Das sind die Gewinner und Verlierer des ADFC-Tests

Fahrradklima-Umfrage

Der Fahrradklima-Test des Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Clubs ist die größte Befragung zum Radfahrklima weltweit. Zehntausende Radfahrer haben den Verkehr in vielen deutschen Städten beurteilt. Einige kommen richtig gut weg, andere überhaupt nicht. Die Gewinner und Verlierer des ADFC-Tests im Überblick.

NRW

, 20.02.2015, 05:46 Uhr / Lesedauer: 4 min
In Großstädten sind Fahrradfahrer häufig schneller am Ziel als Autofahrer. Viele Beschäftigte freuen sich daher über ein Dienstfahrrad. Foto: Tobias Hase

In Großstädten sind Fahrradfahrer häufig schneller am Ziel als Autofahrer. Viele Beschäftigte freuen sich daher über ein Dienstfahrrad. Foto: Tobias Hase

Zehntausende Radfahrer haben den Verkehr großer deutscher Städte besonders kritisch beurteilt. Die meisten Großstädte wie Berlin, Hamburg, Köln und Düsseldorf landeten in einer bundesweiten Umfrage des Allgemeinen Deutschen Fahrrad Clubs (ADFC) auf den hinteren Plätzen. Münster in Westfalen eroberte erneut den Titel als Deutschlands fahrradfreundlichste Stadt in der Kategorie der Kommunen mit mehr als 200.000 Einwohnern. Wir haben uns einige Städte mal genauer angeguckt.

Der Sieger

Wenn man Münster sagt, denkt man mittlerweile fast automatisch an das Wort "Fahrradstadt". In der Studentenhochburg gibt es so viele Leezen, wie sonst nirgendwo anders. Kein Wunder also, dass in Münster (knapp 300.000 Einwohner) fast genauso viele Fahrradfahrer an der ADFC-Studie teilnahmen, wie in Düsseldorf (knapp 600.000) und Köln (etwas mehr als 1.000.000).

Besonders gut wurde von den knapp 1500 Befragten der Winterdienst und die Falschparkerkontrolle auf Radwegen sowie die Reinigung der Radwege beurteilt. Wenig erstaunlich ist die schlechte Bewertung hinsichtlich der Fahrradsicherheit in Sachen Diebstahl. Nur 14 Prozent der Befragten gaben an, dass Fahrraddiebstahl in Münster "nur selten" vorkomme.

Gesamtwertung (Schulnote): 2,5 - Das Ergebnis der Stadt Münster (pdf, 0,3 MB)

Die Verlierer

Gut, in Vaihingen an der Enz (Baden-Württemberg) sind die Fahrradfahrer noch unzufriedener als in Rheinbach südwestlich von Bonn. Aber deutschlandweit Vorletzter möchte man ja als NRW-Kommune auch eher nicht werden. Das 27.000-Einwohner-Städtchen im Rhein-Sieg-Kreis landete allerdings mit einer Gesamtnote von 4,94 tatsächlich (fast) ganz unten im ADFC-Ranking.

Ob es daran lag, dass sich die "nur" 71 Befragten kurz vorher mit einem Autofahrer angelegt hatten, werden wir nicht mehr herausfinden. Aber wenn die Bestnote eine 3,9 bei der "Erreichbarkeit des Stadtzentrums" ist und "zügiges Radfahren" im Schnitt fast zwei Schulnoten schlechter bewertet wird, als in anderen Städten, nimmt man in Rheinbach vermutlich doch lieber das Auto und fährt die acht Kilometer weiter östlich nach Meckenheim. Dort vergaben die Fahrradfahrer die nicht nur im Vergleich mit Rheinbach herausragende Note 2,8.

Bei den Großstädten ragte übrigens Bochum heraus - oder sollte man besser sagen: Herunter? Mit einer niederschmetternden Gesamtnote von 4,38 landete die Ruhrgebietsstadt deutschlandweit auf dem 37. von 39 Großstadt-Rängen, nur knapp vor Mönchengladbach und Wiesbaden.

Das Ergebnis der Stadt Rheinbach mit der Gesamtnote 4,9 (pdf, 0,3 MB) und das der Stadt Bochum mit der Gesamtnote 4,4 (pdf, 0,3 MB).

