Darum ist es so schwer, Rock am Ring und Co. abzusagen

Festivals und Coronavirus

Events, bei denen viele Menschen zusammenkommen, fallen derzeit in Deutschland aus. Aber viele große Festivals halten an ihren Zeitplänen fest. Dahinter steck wohl nicht nur Zweckoptimismus.

von Christoph Höland (RND)

, 02.04.2020, 21:00 Uhr / Lesedauer: 3 min
Viele große Festivals halten trotz der Coronavirus-Pandemie an ihren Zeitplänen fest.

Viele große Festivals halten trotz der Coronavirus-Pandemie an ihren Zeitplänen fest. © picture alliance/dpa

Anfang Juni geht es am Nürburgring wieder rund: Zehntausende Rockfans werden sich dort treffen, um ihre Lieblingsbands zu feiern - damit rechnen jedenfalls die Veranstalter. “Rock am Ring und Rock im Park 2020 finden nach derzeitigem Stand wie geplant statt, und die Vorbereitungen laufen auf Hochtouren", teilte die veranstaltende Agentur Live Nation mit.

Sie dürfte damit allerdings den ein oder anderen Festivalbesucher überrascht haben. Schließlich gelten wegen des Coronavirus derzeit massive Einschränkungen im Alltag, die aus Sicht von Experten zumindest teilweise länger bestehen bleiben sollten. Sind die Veranstalter also zu sorglos?

Giganten halten an Plänen fest

Fest steht jedenfalls: Die Rock-am-Ring-Agentur ist nicht allein mit ihrem Kurs. Während kleinere - oft von Ehrenamtlichen und Vereinen getragene - Festivals zuletzt vermehrt abgesagt wurden, halten die meisten Giganten der Festivalwirtschaft an ihren Plänen fest.

Ob Hurricane, Southside, Wacken, Sonne, Mond und Sterne oder Lollapalooza - auf sämtlichen Internetpräsenzen werden mögliche Absagen bislang bestritten oder gar nicht erst thematisiert.

Was allerdings auffällt: Viele Veranstalter betonen zugleich, im engen Kontakt zu den Gesundheitsbehörden zu stehen. “Wir beobachten die Situation natürlich aufmerksam und werden den Anweisungen der Gesundheitsbehörden folgen”, teilte etwa die Rock-am-Ring-Agentur Live Nation mit - und lieferte damit auch eine mögliche Erklärung, warum die Vorbereitungen trotz der Corona-Krise weiterlaufen.

Für die Veranstalter wäre eine Absage sehr teuer

Denn das hängt wohl nicht nur mit Optimismus, sondern auch mit wirtschaftlichem Kalkül zusammen. “Wenn Behörden eine Veranstaltung untersagen, könnten Veranstalter Erstattungsansprüche nach dem Infektionsschutzgesetz haben”, meint Matthias Hufländer, der bei der Verbraucherzentrale Bremen das Veranstaltungsgeschäft im Blick hat.

Grundsätzlich gilt ihm zufolge, dass Veranstalter Kunden den Ticketpreis erstatten müssen, wenn sie Festivals oder Konzerte absagen.

Dass Hufländer sich in dem Bereich auskennt, ist kein Zufall: In Bremen sitzt mit Eventim der größte deutsche Tickethändler. Dessen Geschäftsführer Klaus-Peter Schulenberg hatte jüngst im Gespräch mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ) erklärt, wie es derzeit bei Konzert- und Festivalveranstaltern aussieht: Bei bald bevorstehenden Veranstaltungen sei längst viel Geld für Marketing, Technik und Künstler ausgegeben worden.

Wenn nun wegen Absagen durch die Veranstalter massenweise Tickets erstattet werden müssten, könnte das aus Schulenbergs Sicht viele in den Ruin treiben.

Hoffen auf Erstattungsansprüche

Die Erstattungsansprüche der Veranstalter gegenüber den zuständigen Bundesländern könnten die Einnahmeausfälle allerdings abfedern - sofern die Behörden eine Absage anordnen. Und auch bei laut Schulenberg existierenden Pandemie-Versicherungen großer Veranstaltungen sind die behördlichen Einschätzungen relevant.

Nur gibt es derartige Aussagen seitens der Behörden für die Sommerzeit nicht. Die zuletzt verkündeten Einschränkungen in Deutschland gelten bis nach den Osterferien. Wie es danach weitergeht, ist offen. „Eine längerfristige Ansage von Seiten der Behörden bei Festivals wäre wünschenswert, ohne diese haben wir bei Absagen keinen Versicherungsschutz“, beklagte Schulenberg. Vorerst ist also ungeklärt, wie Veranstalter über die Runden kommen sollen.

Gutscheine statt Bargelderstattung?

Eine Lösung könnte sein, bei Absagen Festival- und Konzertgängern statt einer Bargelderstattung einen Gutschein auszustellen, was teilweise schon auf freiwilliger Basis angeboten wird. Die Liquidität der Veranstalter bleibt dabei zunächst einmal gesichert. Hufländer macht der Ansatz allerdings skeptisch: “Wer jetzt einen Gutschein akzeptiert, könnte im Falle einer Insolvenz eben kein Geld bzw. keine Gegenleistung mehr für seinen Gutschein bekommen”, befürchtet der Verbraucherschützer.

Trotzdem zeichnet sich eine solche Lösung nun flächendeckend ab: Wie die Nachrichtenagentur DPA berichtet, hat das Bundeskabinett am Donnerstag weitreichende Gesetzesänderungen bei Erstattungen beschlossen, die Gutscheine statt Bargeldzahlungen für Ticketkäufer vorsehen.

Verbraucherzentralen skeptisch

Die Gutscheine sollen bis Ende 2021 befristet sein und für alle Tickets gelten, die vor dem 8. März gekauft wurden. Hat der Kunde seinen Gutschein bis Ende 2021 nicht eingelöst, muss der Veranstalter ihm den Wert erstatten. Geplant sind auch Härtefallklauseln für alle Kunden, denen ein Gutschein wegen ihrer finanziellen Situation nicht zumutbar ist.

Noch ist das Gesetz allerdings nicht verabschiedet - und gegen Teile davon laufen die Verbraucherzentralen schon Sturm. “Gutscheine sind nichts anderes als ein Zwangskredit, den die Verbraucher Unternehmen bis Ende 2021 gewähren müssen”, sagte Marion Jungbluth vom Bundesverband der Verbraucherzentralen (vzbv) dem Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND).

Festivalbesucher als Retter

Künftig könnten also zur Rettung der Festivals die Besucher einspringen - jedenfalls, wenn die Gesetzesänderung so wie geplant in Kraft tritt und die Veranstalter anschließend die Festivals absagen.

Verbraucher haben vorerst trotzdem kaum Handlungsmöglichkeiten. Denn wer jetzt aus Angst vor einer Corona-Infektion seinen Festivalbesuch absagt, bleibt gemäß der gängigen Erstattungsregeln sowieso auf den Kosten sitzen.

Schlagworte: