Brief an Andreas Künkler

Beckfelds Briefe

40 Jahre bei der Bundeswehr und 35 Jahre bei der Flugbereitschaft flog Andreas Künkler die großen der deutschen Politik durch die Welt. Sein Berufsleben war aufregend und aufreibend, zuweilen geheimnisvoll und abenteuerlich, schreibt Hermann Beckfeld.

28.10.2017, 08:00 Uhr / Lesedauer: 2 min
Brief an Andreas Künkler

Lieber Andreas,

gibt es eine Steigerung von Gänsehaut? Konntest Du die Tränen zurückhalten, als nach Deinen letzten Landungen in Miami und Köln Dir zu Ehren Flughafen-Feuerwehrleute auf dem Rollfeld Wasserfontänen über das Flugzeug schossen? Als in der Heimat Soldaten, Deine Kameraden, an der Gangway nicht für die Mächtigen dieser Welt Spalier standen, sondern nur für Dich? Als der Kommandeur Dir mit bewegenden Worten dankte; für 40 Jahre Dienst in der Bundeswehr, für 35 Jahre in der Flugbereitschaft des Bundesministeriums der Verteidigung, für unvorstellbare 14.000 Flugstunden?

Seit dem 1. Oktober ist es endgültig vorbei, Dein ganz besonderes, ja einzigartiges Berufsleben. Es war aufregend und aufreibend, zuweilen geheimnisvoll und abenteuerlich, nicht selten auch lebensgefährlich. Seit den 80er-Jahren bist Du für die VIP-Fliegerei zuständig, hast unsere Bundespräsidenten und Kanzler, Minister und Botschafter mit der Boeing 707 und später mit dem Airbus A310 geflogen. Richard von Weizsäcker, Helmut Kohl, Gerhard Schröder, Angela Merkel, Hans-Dietrich Genscher und all die anderen, die in den letzten Jahrzehnten große Politik gemacht haben. Ich höre gerne zu, wenn Du in unserer gemeinsamen Stammkneipe Hürter, übrigens nur auf Wunsch Deiner Freunde, Geschichten aus Deinem spannenden Alltag erzählst.

Von unserer Kanzlerin, die nach einem erfolgreichen Staatsbesuch völlig gelöst zu Dir ins Cockpit kam, mit einem strahlenden Gesicht und einem Gläschen Wein in der Hand; der man aber lieber aus dem Weg ging, wenn es schlecht gelaufen war. Von den Flügen in Kriegs- und Krisengebiete wie Afghanistan und Syrien; da wurde Dein Flugzeug von Militärmaschinen eskortiert, und Du musstest den Airbus komplett abdunkeln, um keine Zielscheibe abzugeben. Und auf den fremden Flughäfen bewachten BKA-Beamte an Bord und heimische Soldaten draußen die Maschine, die zusätzlich durch Alarmanlagen und Bewegungsmelder gesichert wurde.

In die Heimat zurückgeholt

Nach dem Besuch der Offiziersschule der Bundeswehr und der Ausbildung bei der Lufthansa hast Du nicht nur Prominente in aller Herren Länder gebracht. Als Fluglehrer hast Du unzählige Flugzeugführer auf der 707 und dem A310 ausgebildet. Ihr habt während des Flugs Kampfjets betankt, Lebensmittel über Katastrophenregionen abgeworfen, nach dem Tsunami in Asien Urlauber evakuiert. Ihr habt tote sowie schwerverletzte Soldaten, die an Bord operiert wurden, in die Heimat zurückgeholt. „Manchmal waren sie so sehr verwundet und entstellt, dass wir nicht erkennen konnten, ob da gerade Frau oder Mann zur Tür reingeschleppt worden ist.“

Die Zeiten wurden schlechter, schneller, unpersönlicher. Früher, da hast Du Richard von Weizsäcker drei Wochen lang auf seiner Südamerika-Rundreise begleitet, Dein Team und Du waren bei den Empfängen und Ausflügen in Mexiko, Chile, Peru, Argentinien und Guatemala dabei. Heute müssen Euch ein paar Stunden Schlaf im Flughafenhotel reichen, weil Politiker auf der Suche nach Frieden rastlos um die Welt hetzen.

Aus. Vorbei. Die schlaflosen, durchflogenen Nächte, die stillen, einsamen Stunden im Cockpit, der Plausch mit den Mächtigen und Managern auf dem Rückflug; aber auch die Geheimniskrämerei um Reisen in Kriegsgebiete, das Leben in ständiger Bereitschaft, von jetzt auf gleich zur nächsten Krise durchzustarten.

Lieber Andreas,

mit 59 bist Du nun Pensionär. Ich bin überzeugt: Der Abschied von Deinem Cockpit, von Deiner Welt über den Wolken würde Dir schwerer fallen, wenn die Erde unter Dir nicht so in Turbulenzen geraten wäre.

Mit besten Grüßen

Hermann