Brandstifter aus Velen muss nicht ins Gefängnis – Bewährungsstrafe statt Haft

rnBrandstiftung Velen

Der Bundesgerichtshof hatte das Urteil gegen einen 20-jährigen Velener aufgehoben, der wegen Brandstiftung dreieinhalb Jahre in Haft sollte. Nun wurde er zu einer Bewährungsstrafe verurteilt.

von Gunnar A. Pier

Velen

, 02.12.2019, 14:29 Uhr / Lesedauer: 2 min

Er wollte einen Brand legen – doch was er anrichten würde, war ihm nicht bewusst. Davon jedenfalls geht die 1. Große Strafkammer des Landgerichts Münster aus und verurteilte einen damals 18-Jährigen jetzt wegen schwerer Brandstiftung zu einer Jugendstrafe von einem Jahr und zehn Monaten Haft auf Bewährung und 200 Sozialstunden.

Der jetzt 20-Jährige atmete auf: Einem ersten Urteil zufolge sollte er dreieinhalb Jahre ins Gefängnis.

Was am 21. August 2017 an der Schulstraße geschah, darüber gibt es kaum Zweifel – auch dank eines Geständnisses. In seiner Urteilsbegründung ließ der Richter die Geschehnisse Revue passieren.

Der Angeklagte wohnte mit seiner Schwester, seiner Mutter und deren Lebensgefährten in Borken. Doch es stand ein Umzug nach Velen bevor. Den, so der Richter, „wollte er um jeden Preis verhindern.“ Der junge Mann verschüttete in der Wohnung, die sein Zuhause werden sollte, Benzin. Als er es anzünden wollte, kam es zur Explosion und zu einem Feuer.

Weitere Bewohner des Sechs-Parteien-Hauses konnten sich retten oder wurden gerettet. Eine 69-Jährige erlitt eine Rauchgasvergiftung und litt fortan unter einer posttraumatischen Belastungsstörung. Der Sachschaden geht in Richtung eine Million Euro.

Früher Verdacht

Der jetzt Verurteilte geriet schnell in Verdacht: Zeugen hatten die Polizei auf seine Spur gebracht. Er hatte das Haus nach der Explosion fluchtartig verlassen und war mit einem Auto davongefahren. Bei seiner Vernehmung habe er sich in Widersprüche verwickelt.

Im März 2018 verurteilte die Jugendkammer des Landgerichts Münster beim Amtsgericht Bocholt den Täter wegen besonders schwerer Brandstiftung zu dreieinhalb Jahren Haft. Der Bundesgerichtshof sah Widersprüche im Urteil, hob es auf und verwies den Fall an das Landgericht Münster.

Im neuerlichen Prozess ging es vornehmlich um die Frage, ob der Angeklagte sich vor der Tat der Folgen bewusst war. Keine leichte Aufgabe, wie der Vorsitzende Richter erläuterte. Denn der Angeklagte leidet seit Jahren unter schweren Depressionen, Panikattacken und Suizidgedanken.

Als er die Wohnung ansteckte, war er noch nicht lange aus einer stationären Therapie heimgekehrt. Die Tabletten hatte er abgesetzt. Der Umzug nach Velen bereitete ihm regelrechte Angstzustände.

Tod anderer nicht billigend in Kauf genommen

Die Richter beschreiben seinen Zustand zur Tatzeit als „präsuizidales Syndrom“, das zu einer „kognitiven Einschränkung“ geführt habe. Dagegen spreche auch nicht, dass der Täter die Tat planvoll ausgeführt habe: „Die Kammer konnte nicht feststellen, dass er erkannt und billigend in Kauf genommen hat, dass Menschen zu Tode oder in Gefahr des Todes kommen könnten.“

Ein Tötungsvorsatz sei also nicht zu erkennen. Zudem gebe es eine positive Sozialprognose – nicht zuletzt, weil der Angeklagte in der Untersuchungshaft sein Abitur bestanden und inzwischen ein Studium begonnen hat. Zu den Auflagen der Bewährung gehören auch weitere Therapien.

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