Darmkeim EHEC wütet aggressiv in Deutschland

Hunderte Fälle

Drei Frauen sterben nach Durchfallerkrankungen. Schuld könnte der aggressive Darmkeim EHEC sein. Mittlerweile gibt es etwa 460 mögliche Fälle, darunter 80 besonders schwere. Warum der Keim plötzlich so wütet, ist unklar. Die Bauern wehren sich indes gegen die Vorwürfe.

BERLIN

von dpa

, 24.05.2011, 17:10 Uhr / Lesedauer: 3 min

Hamburg meldete bislang etwa 100 nachgewiesene Fälle, Nordrhein-Westfalen 24. In Bayern bestätigte das Landesgesundheitsamt 2 EHEC-Erkrankungen. In Hessen gibt es fast 30 Fälle, von denen noch nicht alle bestätigt sind. Gleiches gilt für die in Niedersachsen und Bremen gemeldeten fast 100 Fälle. Im Saarland registrierte bislang 3 EHEC-Patienten, Mecklenburg-Vorpommern geht von 15 teils noch unbestätigten Erkrankungen aus. Baden-Württemberg meldete den ersten Fall. Das RKI spricht zudem von mehr als 80 besonders schweren, sogenannten HUS-Fällen. RKI-Präsident Burger bezeichnete dies als „erschreckend viel“. Das Vollbild des hämolytisch-urämischen Syndroms ist charakterisiert durch akutes Nierenversagen, Blutarmut durch den Zerfall roter Blutkörperchen und einen Mangel an Blutplättchen. In den vergangenen Jahren seien in Deutschland mehrfach Häufungen von HUS-Erkrankungen gemeldet worden, teilte die Behörde auf ihrer Internetseite mit. „Allerdings noch nie so viele Fälle in so kurzer Zeit, und noch nie mit einem Fokus auf Erwachsene.“ Das besonders aggressive enterohämorrhagische Escherichia coli-Bakterium (EHEC) treibt seit Mitte Mai in Deutschland sein Unwesen. Die Erkrankung geht mit Durchfall, Erbrechen und Übelkeit einher. Der Erreger kann zu schweren, oft bleibenden Nierenschäden und zum Tod führen. Aktuell infizierten sich vor allem erwachsene Frauen in Norddeutschland.

Die massive und plötzliche Verbreitung des Keims macht die Experten weiterhin ratlos. Sie vermuten, dass ungewaschenes, mit Gülle gedüngtes Gemüse der Grund für die Ansteckung ist. „Ich wäre vorsichtig mit Rohkost oder Salat“, sagte Werner Wunderle vom Gesundheitsamt in Bremen. Die heimischen Bauern fühlen sich hingegen zu Unrecht beschuldigt. „Da wird gemutmaßt, dass EHEC-Erreger über Gülle auf das Gemüse gespritzt worden sei. Dabei ist es total abwegig, Gemüse mit Gülle zu düngen“, sagte ein Sprecher der Landwirtschaftskammer Nordrhein-Westfalen in Münster. „Gülle wird nur auf Getreide-, Mais- oder Rapsäckern versprüht, aber noch bevor ausgesät wird.“ Vermutungen, dass EHEC über Gemüse verbreitet worden sei, hätten unnötig Verunsicherung geschürt. Zur Zeit ist Hochsaison für Freiland-Gemüse. Bisher konnte nach RKI-Angaben noch kein konkretes Lebensmittel als Infektionsquelle identifiziert werden. Es gebe jedoch auch keine Hinweise darauf, dass rohes Fleisch oder Rohmilch die Ursache des aktuellen Ausbruchs seien.

Licht ins Dunkel könnte jedoch eine ungewöhnliche Häufung von Fällen in Frankfurt bringen. 19 EHEC-Betroffene hatten dort in den Kantinen einer Unternehmensberatung gegessen. Schuld sei wahrscheinlich eine belastete Lieferung an die Kantinen: „Wir gehen davon aus, dass die Infektionsquelle in Norddeutschland liegt“, sagte Oswald Bellinger von der Frankfurter Gesundheitsbehörde. Die Erreger der EHEC-Infektion leben vor allem im Darm von Wiederkäuern. Bei dem derzeit grassierenden Keim handelt es sich um eine besonders aggressive Form, die zudem resistent gegen bestimmte Antibiotika sein soll. Das RKI hat seit Einführung der Meldepflicht 2001 bundesweit jährlich zwischen 800 und 1200 EHEC-Erkrankungen registriert, die aber oft einen leichteren Verlauf nahmen. Im vergangenen Jahr wurden zwei EHEC-Todesfälle gemeldet, 2009 waren es drei.