"Call Shop" zeigt Zerrissenheit zwischen zwei Welten

Westfälisches Landestheater

Der Mann muss nach Afrika telefonieren. Er steigert sich in eine Wut, hinter der mehr steckt als Frust über schlechte Verbindungen. Er ist zerrissen zwischen den Welten, aufgefressen von den Erwartungen seiner Familie in Afrika und dem Daseinskampf in Europa.

CASTROP-RAUXEL

von Von Kai-Uwe Brinkann

, 02.02.2014, 17:50 Uhr / Lesedauer: 1 min
"Call Shop" zeigt Zerrissenheit zwischen zwei Welten

Gemeinsam mit Julia Gutjahr spielt Jubril Sulaimon in seinem Stück »Call Shop« am WLT.

"Call Shop", Einakter von Jubril Sulaimon, ist ein Seelen-Striptease, der das existenzielle Dilemma eines Gestrandeten plastisch mitfühlen lässt. Die Heimat verloren, in der Fremde nur geduldet. Das "Paradies" hat sich als Hölle entpuppt.Wettbewerb "In Zukunft" Am Freitag feierte das Stück Premiere am Westfälischen Landestheater (WLT) - verdienter Beifall. "Call Shop" entstand beim Wettbewerb "In Zukunft": Autoren mit nichtdeutschen Wurzeln entwickelten in Workshops eigene Stücke. WLT-Dramaturg Christian Scholze hat sie begleitet, "Call Shop" für die Bühne aufbereitet und Regie geführt.

Jubril Sulaimon aus Nigeria, seit 1992 in Deutschland, bringt Theatererfahrung mit, das spürt man: Er spielt den Afrikaner mit fesselnder Präsenz und schwitziger Energie, die zum tragenden Zentrum des Stückes werden. Rastlos tigert er von Kabine zu Kabine (Ausstattung: Anja Müller). Die Frau im Call Shop (Julia Gutjahr) kann den Mann nicht besänftigen, eruptiv bricht es aus ihm heraus. Ein ganzes Dorf buckelt ihm Sorgen und Nöte auf, als lebe er im Schlaraffenland.

Abschiebung droht

Er braucht neue Papiere, ihm droht die Abschiebung. Blanke Not stecke hinter der "Heiratswut" der Afrikaner, erklärt der Mann. Als man glaubt, das Pulver sei nun verschossen, läuft Julia Gutjahr, bisher Adressatin von Hilferufen, zu großer Form auf. Die Frau hat alle Brücken nach Tschechien abgebrochen, wo sie blutjung anschaffen ging. Sie hat ihr eigenes Kreuz zu tragen. Das öffnet dem Stück eine neue Dimension.

Prima gespielt, ansprechend inszeniert. Nur einmal wird es arg plakativ, als im Video Schlagworte ("Panik", "Bleiberecht") vorbeitanzen. Sehenswert!

Termine: 26./27.2. im Maschinenhaus Essen, Karten: Tel. (0201) 8 37 84 24; 13.4. am WLT, Karten: Tel. (02305) 97 80 20.

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