Das Museum von Walker Evans war die Straße

Museum Quadrat Bottrop

Walker Evans verabscheute Künstlichkeit. Er wollte nicht, dass seine Fotografien der Kunst entspringen: Sie sollten im Leben beginnen. Das Quadrat in Bottrop zeigt jetzt die erste europäische Retrospektive von Evans Werk - schlicht und beeindruckend.

BOTTROP

, 27.10.2015, 17:08 Uhr / Lesedauer: 1 min
Das  Museum von Walker Evans war die Straße

Walker Evans „Roadside Stand near Birmingham, Alabama“ von 1936 entstand während der Großen Depression. FOTO WALKER EVA

Der Amerikaner Walker Evans (1903 bis 1975) ist einer der bedeutendsten Fotografen des 20. Jahrhunderts. Über 200 seiner Werke - von frühen Straßenfotografien über die ikonischen Bilder der Großen Depression der 1930er-Jahre bis zu späten Farbaufnahmen - sind im Quadrat, in "Walker Evans. Tiefenschärfe. Die Retrospektive" zu sehen.

Die Originale stammen aus den wichtigsten fotografischen Sammlungen der USA - aus dem Metropolitan Museum oder auch dem Museum of Modern Art - sowie aus bedeutenden Privatsammlungen. Im Vorfeld gab es vier Jahre lang unzählige Briefwechsel.

Ikonen und weniger Bekanntes

In der Ausstellung, die in Zusammenarbeit mit dem High Museum of Art in Atlanta entstanden ist, sind Ikonen zu sehen, aber auch weniger bekannte Bildserien wie "Cuba" oder "Florida's GulfCoast". Überwiegend sind es kleinformatige Schwarz-Weiß-Fotos, schlicht gerahmt an weißen und grauen Wänden hängend.

Evans selbst ging eher ungern ins Museum, fühlte sich dort nicht wohl. Sein liebstes Museum war die Straße. Er sah die Menschen dort, aber er sah nicht nur ihre Oberfläche, sondern mehr. Was in ihnen vorging, schimmert in den Schwarz-Weiß-Bildern durch. Evans Kamera machte es sichtbar.

Schön und unscheinbar

Der Sucher fand das Schöne im Unscheinbaren, und Evans wusste es festzuhalten. Ohne große Inszenierung, ohne Effekthascherei. Oft war er mit versteckter Kamera unterwegs, die er unter dem Mantel mit sich trug. Er fühlt sich beizeiten wie ein Spion, aber er wollte die Realität nicht verzerren. Wollte kein künstliches Lächeln.

Neben den Menschen und ihrem Umgang mit Krisen faszinierten den Fotografen die Symbole des Kommerzes, gesichtslose Architektur und auch die vernachlässigten Ränder industrieller Landschaften.

Licht und Schatten

Evans hat die Licht- und Schattenseiten Amerikas festgehalten, im dokumentarischen Stil, grundiert mit einer gewissen Melancholie. Wenn er Aufträge annahm, fotografierte er im Endeffekt, was er wollte - und sprach von "bezahlter Freiheit". Wer die Kamera so genial einsetzt wie Walker Evans, der darf das.

: "Walker Evans. Tiefenschärfe. Die Retrospektive", bis 10.1.2016, Im Stadtgarten 20, Di-Sa 11-17 Uhr, So 10-17 Uhr, Katalog: 58 Euro. www.quadrat-bottrop.de