Darum wird Industriekultur so teuer

Fragen und Antworten

Die Industriekultur ist den Bürgern des Reviers lieb - aber sie wird immer teurer. Seit 2006 kosten die fünf Großstandorte den Steuerzahler 6,1 Millionen Euro pro Jahr. Ab 2017 werden der Regionalverband Ruhr und das Land NRW wohl gemeinsam 9,5 Millionen Euro aufbringen müssen. Die Dortmunder Assmann-Gruppe hat allerdings ein Gutachten verfasst, nach dem sogar 22 Millionen gebraucht würden. Wie kommen diese Kostensteigerungen zustande? Fragen und Antworten zu einem komplizierten Thema.

DORTMUND

, 22.08.2016, 13:39 Uhr / Lesedauer: 3 min
Darum wird Industriekultur so teuer

Der Gasometer Oberhausen kostet in den nächsten Jahren besonders viel Geld.

Wer ist die Assmann-Gruppe? Die Firma, die auch einen Sitz an der Baroper Straße in Dortmund hat, besteht aus 200 Architekten, Ingenieuren und Ökonomen. Ihre Spezialität ist neben der Generalplanung die Projektsteuerung, zum Beispiel beim Neubau des Volkswohlbund-Hauses gegenüber vom Dortmunder Theater. Schon 2006 hat die Firma Assmann das erste Gutachten zu den Kosten der fünf Großstandorte errechnet.

Wie hoch waren die Summen im Gutachten von 2006? Das erste Gutachten sah jährlich Kosten von knapp zehn Millionen Euro vor - aufgeteilt in 7,3 Millionen für die Grundsicherung und 2,6 Millionen für die Instandsetzung. Dabei entspricht die Grundsicherung den laufenden Kosten, die auch private Häuslebauer haben: Energiekosten, Versicherung, Reinigung, Hausmeister.

Die Instandsetzungsrücklage ist für anfallende Reparaturen bestimmt. Dieses Paket schultert der RVR mit einer jährlichen Zahlung von 2,5 Millionen. Das Land zahlt dagegen bislang "nur" 3,6 Millionen zur Grundsicherung, die verbleibende Lücke zu den 7,3 Millionen mussten die Standortbetreiber aufbringen.

Was kosten die Standorte bisher? Das Welterbe Zollverein war am teuersten mit 3,9 Millionen Euro pro Jahr. Der Landschaftspark Duisburg-Nord kostete 2,6 Millionen, die Jahrhunderthalle Bochum 1,5 Millionen, die Kokerei Hansa 1,1 Millionen Euro (alle Zahlen gerundet). Der Gasometer Oberhausen war mit 553000 Euro der kostengünstigste Standort.

Wie steigen die Summen laut Gutachten? Beim Welterbe Zollverein auf 9,3 Millionen, beim Landschaftspark Duisburg-Nord auf 6,75 Millionen, bei der Jahrhunderthalle auf 1,94 Millionen, bei der Kokerei Hansa auf zwei Millionen, beim Gasometer Oberhausen auf 2,03 Millionen. Macht zusammen über 22 Millionen - mehr als eine Verdoppelung des finanziellen Bedarfs.

Warum sind die Kosten so extrem gestiegen? Dafür gibt es einen einfachen Grund und diverse spezifische Gründe. Peter Melching, Prokurist der Assmann-Gruppe, hat beide Gutachten mit seinem Team erstellt. "Rechnen wir nur die Indexsteigerung von 2,5 Prozent pro Jahr, sind wir schon wegen des Zinseszinseffekts bei 19,5 Millionen", erklärt er. In zehn Jahren ist alles teurer geworden. Aber man muss sich jeden der fünf Standort einzeln genau anschauen.

Der Gasometer Oberhausen gilt als besonderes Sorgenkind. Warum? Die 117 Meter hohe Riesen-Tonne muss dringend komplett saniert werden. Das war zuletzt 2001/02 passiert. "Das ist eigentlich nur eine einzige Maßnahme, die man nicht strecken kann", warnt Peter Melching. Das Instandsetzungsbudget ist seit 2013 aufgebraucht, obwohl es bis 2016 reichen sollte.

