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"Ein starkes Projekt hält Kritik aus"

CASTROP-RAUXEL Nachdem der Bürgermeister den Kunst- und Gestaltungsbeirat zur Chefsache gemacht hat, sprach RN-Redakteur Peter Wulle mit dem Schweriner Architekten Reiner Fuest, früher Geschäftsführer der GeWo und heute Vizepräsident der Architektenkammer NRW über Bausünden und Chancen der Baukultur in Castrop-Rauxel:

von Von Peter Wulle

, 09.11.2007
"Ein starkes Projekt hält Kritik aus"

<p>Architekt Reiner Fuest.</p>

Der Kunst- und Gestaltungsbeirat hat die Pläne für den Bau des städtischen Kindergartens Lummerland deutlich kritisiert. Wie bewerten Sie die pavillon-artige Architektur? Fuest: Das Gebäude, das am Ickerner Markt entstehen wird, passt von der Gestaltung her absolut nicht in das Umfeld der von Alfred Fischer entworfenen St. Antonius-Kirche und der unter Denkmalschutz stehenden Marktschule. Man hätte durchaus auch unter den gegebenen finanziellen Bedingungen ein architektonisch besseres Ergebnis erzielen können.

Wenn die Stadt bei ihren eigenen Bauprojekten schon so wenig Wert auf qualitätvolle Architektur legt, ist dann alles Rufen nach Baukultur nicht nur ein Lippenbekenntnis? Fuest: Ja, wenn man sieht, dass ja vom Rat eingesetzte Kunst- und Gestaltungsbeirat in seiner Satzung das Ziel formuliert hat, zur dauerhaften Verbesserung des Stadtbilds beizutragen, dann ist das bisher auf jeden Fall nicht gelungen. Dieses Ziel muss man leben, und dann braucht man ein verändertes Arbeitsprinzip von Politik, Verwaltung und Planern.

Bürgern zugänglich machen

Wie müsste das aussehen? Fuest: Derzeit ist es in Castrop-Rauxel so, dass sich die Verwaltung die Politik hält - wie man ganz aktuell daran sieht, dass ohne Berücksichtigung des Rates mal eben, wie die Ruhr Nachrichten berichteten, vier zusätzliche Stellen im Planungsamt geschaffen werden. Das kann so nicht sein. Die Politik ist das bestimmende Organ, und sie sollte sich auch darum kümmern, die Themen der Stadtentwicklung den Bürgern zugänglich zu machen. Bisher begnügt man sich mit dem bloßen gesetzlichen Pflichtverfahren.

Das passiert aber doch genau deshalb, weil die Investoreninteressen verfolgt werden sollen. Hätte man den Seniorenwohnpark am Stadtgarten frühzeitig öffentlich diskutiert, hätte er vermutlich nicht in dieser Bebauungsdichte realisiert werden können. Fuest: Wenn eine Stadt ein Bauprojekt nicht von vornherein in die Öffentlichkeit bringt, dann misstraut sie ihren Bürgern. Am Stadtgarten, denke ich, war das der Fall. Ich meine immer, ein starkes Projekt hält auch Anfeindungen aus.

Pflänzchen erhalten

Der Bürgermeister hat den Kunst- und Gestaltungsbeirat zur Chefsache gemacht und das Gremium will nun auch öffentlich auftreten. Glauben Sie, dass sich nun wirklich etwas ändern wird? Fuest: Es wäre fatal, wenn man dieses Pflänzchen sterben ließe. Von 396 Kommunen in NRW haben überhaupt nur 22 einen solchen Beirat. Der ist aber durchaus für einen verantwortungsvollen Umgang mit Stadtbaukultur von Bedeutung. Mit dem, was wir heute bauen, müssen ja Generationen leben. Außerdem ist Baukultur ein Standortfaktor, der entscheidend dafür ist, ob unsere Stadt als Wohn-, Arbeits- und Wirtschaftsstandort attraktiv und konkurrenzfähig ist.

Ein Thema, das den Kunst- und Gestaltungsbeirat unter anderem beschäftigen wird, ist die Nutzung des Bunkers am Busbahnhof. Haben Sie eine Idee dazu? Fuest: Es war erstmal gut, dass die die Stadt den Bunker für einen Euro vom Bund gekauft hat. Jetzt muss man eigene Vorstellungen entwickeln und Bedürfnisse formulieren. Ob es Bedarf für einen Kulturbunker, von dem ja schon gesprochen wird, gibt, sollte man sehr genau prüfen. Etliche Kultureinrichtungen, etwa die Zeche Zollverein in Essen, haben große wirtschaftliche Probleme.

Ein anderes Thema, das wieder auf die Tagesordnung kommen müsste, ist die Umgestaltung der Altstadt im Rahmen des Landesprojekts "Stadt macht Platz - NRW macht Plätze". Wird dabei am Ende mehr Herauskommen als die Instandsetzung des Altstadtmarktes? Fuest: In der Größenordnung mit der neuen Pflasterung des vermeintlich historischen Rückgrats vom Markt über den Lambertus- bis zum Simon-Cohen-Platz wird das Projekt sicher nicht umgesetzt. Es wäre auch verpulvertes Geld. Das vorhandene Pflaster ist technisch einwandfrei und ein neues Pflaster würde nicht einen Kunden mehr in die Altstadt bringen.

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