Charité-Studie: Nicht alle Corona-Schnelltests sind zuverlässig

Coronavirus

Schnelltests können das Coronavirus innerhalb von 30 Minuten nachweisen. Eine Studie der Berliner Charité hat nun untersucht, wie zuverlässig Antigentests das Ansteckungsrisiko bestimmen.

von Michèle Förster

, 16.11.2020, 21:48 Uhr / Lesedauer: 3 min
Funktioniert ähnlich wie ein Schwangerschaftstest: Ein farbiger Streifen gibt beim Schnelltest an, ob eine Infektion mit Covid-19 vorliegt.

Funktioniert ähnlich wie ein Schwangerschaftstest: Ein farbiger Streifen gibt beim Schnelltest an, ob eine Infektion mit Covid-19 vorliegt. © picture alliance/dpa

Corona-Schnelltests gelten in der Pandemie als große Hoffnung auf eine baldige Rückkehr zur Normalität. Denn die Antigentests sollen es ermöglichen, Infektionen mit Sars-CoV-2 schnell und zuverlässig nachzuweisen. Doch genau an der Zuverlässigkeit dieser Tests mangelt es häufig noch, wie Experten anmerken. „Wir können bei den Antigenschnelltests nicht sichergehen, dass sie immer ein richtiges Ergebnis liefern“, kritisiert Matthias Orth, Chefarzt des Instituts für Laboratoriumsmedizin im Marienhospital in Stuttgart.

Dieses Problems hat sich nun auch ein Forscherteam der Berliner Charité um den Virologen Christian Drosten angenommen. In einer am Freitag veröffentlichten Studie haben die Wissenschaftler sieben erhältliche Corona-Antigentests untersucht und auf die Zuverlässigkeit ihrer Ergebnisse hin überprüft. Das Ergebnis: Einige Produkte liefern falsch-positive Ergebnisse.

Was unterscheidet einen Antigenschnelltest von einem PCR-Test?

Bei den häufig eingesetzten PCR-Tests, mit denen das Erbgut des Coronavirus nachgewiesen wird, liegt das Ergebnis nicht sofort vor. Dabei muss ein Nasen-Rachen-Abstrich genommen und anschließend im Labor ausgewertet werden. Weil die Labore wegen der Vielzahl der Tests derzeit jedoch stark ausgelastet sind, kann es mehrere Tage dauern, bis das Ergebnis vorliegt.

Um schneller Gewissheit über das Vorliegen einer Infektion mit Sars-CoV-2 zu erlangen, werden deshalb in einigen Bereichen sogenannte Schnelltests eingesetzt. Die Antigentests weisen Proteinbausteine auf der Oberfläche der Coronaviren nach. Dafür wird ebenfalls ein Nasen-Rachen-Abstrich genommen. Im Gegensatz zu klassischen PCR-Tests ist jedoch keine Auswertung im Labor nötig, was Zeit und Kosten spart. Der Abstrich wird stattdessen auf einen Teststreifen aufgetragen und mit einer Testflüssigkeit beträufelt. Nach 15 bis 30 Minuten lässt sich das Ergebnis anhand eines farbigen Streifens abgelesen werden – ähnlich wie bei einem Schwangerschaftstest.

Wo werden Schnelltests eingesetzt?

Inzwischen sind mehr als 150 Antigentests verschiedener Hersteller in Deutschland zugelassen. Sie sollen insbesondere dort zum Einsatz kommen, wo sich Risikogruppen anstecken können. Dazu zählen beispielsweise Pflegeheime, Krankenhäuser oder Arztpraxen. Um weiterhin Präsenzunterricht an Schulen gewährleisten zu können, wird auch dort über einen Einsatz der Schnelltests diskutiert.

Auch für die Luftfahrtbranche könnten Antigenschnelltests eine große Hilfe sein. Die Lufthansa testet den Einsatz der Tests bereits auf ausgewählten innerdeutschen Flugstrecken. Ebenfalls zum Einsatz kommen Antigentests derzeit bei Fernsehproduktionen. Wie der Satiriker Jan Böhmermann in der Sonntagsausgabe des „Fest & Flauschig“-Podcasts berichtete, wird das gesamte Team des ZDF Magazin Royal regelmäßig mit den Schnelltests getestet. Doch auch Sport- und Kulturveranstaltungen, Diskos, Reisen und viele weitere Bereiche könnten von den Schnelltests profitieren.

