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Ärger um dubiose Werbefirmen - Kunden abgezockt?

Fall in Castrop-Rauxel

Einmal nicht aufgepasst und schon ist die eigene Existenz bedroht: Ein mittelständischer Handwerksbetrieb aus Castrop-Rauxel ist auf eine mutmaßliche Betrugsmasche einer Werbefirma reingefallen und stand vor einer Forderung von 6500 Euro. Durch anwaltlichen Druck sind die mutmaßlichen Betrüger nun eingeknickt.

CASTROP-RAUXEL

, 02.08.2017 / Lesedauer: 6 min
Ärger um dubiose Werbefirmen - Kunden abgezockt?

Ein Castrop-Rauxeler Handwerksbetrieb ist wohlmöglich auf eine Betrugsmasche reingefallen.

Täglich kämpfen mittelständische Unternehmen darum, sich auf dem Markt behaupten zu können. Die Konkurrenz ist hart und gute Werbung nahezu unumgänglich. Das dachte sich auch ein Castrop-Rauxeler Handwerksbetrieb, vertraute auf die Angebote zweier Werbeservice-Agenturen - und kämpfte nun deswegen kurzzeitig ums Überleben.

Mündliche Versprechungen wurden nicht gehalten, die vertraglich versicherte Leistung ist nicht umsetzbar, doch das Geld ist weg. Die Castrop-Rauxeler Geschäftsführer schämen sich und wollen daher nicht namentlich genannt werden. Warnen wollen sie trotzdem – vor einem System, auf das wohl schon Hunderte von Betrieben zwischen Hamburg und Bayern reingefallen sind.

Geschäftsführer geht nichts ahnend ans Telefon und bekommt Besuch

„Wir haben einen Termin für heute Nachmittag“, sagte eine Stimme am Telefon, als der Geschäftsführer der Castrop-Rauxeler Handwerksfirma an den Hörer ging. Am anderen Ende der Leitung: ein Mitarbeiter des HAS-Verlags. Einen Termin gab es bis dato gar nicht, doch das war dem Geschäftsführer zu dem Zeitpunkt nicht klar, weil er gerade im Stress war und den Terminplan nicht exakt im Kopf hatte.

„Wir würden gerne schon jetzt gleich vorbeikommen, wenn es Recht ist. Es geht um die Werbung“, sagte der Mitarbeiter des HAS-Verlag – und erwischte den Castrop-Rauxeler auf dem falschen Fuß.

Der Geschäftsführer sagte zu und wenige Minuten später traf ein Vertreter im Betrieb ein. Nach einem guten und professionell wirkenden Gespräch, so die Frau des Geschäftsführers, habe der Castrop-Rauxeler den Vertrag Mitte Juni unterzeichnet.

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Viermal 2000 Postwurfsendungen erwartete er, einmalig müsse er dafür 740 Euro bezahlen. „Wir sind noch ein junges Unternehmen, anderthalb Jahre vor Ort, und dachten uns, dass es nicht schaden kann, wenn man uns besser kennenlernt“, so die Frau des Geschäftsführers.

Post stellt gar keine Werbung zu

Was die Castrop-Rauxeler zu diesem Zeitpunkt nicht wussten: Postwurfsendungen, also Werbeflyer, die die Deutsche Post zusammen mit Briefen zustellt, gibt es faktisch seit dem 31. Dezember 2015 gar nicht mehr.

Einen ähnlichen – aber anderen, Service – bietet die Deutsche Post mit Postaktuell, doch davon ist im Vertrag keine Rede. Und auch die Zahlungsvereinbarung entpuppte sich nicht so wie mündlich besprochen. Im Kleingedruckten, das der Geschäftsleiter nicht gelesen hat, ist verankert, dass vier Zahlungen zu je 740 Euro fällig sind. Doch das Problem wurde noch größer.