Wie dringend sind die Arbeiten und was werden sie kosten? Die Hülle muss innerhalb der nächsten zwei Jahre gegen Korrosion geschützt werden (7,9 Millionen). Die Dachhaube muss ebenfalls in diesem Zeitraum saniert werden, danach die Rotunde (55000 Euro). Auch die restlichen Dachflächen halten nur noch drei bis vier Jahre durch (495000 Euro).

Die Dachflächen im Inneren müssen in fünf bis sechs Jahren gemacht werden. Macht inklusive der Projektsteuerung (500000 Euro) 10,5 Millionen Euro. "Da wird man sich eine andere Förderung überlegen müssen", sagt Melching. Weitere Kostentreiber: Der steigende Vandalismus hat eine 24-Stunden-Bewachung und eine Alarmaufschaltung notwendig gemacht.

Zeche und Kokerei Zollverein verschlingen laut Gutachten 45 Prozent der Gesamtmittel bei der Instandsetzung und 37 Prozent bei der Grundsicherung. Warum? Die Stiftung Zollverein hat von der Ruhrkohle AG die "weiße Seite" der Kokerei übernommen, außerdem steckt jetzt auch die Kohlenwäsche (Ruhr Museum) in den Zahlen. Die Sicherheit ist teurer geworden, so wird inzwischen auch Wachpersonal mit Hunden eingesetzt. Die Stiftung hat ausgerechnet, dass bis 2030 - das Gutachten betrachtet nur die Kosten bis 2026 - insgesamt 74 Millionen Euro in die Instandsetzung fließen müssten.

Was ist mit dem Landschaftspark Duisburg-Nord? "Das Gelände ist im Prinzip offen", erklärt Melching. "Man braucht mehr Präsenz der Mitarbeiter, damit sich die Menschen sicher fühlen." Auch der Vandalismus war gewachsen. Daher gibt es jetzt einen gesicherten Zugang und einen Pförtner. Zudem wirken sich das Alter und der Zustand der Anlagen stärker aus. Das "Parkpflegewerk" sieht 70 (!) notwendige Maßnahmen vor.

Auch auf der idyllischen Kokerei Hansa in Dortmund steigen die Kosten. Das liegt daran, dass zwar viele Gebäude am "Erlebnispfad" noch im (unsanierten) Dornröschenschlaf liegen, aber die Fassaden und Rohrleitungen doch so hergerichtet werden müssen, dass die Besucher nicht durch herabfallende Teile gefährdet werden. Auch die Sicherheit musste erhöht werden.

Die Kosten der Jahrhunderthalle bleiben dagegen moderat. Warum? Hier hat sich an Nutzung und Gesamtbilanz wenig geändert. Zudem sind Kühltürme und das sogenannte Colosseum jetzt Teil des Bochumer Westparks und müssen nicht mehr mit den Mitteln für die Industriekultur unterhalten werden.

Die Gretchenfrage: Bezahlen wollen der RVR künftig 3,9 und das Land 5,6 Millionen pro Jahr. Macht zusammen 9,5 Millionen. Wenn der Gesamtbedarf aber bei 22 Millionen liegt, was geschieht dann mit der Bausubstanz? Dass die Zuschüsse nicht verdoppelt werden würden, sei absehbar gewesen, sagt Melching: "Auch im Privatleben kann ich nur das tun, was ich mir leisten kann." Man müsse jetzt jeden Standort spezifisch betrachten. "Was ist erforderlich? Welche Gebäude kann man in Ruhe lassen?"

In den Vertragsverhandlungen zwischen Land, RVR und den Standort-Betreibern (also oft den Städten) müsse jetzt geklärt werden, welche touristische und bauliche Qualität man an welchem Standort erreichen will - und kann. Erst dann wird man im neuen Trägervertrag festlegen können, welchen Anteil jeder Standort von den 9,5 Millionen pro Jahr wofür erhält.