Blutbad im Fischerhaus

Oper Dortmund

So viele Bravo-Rufe und kein einziges Buh hat Regie-Provokateur Tilman Knabe wohl selten vor dem Vorhang entgegengenommen wie am Samstag nach der Premiere von Brittens Oper "Peter Grimes" im Dortmunder Opernhaus.

DORTMUND

, 10.04.2016 / Lesedauer: 3 min
Blutbad im Fischerhaus

Peter Grimes (Peter Marsh) ersticht in Tilman Knabes Inszenierung der Britten-Oper in Dortmund das Kind.

Das Enfant-Terrible der Regieszene zeigt im Dortmunder Opernhaus das Psychogramm eines Mörders. Während der Charme bei Britten ist, dass es offen bleibt, ob Peter Grimes die Lehrjungen ermordet hat, ist der Fischer für Knabe zumindest beim zweiten Jungen ganz klar der Mörder: Der Waisenjunge liegt erstochen auf dem Bett in der Fischerhütte; da kann Knabe auch ein paar Flaschen Theaterblut verschütten lassen, ohne das seine Inszenierungen meist nicht auskommen.

Es ist ein sehr düsterer "Peter Grimes". Das Meer sieht man in den drei Stunden nie; es ist hinter einer Kaimauer versteckt (Bühne: Annika Haller). Davor stehen eine Spelunke, in dem im dritten Akt (etwas zu parodistisch) die Spaßgesellschaft Polonaise mit Papphut tanzt, und ein Kiosk. "Ocean View" heißt der - den Namen bekam er wohl bevor die Kaimauer gebaut wurde.

Außenseiter

Zugespitzt auf den Außenseiter der Gesellschaft, der zum Mörder wird, weil er verachtet wird, macht Knabes Regie auch dann noch Sinn, wenn er Peter Grimes die Ehefrau verprügeln lässt. Emily Newton ist diese Ellen - wieder eine überragende Rollengestaltung der vielseitigen amerikanischen Sopranistin, stimmlich und schauspielerisch. Träume, Liebe, Fürsorge zu dem Waisenkind und Angst vor Peter Grimes zeigt sie mit großer Leidenschaft.

Tenor Peter Marsh ist ein Peter Grimes, der mehr zärtliche als brutale Seiten offenbart und im dritten Akt erschrocken wirkt über das Blutbad, das er angerichtet hat. Vorzüglich passt die lyrische Stimme von Peter Marsh zu dieser Figur.

Packende Orchesterstürme

Auch Nebenrollen wie die dralle Wirtin der Kaschemme (Judith Christ), die beiden aufreizenden Nichten (Kostüme: Eva-Mareike Uhlig), den Kapitän, ein Cowboy der Meere (stark: Sangmin Lee), und die Witwe mit Miss-Marple-Talent (Martina Dike) hat Knabe klug durchleuchtet.

Opernchor und Extrachor, die oft in kleine, enge Räume gespült werden, sind wie gewohnt großartig. Und die Dortmunder Philharmoniker lassen unter Leitung von Gabriel Feltz packende Orchesterstürme im Graben toben, finden aber auch sehr feine und farbige Töne für die lyrischen Momente. Musikalisch ist dieser "Peter Grimes" erstklassig.

Leider gibt es nur noch fünf Vorstellungen und beide Logenränge sind nicht im Verkauf. Da hätte die Oper Dortmund ruhig mutiger sein können. Sehenswert ist diese erste Aufführung einer Britten-Oper in Dortmund.

Termine: 15./24.4., 4./ 15.5., 12.6.; Karten: Tel. (0231) 5027222.