Neuer Deal sollte 590 Euro kosten - tatsächlich waren es 3540 Euro

Genau eine Woche später rief ein Vertreter der Firma plain Werbeservice an. Mit derselben Vorgehensweise und demselben Versprechen. Dass bereits der erste Vertrag nicht so ist, wie es sich die Castrop-Rauxeler versprochen haben, war ihnen bis dato nicht klar. Im neuen Deal sollte das Produkt 590 Euro kosten. Was später klar wurde: Sechs Zahlungen à 590 Euro.

Alles in allem waren also plötzlich für zwei Aufträge 6500 Euro fällig – für eine Leistung, die es gar nicht mehr gibt. „Natürlich hätten wir da aufpassen müssen oder die Firmen googeln müssen, aber man hat viel zu tun und dann geht das leider manchmal unter“, so die Frau des Castrop-Rauxeler Geschäftsführers.

Anwalt: Kleingedrucktes wird mit anderem Blatt verdeckt

„Die Vertreter verdecken bei diesem Vorgehen gerne das Kleingedruckte unter einem anderen Blatt, das sie über den Vertrag legen“, sagt Anwalt Stefan Loebisch. Mit seiner Kanzlei in Bayern hat er schon seit Jahren mit den beiden Unternehmen zu tun, die stets gleich vorgehen. „Mandanten im zweistelligen Bereich“, wie er sagt, habe er bereits gegen die beiden Unternehmen vertreten, die stets im Doppelpack auftauchen.

Das Problem: Gerade für Unternehmen ist es gar nicht so einfach, gegen solche Verträge vorzugehen. "Gewerbetreibende sind ein leichtes Opfer“, sagt Alexander Kostka, Rechtsanwalt und Sprecher der Bauverbände Westfalen. Im Gegensatz zu Privatverbrauchern haben Gewerbetreibende kein Widerrufsrecht. Unterschrieben ist unterschrieben. „Das ist dann ein hartes Brett“, so Kostka.

Solche Maschen sind der Polizei Kreis Recklinghausen schon bekannt

Auch der Polizei im Kreis Recklinghausen sind „Maschen in diesem Stil nicht unbekannt“, so Polizeisprecherin Ramona Hörst. Mehrere Anzeigen seien dort eingegangen, die ein vergleichbares Vorgehen anklagen. „Wie solche Fälle zu bewerten sind, muss aber letztlich das Gericht entscheiden“, so die Polizeisprecherin weiter.

Jochen Seeholzer, Anwalt aus Hamburg, spricht von einer Grauzone. Alleine in den vergangenen drei Jahren habe er Mandanten in 60 bis 80 Fällen gegen beide Firmen vertreten. „Und das ist wahrscheinlich nur die Spitze des Eisbergs.“

Seit zehn Jahren mit den beiden Unternehmen zu tun

Insgesamt habe er sogar schon zehn Jahre mit dem HAS-Verlag und dem plain Werbeservice zu tun. „Arglistige Täuschung und inhaltlich unklare Formulierungen“ wirft er beiden Firmen vor und sei damit „ziemlich erfolgreich“.

Genau das macht auch den Castrop-Rauxelern Hoffnung, die bereits jeweils die erste Rate bezahlt haben. „Je nach Fall kann man sowohl aus dem Vertrag herauskommen als auch sein angezahltes Geld zurückerhalten“, sagt Seeholzer.

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Doch wer steckt hinter den Firmen, die da tätig sind? Der HAS-Verlag stammt aus Hamburg, während der plain Werbeservice aus Pulheim bei Köln stammt. Mehr als 430 Kilometer sind beide Unternehmen voneinander entfernt, trotzdem werben beide innerhalb von kurzen Abständen um dieselben Kunden. „Es wird ein sehr großer Aufwand betrieben, wenn beide so weit entfernt Mitarbeiter in die jeweiligen Orte schicken“, sagt Seeholzer. Wie kann das sein?

Die Geschäftsführer beider Firmen tragen den Nachnamen Kufner. Ursprünglich wohl Brüder. Es ist aber unklar, ob nun dieselbe Person beide Unternehmen leitet. Klar ist hingegen, dass beide Unternehmen nur wenig über sich preisgeben, nur über eine Webseite im Aufbau oder gar keine verfügen. Rückmeldungen auf Anrufe und E-Mails dieser Redaktion gab es nicht.

