Corona-Pandemie: Können wir überhaupt eine Herdenimmunität erreichen?

Coronavirus

Eine viel diskutierte Möglichkeit zur Eindämmung der Corona-Pandemie ist die Herdenimmunität in der Bevölkerung – solange kein Impfstoff wirksam ist. Ist es überhaupt möglich, sie zu erreichen?

von Michèle Förster

, 09.07.2020, 06:47 Uhr / Lesedauer: 3 min
Wissenschaftler gehen davon aus, dass sich für eine Herdenimmunität 60 bis 70 Prozent der Menschen mit dem Coronavirus infizieren müssen.

Wissenschaftler gehen davon aus, dass sich für eine Herdenimmunität 60 bis 70 Prozent der Menschen mit dem Coronavirus infizieren müssen. © picture alliance/dpa

Wie die Corona-Pandemie langfristig zum Stillstand bewegen? Ein Ansatz ist die sogenannte Herdenimmunität. Sprich: Je mehr Menschen sich mit Sars-CoV-2 infiziert haben und daraufhin Immunität aufgebaut haben, umso weniger Ausbrüche gibt es langfristig, umso mehr Menschen sind vor einer erneuten Ansteckung geschützt.

Studien: Durchseuchung ein langer, zäher Prozess

Allerdings zeigen Antikörperstudien aus besonders stark von Ausbrüchen gekennzeichneten Gebieten, dass die Durchseuchung eines Gebietes ein langer, zäher Prozess zu sein scheint.

Selbst das besonders stark von der Corona-Pandemie betroffene Spanien ist weit von einer Herdenimmunität entfernt. Trotz hoher Infektionszahlen hätten gerade einmal fünf Prozent der spanischen Bevölkerung Antikörper gegen das Coronavirus entwickelt, zeigt eine aktuelle Bevölkerungsstudie, bei der 35.883 Haushalte serologisch untersucht wurden. Die Ergebnisse wurden Anfang Juni in der Fachzeitschrift “The Lancet” veröffentlicht. “Der Großteil der spanischen Bevölkerung ist seronegativ gegenüber einer Sars-CoV-2-Infektion, selbst in Hotspot-Gebieten”, heißt es im Fazit der Studie.

Was versteht man unter Herdenimmunität?

Für das neuartige Coronavirus gibt es noch keinen Impfstoff. Das heißt, die Erzeugung einer Herdenimmunität wäre zum derzeitigen Zeitpunkt nicht kontrolliert möglich, sondern nur dadurch, dass sich sehr, sehr viele Menschen mit dem Virus infizieren. Wie viele das sein müssten, ist derzeit noch nicht eindeutig. Virologen und das Robert Koch-Institut gehen davon aus, dass für ein natürliches Abflauen eine Durchseuchung von 60 bis 70 Prozent der Bevölkerung nötig sind.

Wie es der Name bereits verrät, geht die Idee einer Herdenimmunität davon aus, dass ein bestimmter Anteil der Bevölkerung immun gegen den Erreger wird. Wissenschaftler finden zwar immer mehr Hinweise, dass Menschen nach einer Infektion Immunität aufbauen. Allerdings ist laut aktueller Studien bislang unklar, ob alle Menschen gleichermaßen Antikörper entwickeln, ob ausreichend Antikörper im Blut gebildet werden und wie lange und stabil die Immunantwort und damit der Schutz vor einer erneuten Infektion ausfällt.

Übertragen auf Deutschland müssten sich mehr als 50 Millionen Menschen mit dem Coronavirus infizieren, damit die Ansteckungsgefahr eingedämmt wird. Seit dem Beginn der Pandemie haben sich in Deutschland jedoch erst 198.382 Menschen (Stand 8. Juli) mit dem Coronavirus infiziert.

“Das Erreichen einer Herdenimmunität würde nach den bisher vorliegenden Daten einen Zeitraum von einigen Jahren erfordern, wenn das Gesundheitssystem nicht überlastet werden soll”, heißt es in einer Stellungnahme der Max-Planck-Gesellschaft, Fraunhofer-Gesellschaft, Helmholtz-Gemeinschaft und Leibniz-Gemeinschaft.

