"Charlie Chaplin gehörte zu den Gründervätern der Traumfabrik"

Interview mit Film-Expertin

Wenige Menschen werden so oft kopiert wie er. Wenige wurden so verehrt wie er. Und doch wurde er auch gehasst. Charlie Chaplin ist nicht einfach ein Schauspieler, er war und ist eine Legende. Zu seinem 125. Geburtstag erklärt die Film- und Chaplin-Expertin Lisa Stein Haven, warum der Mann mit dem Hut und dem Stöckchen auf der ganzen Welt geliebt, und warum er später im eigenen Land gehasst wurde.

New York

16.04.2014, 05:30 Uhr / Lesedauer: 2 min

Sein Tramp mit den ausgelatschten Schuhen war einfach etwas Universelles. Damit konnte sich jeder identifizieren - Männer, Frauen, alle Hautfarben, alle Nationen, alle Religionen. Er stand vor Problemen, die jeder kannte.

In den typischen Charlie-Chaplin-Filmen schon. Aber nicht in den ganz frühen. Da gab es durchaus Brutalität und einen Charlie, der nicht der Nette war. In einem Film hat er einem Kind eine Schusswaffe gegeben. Können Sie sich das heute noch unter Charlie Chaplin vorstellen?

Es waren Meisterwerke. Allein „The Kid“: Das war eine Komödie und gleichzeitig ein Sozialdrama. Die Leute konnten lachen und sahen gleichzeitig die Probleme der Gesellschaft offenbart. Das gab es vorher einfach noch nicht.

Zumindest in den USA. Hier hatte er große Probleme, was letztlich zu seiner Ausreise führte. Bestimmte Gruppen haben seine Filme boykottiert.

Er galt als Kommunistenfreund. Eigentlich war er nicht sehr politisch. Aber er wollte sich einfach nicht verbieten lassen, auch mit Kommunisten zusammenzuarbeiten. Ein Kommunist war er selbst, der mehrfache Millionär, sicher nicht. Aber auch sein Hang zu sehr jungen Frauen machte ihn zum Fall für das FBI. Da waren 15-, 16-Jährige dabei. Als er eine 18-Jährige heiratete, wurde er von einer anderen 18-Jährigen gerade verklagt.

Ich lebe in Ohio, direkt im Herzen der USA. Hier höre ich noch immer Verwünschungen gegen „diesen kommunistischen Bastard“. Wenn wir Konferenzen zu Chaplin machen, ist die lokale Unterstützung gering. In New York, Los Angeles und anderen Ländern sieht man das ganz, ganz anders. In England ist er allerdings auch nicht gern gesehen. Da mag man seinen Humor aber einfach nicht, dieses Unterklassenthema.

  Normalerweise sage ich „Lichter der Großstadt“, aber eigentlich eher „Zirkus“. Das ist ein oft übersehenes Meisterwerk. Dieser Film ist Kunst, ganz großartige Kunst.

Lisa Stein Haven ist Wissenschaftlerin an der Ohio University Zanesville. Die Englisch-Professorin nutzt Chaplin, um ihren Studenten Aufbau und Wirkungsweisen moderner Komödien und Dramen deutlich zu machen, die zum großen Teil auf Chaplins Arbeit zurückgeführt werden könnten. Haven gilt als eine der versiertesten Experten für Charlie Chaplin und auch seinen älteren Bruder Syd, der ebenfalls Schauspieler war.