"Così fan tutte" - Hippies lieben besser

Tolle Studenten-Oper

MÜNSTER Sollen Frauen ihren Männern treu sein? Kammermädchen Despina hat eine andere Meinung: „Wenn ihr einen liebt, könnt ihr auch einen anderen lieben“, sagt sie ihren jungen Herrinnen. „Es sind eh alles Schweine.“

von Von Manuel Jennen

, 13.05.2012, 19:57 Uhr / Lesedauer: 3 min

Wie schön war es, dieses Drama um die erste Liebe einmal nicht mit reifen Kammersängern, sondern mit wirklich jungen Leuten zu sehen! Regisseurin Karin Seinsche hat eine Mischung aus italienischen Arien und deutschen Sprech-Dialogen geschaffen, bei der man der Handlung wunderbar folgen kann. Die Offiziere kommen hier nicht wie im Original als rauschbärtige „Albaner“, sondern als langhaarige US-Hippies Chuck und Buck mit Hawaii-Hemden zurück. Und die Mädels sind nur allzu bereit, die freie Liebe der Flower-Power-Zeit zu testen. Die Wendung vom lüsternen Karnevalsscherz zum eiskalten Eifersuchtsdrama vollziehen die Studenten mit tollem Körpereinsatz – kein reifer Kammersänger könnte derart durch die Gegend rennen und alle zehn Sekunden theatralisch zu Boden stürzen. Bariton Daejin Kim als Guglielmo würde man am ehesten zutrauen, seine Rolle bald in einem richtigen Opernhaus zu singen. Seine Stimme hat den nötigen „Peng“ für ein großes Theater, steuerte in den Ensembles aber auch betörend schöne weiche Töne bei. Auch schauspielerisch überzeugte Kim: Mit seiner wachsenden Aggressivität machte er deutlich, dass hier nicht nur die Frauen am Pranger stehen.

Sein Tenor-Kollege Sebastiano Lo Medico meisterte als Ferrando sogar die oft gestrichene Kavatine „Tradito, schernito“ mit ihrer brutal hohen Lage. Kyongmo Seong war trotz jugendlichen Alters ein autoritärer Drahtzieher Alfonso. Er blieb in dieser Inszenierung nicht allein, sondern durfte mit der Kammerzofe Despina knutschen – im ersten Akt von Magdalena Kapka, im zweiten von Sophie Richter mit frischem Soubretten-Sopran gesungen. Die beiden Bräute waren vom Typ her goldrichtig besetzt. Mezzosopranistin Makiko Tanaka verkörperte im hautengen Mini-Schlauchkleid die leicht verführbare Dorabella, die schon beim ersten Angriff der Hippies zu vielem bereit schien. Die Dramatik ihrer hysterischen „Eumeniden-Arie“ bereitete ihr keine Probleme.

Charikla Tonn war als Fiordiligi hingegen eher das ökige Blumenkind mit moralischen Prinzipien. Diese Partie, von Mozart für die phänomenale Primadonna Adriana del Bene komponiert, ist furchteinflößend schwer. Tonn bewältigte die riesigen Sprünge der „Felsen-Arie“ mit ihren hohen B’s eindrucksvoll und führte die Ensembles mit sicherem Goldton an. Was sie und ihre Kollegen noch verbessern können, sind Koloraturen und Triller. Auch mit dem italienischen Text laborierte das internationale Team. Aber das sind kleine Einwände: Dieser Abend war eine Sternstunde der Musikhochschule. Und im Notfall stand immer Mozart persönlich auf der Bühne. Sebastian Kausch verkörperte einen aufgedrehten Amadeus mit T-Shirt und Puderperücke, der quietschend vor Vergnügen der Treueprobe folgte. Und wenn im Eifer des Gefechts mal eine Bierflasche überlief und die Bühne vollschäumte, hatte er einen Putzlappen parat. Riesengroßer Applaus – hoffentlich wird diese prächtige Aufführung wiederholt.