Weitere Unternehmen aus der Region sind auch schon reingefallen

„Es sind schon sehr viele Zufälle, dass beide Firmen immer im Doppelpack auftreten“, sagt Stefan Loebisch und vermutet, dass die Firmen Kundendaten untereinander austauschen könnten.

Reingefallen ist in der näheren Umgebung nicht nur der Castrop-Rauxeler Betrieb. Das zeigt ein vermeintliches Belegexemplar des Flyers, den die Castrop-Rauxeler bekommen haben. Mittelständische Unternehmen aus Breckersfeld, Mettmann und weiteren Städten sind darauf zu finden. „Ich gehe davon aus, dass der Flyer extra für uns gedruckt wurde, aber das kann ich nicht beweisen“, sagt die Castrop-Rauxelerin. Alle beworbenen Firmen habe sie angerufen. Alle seien auf das Prinzip reingefallen.

Ein Anwalt konnte die Sache regeln

Der Handwerksbetrieb hat im Zuge der Entwicklungen einen Anwalt zu Rate gezogen. Rechtsanwalt Hans-Martin Albers vertritt den Betrieb in der Betrungsangelegenheit. Nun die Wende: „Die HAS Verlag GmbH & Co. KG, bei der meine Mandaten den Vertrag abgeschlossen haben, ist jetzt eingeknickt“, sagt Albers im Gespräch mit unserer Reaktion.

Nachdem er der Firma einen deutlichen Brief geschrieben hatte, kam zu Beginn der Woche die Antwort aus Hamburg. Die Mandanten hätten ja alles ganz falsch verstanden. Natürlich hätte es nur einen Anzeigenauftrag gegeben und nicht mehrere, wie die Mandanten jetzt befürchten. Es habe nur einen einmaligen Vertrag mit einmaliger Zahlung gegeben.

Anwalt einzuschalten, hat sich ausbezahlt

Und dieser eine Auftrag sei auch schon ordnungsgemäß bezahlt worden und damit sämtliche Forderungen vom Tisch, heißt es darin. Man würde seitens der HAS keine weiteren Ansprüche an die Castrop-Rauxeler Firma stellen.

DSich einen Anwalt zu nehmen, hat sich für den Handwerksbetrieb aus Castrop-Rauxel also ausbezahlt. Auf unsere Anfrage haben sich bislang weiterhin weder die HAS Verlag GmbH & Co. KG mit Sitz in Hamburg, noch die Plain Werbeservice GmbH aus Pulheim geäußert.

 

Update 4. August:

Auch die zweite Firma ist eingeknickt: Am Donnerstag sei laut Anwalt Hans-Martin Albers ein Schreiben der Plain Werbeservice GmbH aus Pulheim eingetroffen. „Darin steht, dass der Anzeigenauftrag ordnungsgemäß zustande gekommen ist“, sagt Albers. Trotzdem lässt die Firma „rein aus Kulanzgründen“ und „um die Sache mit seinen Mandaten gütlich zu Ende zu bringen“, wie es in dem Schreiben heißt, alle ausstehenden Forderungen gegen den Handwerksbetrieb fallen. Die beiden Firmen verzichten so auf insgesamt etwa 5000 Euro.

Das empfiehlt die Polizei in solchen Fällen
Die Polizei hat immer wieder mit den unterschiedlichsten unseriösen Methoden zu tun.
Wichtig ist, bei jedem Vertrag, den man unterzeichnet, das Kleingedruckte gründlich zu lesen.
Dem gesprochenen Wort alleine sollen Kunden nicht vertrauen.
Den Personalausweis können sich Kunden von den Vertretern zeigen lassen und die Personalien notieren.
So haben sie im Nachhinein immer eine Person, auf die sie sich beziehen können.
Eine Anzeige bei der Polizei empfiehlt Polizeisprecherin Ramona Hörst den Betroffenen.
Auch das Heranziehen eines Anwalts sei aus Hörsts Sicht definitiv sinnvoll und empfehlenswert.

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