Das «Binnen-I» - von Frauen gemeuchelt?

Kennen Sie das «Binnen-I»? Das ist eine Schreibweise, die Männer und Frauen gleichberechtigt behandeln will. Also: «StudentInnen» oder «ProfessorInnen».

Berlin (dpa)

von Von Caroline Bock, dpa

, 24.06.2010, 14:33 Uhr / Lesedauer: 2 min

Früher war Gerechtigkeit in der männerdominierten Sprache nicht nur in der linksalternativen Szene ein heiß diskutiertes Thema. Heute ist das Binnen-I vielleicht vom Aussterben bedroht: Es gibt sogar ein Internetprogramm, mit dem dieses große «I» herausgenommen werden kann.

Die Schreibweise fand über eine linke Schweizer Zeitung in den 80er Jahren den Weg in die «taz». Wo die «Erektion im Text» heute nicht mehr sonderlich beliebt ist, wie Autorin Heide Oestreich 2009 in einer redaktionsinternen Umfrage herausfand.

«taz»-Gründungsmitglied Ute Scheub hat den «langen Marsch des großen I durch die Institutionen mitverfolgt, bei dem es sich immer mehr verbog und kleiner und kleiner wurde». Ihre Diagnose lautete schon 2003: «Man glaubt es nicht, aber es stimmt: Das große I ist von Männern eingeführt und von Frauen gekillt worden.»

Der Germanist Lutz Kuntzsch von der Gesellschaft für deutsche Sprache (Wiesbaden) betont, dass es ohnehin im Deutschen den Großbuchstaben mitten im Wort nicht gibt, außer bei den Binnenversalien in der Werbung («BahnCard»). Was klar ist: «Weibliche Personen sollten auch benannt werden», sagt Kuntzsch.

Was sich anbietet, sind Paarformen wie «Liebe Kolleginnen und Kollegen», Feminina wie «Fachfrau» statt «Fachmann» oder das geschlechtsneutrale Partizip: «Studierende» und «Vorsitzende». Grundsätzlich hat sich ein Bewusstsein für geschlechtergerechte Sprache entwickelt, hat Kuntzsch beobachtet. «Aber im Detail gibt es bei den Formulierungen noch viele Fragen.» Texte werden unleserlich, wenn sich der/die Verfasser/in sklavisch an beide Formen hält. Es ist also Sprachgefühl gefragt.

Das große «I» birgt grafische Klippen wie «PolInnen» und ist schwer laut zu lesen. Aber der Buchstabe hat noch Freundinnen. Die Grünen-Sprecherin für Frauenpolitik, Monika Lazar, ist eine «flammende Verfechterin des Binnen-I». Dass diese Schreibweise nicht mehr so gebräuchlich ist, findet sie schade. Ihr liegt am Herzen, dass Frauen in der Sprache genauso vorkommen wie Männer und verweist auf die diversen Möglichkeiten, das umzusetzen.

«Es reicht ein Mann in einer Gruppe von Frauen, um die männliche Variante zu nehmen», kritisiert die Bundestagsabgeordnete. Das erinnert an den Satz der französischen Schriftstellerin Benoîte Groult, die einmal feststellte, dass ein Hund in einer Gruppe von 40 Frauen ausreicht, um aus dem weiblichen Plural «elles» ein männliches «ils» zu machen.

Lazar, 1967 in Leipzig geboren, erinnert sich noch an DDR-Zeiten, als wenig auf weibliche Bezeichnungen geachtet wurde. «Das war wirklich kein Thema.» Sie selbst war früher «Ökonom» und «Bäcker». Heute verfolgt Lazar die Diskussionen aufmerksam, auch, ob frau jetzt «Kanzlerinnenamt» sagen sollte. Wenn ihr geraten wird, doch lockerer zu sein und nicht die Sprachpolizei walten zu lassen, entgegnet Lazar: «Dann sind wir mal ganz locker. Und sagen nur Professorinnen zu einer Gruppe, in der auch Männer sind.»

Die Publizistin Luise Pusch kämpft seit Jahrzehnten an der Sprachfront. Pusch sieht die Frauensache als «langfristiges Projekt», ähnlich wie die Friedens- oder Umweltbewegung, die noch nicht am Ziel sind. Sie kennt noch Zeiten, in denen als Anrede «Sehr geehrte Herren» im Briefkopf ausreichte - heute ein Affront. «Das Maskulinum ist nicht mehr das, was es mal war.» Sie plädiert für das umfassende Feminine: «Der Betrieb hat 30 Mitarbeiterinnen, darunter 15 männliche.» Das sei praktisch die Umkehrung und anschaulich, findet Pusch. «Das ist einfach Empathietraining für Männer.»

Als kuriose Variante taucht in politisch korrekten Kreisen neuerdings der Unterstrich auf, wie in «Blogger_in». Das soll signalisieren, dass es nicht nur zwei Geschlechter, sondern noch andere sexuelle Identitäten gibt wie Transsexuelle. Eigentlich eine interessante Idee, nur die optische Abtrennung sei nicht gut, sagt Pusch. «Ich würde mich als anderes Geschlecht nicht wohlfühlen auf dem Unterstrich.»

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