Blitze in der Dunkelkammer

Theater Dortmund

Jedes Bild ein Kunstwerk. Im Dunkel drückt Marcel Schaar den Auslöser, Sekunden nach dem Blitz erscheint der Schnappschuss auf Leinwand. Menschen in gefrorenen Momenten. "Hell/ein Augenblick" ist ein theatralisches Fotoalbum, eine Meditation zu Zeit und Erinnerung.

DORTMUND

, 12.02.2017, 16:37 Uhr / Lesedauer: 1 min
Blitze in der Dunkelkammer

Akteure im glimmenden Kubus: Das Stück schafft starke Bilder, die sich in die Erinnerung des Zuschauers einbrennen.

Dass Kay Voges ein Grenzgänger zwischen den Künsten ist, hat sich herumgesprochen. Video und Musik sind integraler Teil seiner Inszenierungen, mit "Hell" (Premiere war Samstag im Dortmunder Megastore) holt er die Fotografie ins Theater.

Marcel Schaar steht bei den Darstellern, schießt Porträts, die dann wie bei Snapchat kurz zu sehen sind. Andreas Beck als trauriger Clown. Bettina Lieder, die dem Tod den Stinkefinger zeigt. Braut und SS-Mann. Uwe Schmieder, den Kopf verkabelt wie ein Jesus mit Dornenkrone.

Nachbilder im Kopf

Bilder, die sich einbrennen. Wegen ihrer Schwarzweiß-Ästhetik, die (obwohl digital erstellt) eine analoge "Körnigkeit" zu haben scheint. Wegen der Posen, die auch mal nach einer Pieà aussehen und Bildhauerei nachahmen. Wenn die Fotos auf der Leinwand verschwinden, sind sie immer noch da - als verblassende Nachbilder in unserem Kopf, helle Rechtecke vor der Schwärze des Raumes.

Das Stück kreist um Bilder und Nachbilder des Erinnerns. Was bleibt von uns, woran halten wir uns fest im Strom der Zeit, im ewigen Werden und Vergehen? Fangen Fotografien unser Wesen ein?

Aus Texten von Schopenhauer, Nietzsche, Thomas Mann, Tschechow, Goethe, Heiner Müller und anderen haben Voges und seine Dramaturgen einen Gedankenstrom komponiert, den die Schauspieler in Mikrofone sprechen. Konkret wird es, wenn der todkranke Christoph Schlingensief mit Gott hadert. Anderes ist Metaphysik und Philosophie, die uns manchmal überfordert.

Hypnotischer Zauber

Sensorisch ist diese Blackbox der Erinnerung ein großer Wurf. Das Zusammenspiel von Fotos, Musik (Tommy Finke), Bühne (Pia Maria Mackert), Darstellern (und Dunkelheit!) hat einen hypnotischen Zauber, der ganz wunderbar ist. Ein Bravourstück, ein Bühnenereignis, das lange nachhallt.

Termine: 18. 2., 1. / 18. / 26. 3., 16. 4., 12. 5., 22. 6; Karten: Tel. (0231) 5 02 72 22.

 

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