Blinder Seher verbirgt seinen gefräßigen Bauch

Theater an der Ruhr

Neues Jelinek-Stück „Am Königsweg“ trifft im Theater an der Ruhr in Mülheim auf Jarrys „König Ubu“.

Mülheim

, 19.11.2017, 14:41 Uhr / Lesedauer: 2 min
Blinder Seher verbirgt seinen gefräßigen Bauch

Simone Thoma spielt Elfriede Jelinek als blinde Seherin, doch die anderen Spieler beachten sie nicht. Foto: Schmitz

Elfriede Jelineks Abrechnung mit Donald Trump gab es in diesem Jahr schon in „Kein Licht“ bei der Ruhrtriennale. Ihr vor drei Wochen in Hamburg uraufgeführtes Stück „Am Königsweg“ allerdings geht weiter, nimmt bei allen, sehr deutlichen Anspielungen auf den US-Präsidenten wesentlich die moderne Mediengesellschaft in den Blick, für die das „Gesichtsbuch“ (Facebook) zum „Geschichtsbuch“ wird.

Eine Gesellschaft, die Neid und Zerstörungswut durch Stimmungsmache und Hasskommentare in sozialen Medien und Netzwerken auslebt, und der die Literaturnobelpreisträgerin als nicht mehr gehörte blinde Seherin gegenübertritt.

Königlich in Szene gesetzt

Philipp Preuss und seine Ausstatterin Ramallah Aubrecht setzen das im Theater an der Ruhr sehr königlich in Szene: Ein Vorhang aus goldenen Lamettafäden rahmt die Bühne, aus dem Off ertönt Händels pompöses Königs-Anthem „Zadok the Priest“, dessen Thema viele mit der Eröffnungsmusik der Champions League assoziieren – einer von vielen geschichtlichen Querverweisen in dieser Inszenierung. Fünf blinde Seher in Bademänteln dürfen abwechselnd den güldenen König spielen.

Zwischenvorhänge mit Titeln gliedern den von Jelinek wie immer als ausufernden Gedankenstrom ohne Personen und Szenen angelegten Text. Die virtuosen Schauspieler bringen die Wortspiele und Metaphern wirkungsvoll zur Geltung.

Und Preuss hilft mit: Eine aufgestellte Wahlurne ist mit Asche gefüllt, Vögel zwitschern (Twitter-Anspielung), ein Shitstorm entlädt sich aus Airbrush-Maschinen.

Jarry ist der Clou

Als besonderen Clou gibt es Einschübe aus Alfred Jarrys absurd-komischem „König Ubu“ von 1896. Rupert Seidel spricht diesen gefräßigen Triebmenschen, dessen Gesicht auf den nackten Oberkörper von Thomas Schweiberer aufgemalt und in Vergrößerung auf einen Gazevorhang projiziert wird.

Simone Thoma stiftet ihn als seine machtversessene Frau tänzelnd zum Königsmord an. Sie tritt später auch als Elfriede Jelinek selbst auf, wütend – und dann doch irgendwie resignierend.

Termine: 24.11., 1./9.12.; Karten: Tel. (0208) 5990188.
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