Dankesworte Norman Manea

Nelly-Sachs-Preis

DORTMUNDDer Preis, der mir heute hier in Dortmund verliehen wird, hat eine besondere Bedeutung für mich, denn es ist ein deutscher Preis und er trägt den Namen einer Dichterin, die Leiden in Kreativität umgemünzt hat, eine bewundernswerte Legitimation des Geistes und letztlich dessen Sieg.

von Von Norman Manea

, 04.12.2011, 14:33 Uhr / Lesedauer: 3 min

Wie Sie wissen, konnte Nelly Sachs dem finalen Verdikt, das der Nationalsozialismus über ihresgleichen verhängt hatte, dank einer anderen großen Schriftstellerin entkommen; ich spreche von Selma Lagerlöf, die etwas mehr als ein halbes Jahrhundert vor ihr den Nobelpreis erhalten hatte, und in ihrem letzten Lebensjahr, 1940, als die finsterste Barbarei Europa und die Welt überzogen hatte, Nelly Sachs nach Schweden brachte. Dieses keineswegs unwichtige Detail bekräftigt die humanistische Strahlkraft des Schreibens, die nutzbringende Verwandlung der Einsamkeit in Solidarität; Schönheit als Verbündete des Guten und des Wahren.  Wir begreifen wohl, weshalb Nelly Sachs 1966 in Stockholm die deutschen Verse des Dankes darbrachte:

Ihr Schicksal verfügte jedoch mit ihrer Rettung auch die dramatische Enteignung, die das Exil bedeutet:

Gewiss, das Exil kann als eine Unterweisung in Dialektik betrachtet werden, wie Brecht sagte, eine fortwährende Konfrontation mit und eine Erkundung der Veränderung, eine  Öffnung zur Welt hin,  die mit traumatischer Entortung und Enteignung bezahlt wird. Im Fall des Schriftstellers, dessen Heimat die Sprache ist und bleibt, kann diese Wunde häufig nicht verheilen. Eine Therapie, wenn es sie denn gibt, findet sich allein im Schreiben, im Bedürfnis, die Begrenzungen des Alltäglichen zu überschreiten und jenes „Andere“ jenseits des Chaos der Existenz aufzusuchen.

, auch dies geschah im Exil, etwa in Adelbert von Chamissos Erzählung, findet sich letztlich in einem burlesken Peter Schlemihl wieder, der sich seiner Metamorphosen bewusst ist und trotzdem sich selbst treu bleibt. Adelbert von Chamisso, Sie wissen es, war selber Exilant in Preußen, und Nelly Sachs erinnert uns in „Chor der Schatten“ an ein radikales Klischee der Exilanten: „

Der Exilant ist die prägnante Verkörperung der alten und stets neuen Problematik des Fremden. So eindringlich man den Menschen auch auffordern mag, seinen Nächsten zu lieben, es scheint, er hat es offenbar nicht geschafft, ihn zu lieben wie sich selbst oder den Fremden wie einen ihn Nahestehenden. Meistens ist das innere Exil im eigenen Land dem eigentlichen Exil bereits vorangegangen, und dies verstetigte und steigerte die Entfremdung, vertiefte die Verletzlichkeit, mehrte die Gefahren der Gezeichneten, Verdächtigten, Verfolgten.

So ist es kein Zufall, dass Nelly Sachs ihrem Freund und meinem bukowinischen Landsmann Paul Celan - den sie als ihren Bruder bezeichnete - schrieb, auch sie beide lebten in einem „unsichtbaren“ Land; da sie in ihren Geburtsländern nicht leben konnten, lebten sie mit gesteigerter Intensität in ihrer Muttersprache, in der sie ihren Schmerz und ihre Inspiration fanden. Heutzutage greifen die Begriffe “Staatsbürger” und “Staatsbürgerschaft” über die Grenzen, die den Geburtsort kennzeichnen, hinaus. Die zentrifugalen Demokratien haben im Verbund mit der Globalisierung die Migration universalisiert, ebenso das Exil und die Entfremdung, ohne dadurch etwa die pathologische Xenophobie und die Ablehnung des „Anderen“ zu mildern.  

Die Literatur ist hingegen eine wunderbare Brücke zu jedem Gesprächspartner, egal, wo immer er sei, ein vollkommener Ausdruck der Freiheit, eine vorzügliche Voraussetzung zur Kommunikation, für Träume  und geistige Verbrüderung. In der Tradition des alten jüdischen Mystizismus gibt es die Vorstellung der Schöpfung als Kontraktion; der Selbstbeschränkung des Schöpfers, um Raum zu schaffen für seine Schöpfung, die, obwohl  sie dem Nichts zu entspringen scheint, das Heilige, die Sakralität aber dennoch  nicht verleugnet.

Der unvollkommene irdische Demiurg, wie der Künstler einer ist, unternimmt eine erschöpfende Innenschau, um der schöpferischen Ressourcen habhaft zu werden, die der Welt ein ureigenes Zeichen zuteil werden lassen: Er hinterlässt eine individuelle und unverwechselbare eigene Spur seines Durchgangs durch die Welt – den einzigartigen Ausdruck, den er dieser Welt hinzufügt. Er entäußert sich mit größer Beharrlichkeit und Hingabe, um sich an seinesgleichen und an die Nachwelt zu verschenken. Die Bescheidenheit und der Übermut dieses verwegenen Unterfangens sind profan, aber sie erstreben Transzendenz. Eine Huldigung des Menschen durch den Menschen. Ich danke Ihnen allen für die mir heute hier erwiesene Ehrung, für die Wertschätzung, die Sie meinem Schreiben erwiesen haben.                                                                ./  

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