Christian Gerhaher zeigte Mahlers wilde Melancholie

Philharmonie Essen

„Ich kann und mag nicht fröhlich sein“, heißt es in Gustav Mahlers Vertonung von „Der Schildwache Nachtlied“. Ja, ein Liederabend nur mit Musik dieses Spätromantikers kann einen ganz schön runterziehen, vor allem, wenn er wie am Sonntag bei Christian Gerhaher in der Philharmonie Essen, mit der unglücklichen Liebe des „Fahrenden Gesellen“ beginnt und mit dem großen Leid der „Kindertotenlieder“ endet.

ESSEN

, 08.06.2015, 14:41 Uhr / Lesedauer: 1 min
Bariton Christian Gerhaher sang Mahler-Lieder in der Philharmonie Essen.

Bariton Christian Gerhaher sang Mahler-Lieder in der Philharmonie Essen.

Selbst die von dem begnadeten Liedsänger dazwischen gestellte Auswahl an zehn „Wunderhorn“-Liedern verweigerte das Humoreske und Groteske, sondern vertiefte nur Mahlers wilde Melancholie.

Dies allerdings in derart beispielloser Vollendung, dass das Publikum mucksmäuschenstill lauschte und dann rauschend applaudierte.  

Glasklare Baritonstimme  

Gerhahers vor fünf Monaten bereits im Dortmunder Konzerthaus in Schuberts „Winterreise“ bewunderte, in vielen Farben schillernde und dabei stets glasklar artikulierende Baritonstimme, zeigte sich auch hier.

Einfachheit und Schlichtheit des musikalischen Ausdrucks steigerten sich zu hochdramatischer Expressivität, wenn er etwa das „glühend Messer“ des „fahrenden Gesellen“ schneidend schärfte oder die Kriegsanklage in „Der Schildwache Nachtlied“ herausschrie.  

Aufschreie

Fahler Trauerton, Verbitterung und gelegentliche Aufschreie kennzeichneten die „Kindertotenlieder“. Dabei wurden alle Lieder durch Gerhahers kongenialen Partner Gerold Huber am Klavier, der seine „Stimme“ einfühlsam, pointiert und unter Betonung schneidender Dissonanzen einbrachte, zu differenzierter, inspirierter vokaler Kammermusik.

Eine wunderbare Überhöhung erfuhr der Abend zuletzt durch das als „Urlicht“ aus Mahlers zweiter Sinfonie bekannte Wunderhorn-Lied „O Röschen rot“ als Zugabe.

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