Praktikum beim Caritasverband Dortmund hat er eine Initiativbewerbung geschrieben. „Ich möchte auch arbeiten, ich liebe Arbeit“, betont Fatima Sheko. „Zu Hause sitzen ist nicht gut.“ Bis er eine Festanstellung gefunden hat, engagiert sich Malek Amir ehrenamtlich in der Flüchtlingshilfe. 50 Familien half er dabei, beim Umzug aus den Übergangseinrichtungen in die eigene Wohnung diese mit gespendeten Möbeln einzurichten. „Es ist beeindruckend, mit welcher Planung und Strategie er dabei vorgeht“, berichtet Margarete Koniecny.

Sie arbeitet ehrenamtlich in der Pfarrcaritas im Pastoralen Raum Dortmund West und stellt die Verbindung zwischen Spendern und Hilfe Suchenden her. „Ein Kontakt ergibt den nächsten, so dass das Engagement von Malek Amir fast zum Selbstläufer geworden ist. Die Spendenbereitschaft steigt und die Unsicherheit verschwindet.“

Amir berichtet den Zuhörern auch von bürokratischen Regelungen, die vorgeben, in welcher Reihenfolge ein Praktikum, ein berufsbezogener Sprachkurs und in der Folge dann eine Bewerbung bei einem Arbeitgeber erfolgen muss. Die größte Hürde betrifft aber die gesamte Familie.

Heiratsurkunde fehlt

Als Ehepaar mit zwei Kindern registrierte sie die Erstaufnahmestelle und als solche führt sie auch das Jobcenter. Allein das Standesamt führt Malek Amir als alleinreisenden Flüchtling, Fatima Sheko als Mutter mit zwei Kindern. „Es verlangt, ein Papier abzugeben“. Die Heiratsurkunde blieb bei der Flucht zurück, erklärt Amir den fassungslosen Zuhörern in Bövinghausen. „Da hat die Bombe eingeschlagen und alles war weg.“