Corona und Herbstblues: Psychologin gibt Tipps für den Umgang mit Angst und Erschöpfung

Coronavirus

Auch ohne Lockdown: Im Corona-Herbst sind Erschöpfung und Grübelatmosphäre zu spüren, berichtet die Psychotherapeutin Eva Gjoni im Interview. Viele Menschen sind verängstigt. Gjoni gibt Tipps.

von Saskia Bücker

, 18.10.2020, 04:30 Uhr / Lesedauer: 3 min
Im Herbst ist die Stimmung vieler Menschen oft trübe - Corona verschärft bei vielen Depressionen und Angst.

Im Herbst ist die Stimmung vieler Menschen oft trübe - Corona verschärft bei vielen Depressionen und Angst. © picture alliance / Frank Rumpenh

Eva Gjoni ist Psychotherapeutin. Im Frühjahr, als der Lockdown plötzlich kam, hat sie mit weiteren Psychologen eine Beratung per Onlinesprechstunde ins Leben gerufen, die sich „Bleib psychisch gesund“ nennt. Im Sommer hat das Angebot pausiert, zum November soll es mit digitalen Therapieangeboten weitergehen. Die Expertin rechnet damit, dass die Corona-Pandemie insbesondere in den nächsten Monaten verstärkt zu Anfragen führen wird. Denn kalte Jahreszeit, Pandemieisolation und Krisenstimmung passen nicht gut zusammen.

Im RND-Interview erklärt die Expertin, was bei Corona-Müdigkeit und Herbstblues hilft, wieso die Angst vor einem Lockdown unter Umständen belastender sein kann als seine Umsetzung und wieso sie trotzdem gestärkt ins Jahr 2021 blickt.

Notruf für akute Krisen:

In akuten Krisen sollte der Arzt, die nächste psychiatrische Klinik oder der Notarzt unter der Telefonnummer 112 kontaktiert werden. Auch die Telefonseelsorge der Diakonie kann eine Anlaufstelle für Betroffene und Angehörige sein: (0800) 11 10 111.

Frau Gjoni, wie empfinden Sie die allgemeine psychische Gemütslage der deutschen Bevölkerung im Oktober?

Deutschland befindet sich in der Phase des Grübelns und der Erschöpfung. Seit dem Frühjahr sind wir zwar über die erste Schockstarre hinweggekommen und befinden uns nicht mehr in akuter Hilflosigkeit. Verdaut und verarbeitet werden kann die Krise aber nur teilweise. Die Pandemie ist weiterhin allgegenwärtig – und das wird auch noch lange so bleiben.

Spiegelt sich diese Stimmung auch im Gespräch mit Ihren Patienten?

Es vergeht kein einziger Tag, an dem Corona nicht Thema bei meinen Patienten ist. Viele Menschen sind bei den steigenden Infektionszahlen verängstigt und spüren: Einen zweiten Lockdown schaffe ich nicht mehr. Das ist gewissermaßen eine Angst vor der Angst und nicht zu unterschätzen. Dieses Gefühl kann sogar belastender sein als die Angst selbst.

Auf welche psychischen Herausforderungen sollten wir uns im Corona-Winter einstellen?

In der kalten Jahreszeit erleben wir einen Lichtmangel. Im Körper gerät dann das Verhältnis der Botenstoffe Serotonin und Melatonin aus dem Gleichgewicht. Das ist ein allgemeiner Risikofaktor für den berüchtigten Herbst- oder Winterblues, eine ausgeprägte Form bezeichnen wir Psychotherapeuten in der Praxis als saisonale Depression. Während der Pandemie kommt zusätzlich eine bereits aufgestaute Erschöpfung dazu, die viele Menschen seit Monaten mit sich herumtragen.

Welche Strategien können über so einen Herbst-Pandemie-Blues hinweghelfen?

Es mag banal klingen: Aber es ist wichtig, sich bewusst zu machen, dass jede Krise Chancen mit sich bringt. Da kann auch eine kleine Selbstanalyse helfen, bei der ich mich an Strategien und Stärken der letzten Monate erinnere und mir bewusst mache: Bis hierher habe ich es bereits geschafft. Eine Krise lässt sich also als Herausforderung übersetzen, an der wir alle wachsen können. Die Angst davor, dass es im Herbst und Winter immer schlimmer wird, ist viel belastender als die eigentliche Situation.

Was heißt das dann konkret im Alltag?

Es gibt die kleinen Schritte: eine geregelte Tagesstruktur, Routinen entwickeln, Selbstfürsorge einhalten, kleine Entspannungsübungen in den Alltag einbauen. Das hilft, die Aufmerksamkeit in das Hier und Jetzt zu lenken. Die ganz großen Fragen im Leben können aber auch überprüft werden. Welche Beziehungen und Dinge sind mir wirklich wichtig? Wie will ich meinen Alltag gestalten? Wie kann ich dafür sorgen, dass es mir und meinen Liebsten gut geht?

Um Freunde und Familie zu schützen, müssen wir in einer Pandemie aber auch ständig abwägen, ob ein persönliches Treffen eine gute Idee ist.

Deshalb sollten wir die wenigen Beziehungen stärken, die im direkten Umfeld während der Pandemie aufrechterhalten werden. Die Virologen achten bei der Virusausbreitung ja auf sogenannte Cluster. Ich finde, dieser Begriff kann auch ein Stück weit auf die Psychologie übertragen werden. Sprich: Ich fokussiere mich in der Corona-Zeit auf mein persönliches kleines Beziehungscluster, um dort das Maximum an Liebe, Unterstützung und Vertrauen herauszuholen.

Welche Warnsignale gibt es, bei denen im Corona-Winter psychologische Hilfe in Anspruch genommen werden sollte?

Antriebslosigkeit, Lustlosigkeit und sozialer Rückzug sind klassische Warnsignale für eine depressive Phase. Dinge, die immer Spaß gemacht haben, fühlen sich plötzlich belastend an oder bereiten keine Freude mehr. Problematisch ist es auch, wenn die Angst die Oberhand gewinnt und sich jemand immer mehr aus Familienleben, Arbeitswelt und sozialen Beziehungen zurückzieht. Bleiben solche Gefühle länger als zwei, drei Wochen oder kehren innerhalb von drei Monaten wellenartig immer wieder und halten auch wochenlang, sollte auf jeden Fall professionelle Hilfe gesucht werden.

Ein wichtiges Zeichen ist auch, wenn die Ressourcenbrille und das Stärkenkostüm nicht mehr weiterhelfen. Ich empfehle immer: Greifen Sie lieber früher als später auf eine psychologische Beratung zurück. Ein Gespräch kann auch schon präventiv helfen, um im Alltag besser gerüstet zu sein.

Was vermuten Sie, wie die Stimmung in Deutschland im Frühjahr 2021 tendenziell aussieht?

Wir werden sicherlich von einer gewissen Corona-Erschöpfung betroffen sein. Ich setze aber auf die positiven Gewöhnungseffekte und blicke zuversichtlich in die Zukunft. Unsere Gesellschaft hat gezeigt, dass wir zwar nicht optimal, aber sehr gut Kräfte mobilisieren können, um gemeinsam zu lernen, mit der Pandemie umzugehen.

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