Studie: Spanien ist von Herdenimmunität weit entfernt

Noch einmal ein Blick auf die neue Studie aus Spanien. Bei der bisher größten europäischen Antikörper-Studie wurden 61.075 spanische Bürger auf Antikörper gegen Covid-19 untersucht. Dabei stellten die Forscher fest, dass gerade einmal fünf Prozent der spanischen Bevölkerung Antikörper entwickelt hatten - trotz massiver Ausbruchsgeschehen über mehrere Monate.

Dabei gab es große regionale Unterschiede. In Küstengebieten lag die Häufigkeit von Corona-Antikörpern bei unter drei Prozent. In Madrid, das von der Pandemie stärker betroffen war, hatten hingegen über zehn Prozent der Bevölkerung Antikörper. Doch selbst diese Werte sind weit von den benötigten 60 Prozent entfernt. Bei den Studienautoren lassen die Ergebnisse Zweifel aufkommen, ob eine Herdenimmunität durch Infektionen überhaupt möglich ist. “Für die künftige Bekämpfung der Pandemie bleiben also Maßnahmen wie Abstandhalten und die Diagnose sowie Isolation neuer Fälle unerlässlich”, schreiben die Wissenschaftler im Fachjournal “Lancet”.

Auch die Aussagekraft von Antikörper-Nachweisen, die das Ausmaß der Corona-Infektionen in der Bevölkerung klären sollen, sind umstritten. Klaus Cichutek, Präsident des Paul-Ehrlich-Instituts (PEI), betont, man müsse bei Antikörpern differenzieren: “Es gibt bei Antikörpern verschiedene Qualitäten, und nicht alle verhindern eine Infektion.” Wichtig sei hier, harte Daten zu finden: “Ob ein Immunschutz entsteht, muss an der Realität gemessen werden.”

Knapp 43 Prozent Antikörper im Corona-Hotspot Ischgl

Auch im einstigen Corona-Hotspot Ischgl haben Forscher die Bevölkerung auf Antikörper gegen Covid-19 getestet. Einer Studie der Medizinischen Universität Innsbruck zufolge haben über 42 Prozent der Bewohner Antikörper gegen das Coronavirus entwickelt. Dabei zeigte sich, dass nur 15 Prozent der in der Studie nachgewiesenen Infektionen vorher bekannt waren.

85 Prozent der Infektionen verliefen folglich ohne oder nur mit leichten Symptomen. Und obwohl Ischgls Durchseuchungsrate von mehr als 40 Prozent als höchster Wert weltweit gilt, kommt er nicht an die benötigten 60 Prozent einer Herdenimmunität heran.

Mathematiker entwickeln neue Formel für Herdenimmunität

Mittlerweile gibt es aber auch Zweifel an der geschätzten Zielgröße der 60 Prozent. Um sie zu erreichen, muss jeder mit dem Coronavirus Infizierte im Schnitt drei weitere Menschen anstecken. Erst wenn sich zwei Drittel der Bevölkerung mit dem Virus infiziert hätten, würde die Infektionskurve in Ermangelung an Neuinfektionen abflachen – und die Ausbreitung des Virus allmählich zum Stillstand kommen.

Mathematiker haben bereits eine neue Formel aufgestellt, derzufolge die Zahl der Personen, die sich für eine Herdenimmunität mit dem Coronavirus infizieren müssen, weitaus geringer sein könnte. Die im renommierten “Science”-Magazin veröffentlichte Studie der Universität Nottingham berücksichtigt, dass sich das Virus unterschiedlich verteilt. So werden Infizierte mit vielen Kontaktpersonen, sogenannte Superspreader, mit in die Berechnungen einbezogen.

Im besten Fall müssten laut den Forschern nur 43 Prozent der Bevölkerung mit dem Coronavirus infiziert sein, damit sich eine Herdenimmunität aufbauen kann. Diese Zahlen werden auch von verschiedenen Wissenschaftlern gestützt.

“Wenn ich eine Schätzung abgeben müsste, würde ich wahrscheinlich bei 50 Prozent landen”, sagte Harvard-Epidemiologe Marc Lipsitch gegenüber dem “Quanta”-Magazin. Doch nach wie vor dürfte das größte Problem sein, dass keine umfassenden Erkenntnisse darüber vorliegen, ob die Bildung von Antikörpern überhaupt immun gegen das Virus Sars-CoV-2 macht – und wie lange der Schutz anhält.

Michèle Förster mit dpa

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