„Das mechanische Corps“ schickt uns zurück in die Zukunft

Ausstellung im Dortmunder U

Als Kinder reisten wir zum Mittelpunkt der Erde oder 20000 Meilen unter dem Meer, wo wir Kapitän Nemo und seine "Nautilus" trafen. Mit demselben Gefühl der Verblüffung stehen wir nun im Dortmunder U - als wären wir in eine Zeitmaschine geraten und geradewegs in der fantastischen Welt von Jules Verne gelandet.

DORTMUND

, 09.04.2015, 19:31 Uhr / Lesedauer: 2 min
Besonders faszinierend sind die umgebauten Alltagsgegenstände der Steampunker. Hier der "Nautilus-Gameboy" der mexikanischen Künstlerin Wendy Esmeralda Castillo.

Besonders faszinierend sind die umgebauten Alltagsgegenstände der Steampunker. Hier der "Nautilus-Gameboy" der mexikanischen Künstlerin Wendy Esmeralda Castillo.

"Das mechanische Corps" heißt die neue Schau des Hartware MedienKunstVereins. Das Team um seine Leiterin Inke Arns hat im Dortmunder U-Turm schon diverse überraschende Ausstellungen gezeigt, steht aber diesmal besonders unter Dampf.

Liebenswert versponnen

Denn es geht um den "Steampunk" - also um Literaturfans, die in der utopischen Welt von Jules Verne oder H. G. Wells leben, und um eine Kunst, die die berühmten Jules-Verne-Illustrationen von Édouard Riou zum Ausgangspunkt nimmt. Der Besucher taucht in eine seltsame, abenteuerliche, liebenswert versponnene Welt ein. Alles sieht altmodisch und zugleich futuristisch aus.

"Das Thema hat uns geradezu ergriffen", erzählte gestern Kurator Christoph Tannert. Tannert hatte die Ausstellung gemeinsam mit dem inzwischen leider verstorbenen Peter Lang für das Künstlerhaus Bethanien in Berlin zusammengestellt, jetzt ist die Präsentation nach Dortmund gewandert. Den Titel "Das mechanische Corps" haben sich die beiden Kuratoren ausgedacht - denn zu sehen ist tatsächlich ein Aufmarsch seltsamer Maschinen.

Goldenes Meisterwerk

Da ist zum Beispiel die gewaltige Turbine des Künstlers Florian Mertens, die ohne jede Funktion mitten im Raum hängt. Oder das kleine Luftschiffmodell von Roland Fuhrmann, dessen Flügel sich bewegen wie die Ruder einer Galeere. Nur kommt es nie von der Stelle! Viron Erol Vert hat eine Art goldenen Satelliten namens "Abraham 1" entworfen. Das goldene Meisterwerk, das acht türkische Handwerker schufen, spiegelt die Beschäftigung des Künstlers mit dem Thema des fliegenden Teppichs.

Richtig witzig ist eine Arbeit von Michael Sailstorfer, bei der sich eine Freiheitsstatue in eine Wand zu bohren versucht. Überhaupt drehen sich eine ganze Menge der 40 Exponate, manche machen Musik und auch Filme wie die berühmte "Reise zum Mond" von Georges Méliès aus dem Jahr 1902 gibt´s zu sehen. Also: der Spaßfaktor ist beträchtlich.

So klingt der Soundpanzer

Der tolle Soundpanzer von Nik Nowak aus Berlin darf jedoch nur zur Eröffnung in der Tiefgarage aufspielen, ansonsten ist das Musik-Monster mit seine 4000 Watt einfach zu laut. "Da würden uns die Wände im U wegfliegen", sagt Inke Arns. Nach der Eröffnung wird der Soundpanzer aber nach oben gebracht und wird dann in der Ausstellung nur stumm zu sehen sein. Wer ihn trotzdem hören möchte, kann das hier tun:

Andere Exponate zeigen konkret, was so ein echter Steampunker in der Tasche, auf dem Kopf oder im Kleiderschrank hat: verschnörkelte Uhren, ein Nautilus-Gameboy von Wendy Esmeralda Castillo, reich verzierte Kappen oder Masken. Ein viktorianisch verkleideter Laptop nach dem Entwurf von Richard "Doc" Nagy kostet heute bis zu 7500 Dollar.

FOTOSTRECKE
Bildergalerie

Das mechanische Corps

09.04.2015
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Die "Turbine" des belgischen Künstlers Florian Mertens ist eines der Prunkstücke der Schau. © Foto: Stephan Schütze
Der deutsch-türkische Künstler Viron Erol Vert hat mit dem Werk "Abraham" das Thema des Fliegenden Teppichs modernisiert. Er möchte aber auch auf den Frieden zwischen den Religionen hinwirken. © Foto: Stephan Schütze
Sogar die Pistolen funktionieren hier mit Dampf - aber nur scheinbar. © Foto: Stephan Schütze
Der Künstler Andreas Gerth hat elektroakustische Anordnung aufgebaut. " ... der letzte Seufzer einer erlöschenden Kunst" heißt die Arbeit nach einem Zitat von Jules Verne. © Foto: Stephan Schütze
"Soundpanzer" heißt dieses martialische Gefährt des Berliner Künstlers Nik Nowak. Die 4000 Watt brechen nur zur Eröffnung los, danach muss das Mammut-Gerät stumm in der Ausstellung stehen - zu laut!© Foto: Stephan Schütze
Die wunderbar gearbeiteten Geräte von Jos de Vink drehen sich eifrig. Einen Zweck haben sie aber nicht. © Foto: Stephan Schütze
Auch die Arbeit von Michael Sailstorfer dreht sich. "Freedom Fries am Arbeitsplatz" wird es trotzdem nicht schaffen, ein Loch ins Dortmunder U zu sägen.© Foto: Stephan Schütze
Besonders faszinierend sind die umgebauten Alltagsgegenstände der Steampunker. Hier der "Nautilus-Gameboy" der mexikanischen Künstlerin Wendy Esmeralda Castillo. © Foto: Stephan Schütze

"Die Kritik hat uns vorgeworfen, das sei Kunsthandwerk und keine Kunst", sagt Tannert. Es ist ihm offensichtlich schnuppe: "Der einzige Zweck einer Ausstellung ist doch, das Publikum zu infizieren und zu begeistern." Und tatsächlich: Staunend blicken wir zurück in eine Zukunft, die es nie gegeben hat. Endlich mal eine Ästhetik, die nicht den Götzen der digitalen Entwicklung anbetet. Hier ist alles liebevoll handgemacht. "Das mechanische Corps" entdeckt die Langsamkeit und die Kraft der Fantasie. Da möchte man sich doch gleich die Kappe namens "Aviatrix Fascinator" auf den Kopf setzen, sich auf das Flugfahrrad des Gustav Mesmer schwingen und zur geheimnisvollen Insel entschwinden.

Hartware MedienKunstVerein im Dortmunder U: „Das mechanische Corps - Auf den Spuren von Jules Verne“, 11.4.-12.7.2015, Leonie-Rygers-Terrasse, 3. Etage, Di/Mi 11-18, Do/Fr 11-20, Sa/So/Feiertage 11-18 Uhr, Katalog 29 Euro. Eintritt 5 (ermäßigt 2,50) Euro. Freier Eintritt für Besucher bis 18 Jahre. Spektakuläre Performance zur Eröffnung am Freitag, 10. April: Künstler Nik Nowak plant ab 21 Uhr eine Klangcollage mit seinem „Soundpanzer“ in der Tiefgarage des U. Die Eröffnung beginnt schon am 19 Uhr.

 

 

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