Studie: Wie zuverlässig sind Schnelltests?

Mit Antigentests soll das Coronavirus in der infektiösen Phase einer Covid-19-Erkrankung sicher nachgewiesen werden können. Laut den Herstellern liegt die Trefferquote dieser Tests bei etwa 99 Prozent. Bei Personen mit hoher Viruslast halten Experten die Ergebnisse der Schnelltests für relativ zuverlässig, doch bei Personen mit mildem oder asymptomatischem Verlauf könnten diese falsch-negativ ausfallen, befürchten sie. Daher werden die Schnelltestergebnisse in der Regel noch durch einen PCR-Test überprüft.

In der Preprint-Studie der Berliner Charité untersuchte das Team um Christian Drosten sieben Schnelltests, die derzeit auf dem deutschen Markt erhältlich sind. Dabei überprüften die Forscher zuerst die Spezifität des Test – also deren Anfälligkeit für falsch-positive Ergebnisse. Diese lag bei den untersuchten Antigentests teilweise weit auseinander: Zwischen 88,24 Prozent und 100 Prozent der gelieferten Ergebnisse waren zuverlässig.

Die Spezifität der Schnelltests in absteigender Reihenfolge:

  • Coris Bioconcept Covid-19 Ag Respi-Strip: 100 Prozent
  • RapiGEN Biocredet Covid-19 Ag: 100 Prozent
  • Abbott Panbio Covid-19 Ag Rapid Test: 99,26 Prozent
  • Nal von Minden Nadal Covid-19 Ag Test: 99,26 Prozent
  • Roche/SD Biosensor Sars-CoV-2 Rapid Antigen Test: 98,53 Prozent
  • R-Biopharm Rida Quick Sars-CoV-2 Antigen: 94,85 Prozent
  • Healgen Coronavirus Ag Rapid Test Cassette: 88,24 Prozent

Wie wahrscheinlich falsch-positive Testergebnisse sind, hängt demnach stark vom gewählten Schnelltest ab. Zusätzlich haben die Forscher die Sensitivität der Tests überprüft. Die Sensitivität sagt aus, wie zuverlässig Infektionen erkannt werden. Die Sensitivitätsspanne der meisten Schnelltests überlappe sich mit der infektiösen Periode, heißt es in der Studie. Einzig der Antigentest der koreanischen Firma RapiGEN sei weniger sensitiv.

Einsatz von Schnelltests könnten Quarantäne verkürzen

Bei der Studie handelt es sich um einen Preprint-Artikel, dessen Ergebnisse noch durch das Peer-Review-Verfahren überprüft werden müssen. Doch bereits jetzt bezeichnete Michael Mina, der als Epidemiologe an der Harvard Public Health/Medical School forscht, das Vorgehen der deutschen Kollegen in einem Tweet als „Meisterklasse“.

Das Forscherteam um Drosten sieht im Einsatz von Schnelltests großes Potential. „Die unmittelbare Verfügbarkeit von Testergebnissen könnte neuartige Gesundheitskonzepte ermöglichen, bei denen die Entscheidung über eine Isolation auf dem Testen der Infektiosität und nicht der Infektion basieren“, heißt es in der Studie.

Denn mithilfe von Antigentests könne eindeutig bestimmt werden, ab wann eine Person nicht mehr ansteckend ist. Dieser Zeitpunkt sei häufig noch während der ersten Woche nach Auftreten der Krankheitssymptome erreicht, schreiben die Wissenschaftler. Zukünftig könnten Antigentests demnach auch genutzt werden, um die genaue Dauer einer Quarantäne zu bestimmen. Bis ausreichend Testkapazitäten vorhanden sind, sollen die Schnelltests jedoch vor allem in Altenheimen, bei Krankenhaus- und Pflegepersonal eingesetzt werden.

Schlagworte:
Lesen Sie jetzt