Bohemiens unserer Tage

Puccini im Theater Hagen

HAGEN Es war eine kleine Randnotiz im großen Wirbel um das Bahnhofprojekt "Stuttgart 21": Eine Gruppe von Künstlern, die jahrelang in alten Eisenbahnwaggons auf dem stillgelegten Stuttgarter Nordbahnhof gelebt und gearbeitet hatte, musste im Mai der Riesenbaustelle Platz machen. Um sie nicht auf die Straße setzen zu müssen, spendete ihnen die Bahn ein Paar gebrauchter Bürocontainer als neue Bleibe und siedelte sie in einen anderen Güterbahnhof um.

von Von Karsten Mark

, 26.09.2011, 13:15 Uhr / Lesedauer: 1 min
Auch Bohemiens gehen gerne Einkaufen: Sarah Längle (Musetta), Horst Fiehl (Benoît) mit Chorsängern.

Auch Bohemiens gehen gerne Einkaufen: Sarah Längle (Musetta), Horst Fiehl (Benoît) mit Chorsängern.

Regisseur Bruno Berger-Gorski erkannte in ihnen die Bohemiens unserer Tage: Künstler, die ein Leben unter einfachsten Bedingungen in Kauf nehmen, um ihre eigenen Projekte verwirklichen zu können - ganz so, wie sie mit Puccinis "La Bohème" auf der Opernbühne endgültige Berühmtheit erlangten.

Also lässt Berger-Gorski Bühnenbildner Peer Palmowski ebenfalls zwei Container im Theater Hagen aufstellen, um seine Sänger-WG zu beherbergen. Es ist ein kleiner, sympathischer Einfall, der in seiner gelungenen Umsetzung einiges zur atmosphärischen Dichte dieser Inszenierung beiträgt.Leichter Humor, tiefe Tragik Etwas Besonderes ist dem Regisseur in seiner alten Heimatstadt Hagen gelungen, weil er die Feinheiten der Partitur im Spannungsfeld aus leichtem Humor und tiefer Tragik, jugendlichem Elan und großer Innigkeit mit sicherem Gespür auf die Bühne bringt.

Glücken konnte dies indes nur, weil die Besetzung es auch hergibt. Rafael Vázquez (Rodolfo), Raymond Ayers (Marcello), Frank Wong (Schaunard) und Rainer Zaun (Colline) sind gesanglich wie komödiantisch eine Traum-WG.Perfekter Einstand Einen perfekten Einstand als neues Ensemblemitglied gibt daneben die amerikanische Sopranistin Jaclyn Bermudez als Mimì, die es vermag, eine durchaus kraftvolle Partie zu singen, ohne die nötige Zerbrechlichkeit und Zartheit im Ausdruck vermissen zu lassen. Sarah Längle singt eine selbstbewusst kratzbürstige Musetta, die eine nachvollziehbare Reifung durchmacht.

Überhaupt wirkt und klingt das gesamte Ensemble ausgesprochen vital und energiegeladen. GMD Florian Ludwig spannt mit den Hagener Philharmonikern weite dynamische Bögen - durchaus weiter als man es im kleinen, akustisch nicht einfachen Opernhaus gewohnt ist. 

Termine: 28.9., 2., 21., 29. 10., 6., 11., 29. 11.; Karten: Tel. (023 31) 207 32 18. www.theater.hagen.de