Bondys Inszenierung "Die Stühle" ist Warteschleife bis zum Tod

Ruhrtriennale

DUISBURG. Ein Elendsbild. Trostloser kann existenzielle Verzweiflung kaum aussehen. Ein Greis und seine Frau bibbern, wimmern und schlurfen im Tattergang durch einen kahlen Bühnenkubus. Ionescos „Die Stühle“, bei der Ruhrtriennale von Luc Bondy inszeniert, wird ohne Klimax und Spannung zur Tortur für den Zuschauer.

von Von Kai-Uwe Brinkmann

, 01.09.2011, 17:51 Uhr / Lesedauer: 1 min
Dominique Reymond (l.) und Micha Lescot in "Die Stühle".

Dominique Reymond (l.) und Micha Lescot in "Die Stühle".

Luc Bondys Inszenierung von Ionescos „Die Stühle“ wurde am Mittwoch bei der Ruhrtriennale gespielt, in der Duisburger Gebläsehalle. Man hat diesen Abgesang auf die Lehranstalt Theater auch als Gegenreflex zu Brecht gelesen. Der wollte dem Humanismus auf die Sprünge helfen. Ionescos Alter brabbelt nur: Aus Resten der Humanität könne man vielleicht noch ein Süppchen kochen. Bitterkeit und Pessimismus haben Ionesco die Feder geführt. Da ist kein Weltgeist, der uns zum Lichte führt. Wir sind in die Welt geworfen, um sie traurig zu verlassen. Diese Traurigkeit exerziert Bondy knüppeldick und zum Steinerweichen.

Die Darsteller des Paares, Dominique Reymond und Micha Lescot, zittern sich durch alle Ticks von Gebrechlichkeit. Der Alte flennt nach der Mama, lässt die Hosen runter, wir sehen seine Windeln. Erbarmen! Weil Ionescos Antitheater Klimax, Spannung, Dramatik verweigert, werden die ersten 90 Minuten zur Tortur, zur quälenden Besichtigung gespielter Klapprigkeit. Für Lichtblicke sorgt ein später Regieeinfall: Hinten tut sich ein roter Vorhang auf, davor der Sessel einer Majestät, unsichtbar wie die anderen (halluzinierten?) Gäste des Paares. Ein Rock‘n‘Roller verliest die Botschaft, die die Welt rettet: kryptisches Krächzen.

Schauspielerisch eine Energieleistung, inszenatorisch eine lange Warteschleife bis zum Tod. Ein Ziel aber erreicht Bondy: Selten wurden Pein und Depression so greifbar wie hier.

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