Castellucci inszeniert Feldmans "Neither" mit spektakulären Bildern

Ruhrtriennale

87 Worte hat Samuel Beckett 1976 auf eine Postkarte gekritzelt und an den Komponisten Morton Feldman geschickt. Sie bilden das "Libretto" für dessen Oper "Neither" ("Weder"), die alle Regeln des Genres über Bord wirft. Romeo Castellucci hatte bei der Inszenierung für die Ruhrtriennale eine schwierige Aufgabe: Er musste in der Bochumer Jahrhunderthalle das Nicht-Verstehen bebildern.

BOCHUM

, 07.09.2014, 12:20 Uhr / Lesedauer: 1 min
Castellucci inszeniert Feldmans "Neither" mit spektakulären Bildern

Szene aus Romeo Castelluccis »Neither«-Inszenierung in der Bochumer Jahrhunderthalle.

Becketts Text handelt von Zwischenzuständen: Türen, die sich schließen, wenn man näher kommt, und öffnen, wenn man sich abwendet. Er handelt vom Gedankenexperiment der Schwelle: weder tot noch lebendig. Castellucci zeigt das Gedankenexperiment des Physikers Erwin Schrödinger: Schrödingers Katze ist eine Veranschaulichung quantenmechanischer Begriffe. Sie steckt in einer Kiste und aufgrund ihres inneren Aufbaus ist es genauso wahrscheinlich, dass sie tot ist oder lebendig.

Merkwürdig dumpf

Wenn die Duisburger Philharmoniker mit der "Ouvertüre" beginnen, die Feldman als "Warten auf den Text" beschrieben hat, findet die Inszenierung zu filmischen Bildern. Das Orchester sitzt hinter Gaze-Vorhängen, wodurch die ziellos mäandernde Musik auch akustisch merkwürdig dumpf an den Rand der Wahrnehmung gedrängt wird.

Dafür schleicht sich immer wieder die starke Sopranistin Laura Aikin hinein, die Becketts Text mit sich wiederholenden Intervallen transzendiert.

Umso intensiver rücken die Bilder in den Fokus: Sie scheinen einen Kriminalfall im amerikanischen Film-Noir-Stil zu erzählen. Doch die Handlung bleibt sinnentleert - wie im absurden Theater. Alle Szenen bebildern für den Menschenverstand unfassbare Zwischenzustände, bringen Unvereinbares zusammen.

 

Einige Zuschauer halten das selbst über die relativ kurze Distanz von anderthalb Stunden nicht aus.

Doch es lohnt sich, zu bleiben: Am Ende geht Castellucci mit einem spektakulären Bild zurück an den Anfang der Filmgeschichte und das Publikum fühlt sich einen Moment lang in seinem sicheren Platz im Welt-Gefüge gefährdet.

Termine: 12./14./19./ 20.9.; Karten: Tel. (0221) 28.02 10.

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