Die Aufsteiger

Vielleicht nimmt sich die Stadt Rheinbach ja einfach ein Beispiel an Wuppertal oder Iserlohn. Beide NRW-Städte schnitten beim vorangegangenen Test im Jahr 2012 desaströs ab. Nun holten sie in diesem Jahr immer noch keine Bestwerte, aber vor allem Wuppertal konnte im Bewertungspunkt "Fahrradförderung in jüngster Zeit" erstmals Noten im grünen "Befriedigend"-Bereich einfahren. Der ADFC bemerkt: "Wuppertal ist hier beispielhaft mit seiner neuen Nordbahntrasse. Durch sie ist es möglich, selbst in dieser extrem hügeligen Stadt komfortabel und sicher Rad zu fahren."

Vom ADFC wurden Wuppertal und Iserlohn zusammen mit elf anderen Städten als "Top-Aufholer" ausgezeichnet. Die Verbesserung in der Note - Iserlohn landete bei 3,7, Wuppertal immer noch bei 4,2 - lag aber vor allem an den herausragenden Bewertungen beim Thema Fahrrad-Diebstahl: 72 Prozent in Iserlohn und 65 Prozent in Wuppertal gaben an, dass Fahrraddiebstahl in ihren Städten "nur oder eher selten" vorkomme.

Die Ergebnisse der Städte Wuppertal (pdf, 0,3 MB) und Iserlohn (pdf, 0,3 MB)

Das ADFC-Schlusslicht

Der Allgemeine Deutsche Automobil Club hatte im vergangenen Jahr "Radfahren in Städten" getestet, dabei war die Stadt Dortmund unter zwölf Großstädten auf dem letzten Platz hinter den beiden anderen NRW-Städten Düsseldorf und Köln gelandet. Damals hatte Dortmund den fetten Stempel "unterdurchschnittlich" kassiert. Und nun? Bei der ADFC-Umfrage landet Dortmund mit der Gesamtnote 4,0 vor den beiden Großstädten am Rhein (Köln: 4,29; Düsseldorf 4,27).

Das liegt vor allem an den guten Noten für das Angebot an öffentlichen Fahrrädern, die ausleihbar sind. Auch die Öffnung von Einbahnstraßen in Gegenrichtung für Radfahrer wird eher positiv bewertet. Eine Mehrheit ist zudem der Ansicht, dass das Dortmunder Stadtzentrum gut mit dem Fahrrad zu erreichen sei. Und während Dortmund nur einmal die Note 5 für die offenbar mangelhaften Falschparkerkontrollen auf Radwegen erhält, müssen sich die rheinischen Großstädte in mehreren Kategorien ein "mangelhaft" gefallen lassen.

Das Fahrrad-Paradies im Münsterland

Rund um das münsterländische Ahaus sind die glücklichen Fahrradfahrer zu Hause. Wenn man möchte, könnte man vom Fahrrad-Paradies "Reken - Vreden - Heek" sprechen, denn die drei Kommunen westlich der Fahrradstadt Münster haben beim ADFC-Test durchweg gute Noten abgesahnt. Reken verdiente sich mit der Gesamtnote 1,94 sogar deutschlandweit den Titel als "Spitzenreiter" bei der Stadtgrößengruppe unter 50.000 Einwohner.

Heek (2,7) und Vreden (2,73)  landen in dieser Städtekategorie deutschlandweit auf den Plätzen 5 und 6, hinter den nur eine Fahrradtour entfernten Rhede (2,22) und Wettringen (2,29) sowie dem brandenburgischen Ketzin (2,2). Reken und Heek können vor allem beim Thema "zügiges Radfahren" überzeugen (Note 1,4), an den Spaßfaktor von Ketzin (1,2) kommen aber selbst die fahrradlustigen Münsterländer nicht heran. Direkt neben Rhede liegt übrigens Bocholt, das sich stolz "Spitzenreiter der Städtegrößengruppe 50.000 bis 100.000 Einwohner" nennen darf.

Die Ergebnisse der Städte Reken, Vreden, Heek, Rhede, Wettringen und Bocholt (alle pdf 0,3 MB).

Die Sitzenbleiber

Dreimal im gesamten Test wurde die schlechteste Durchschnittsnote 5,9 vergeben. Die gute Nachricht: In NRW musste sich dieser Schande niemand stellen. Aber in der Gemeinde Wusterhausen/Dosse in Brandenburg sollte man sich schon mal überlegen, ob man nicht so langsam mal etwas für bessere Radwege tun sollte. 97 Prozent der 85 dort befragten Radfahrer gaben an, dass die Radwege in Wusterhausen/Dosse zu schmal seien. Ganze 99 Prozent bezeichnen die Radwege dort als "holprig und im schlechten Zustand."

Mit einer solch schlechten Note muss sich sonst nur noch der Markt Mering bei Augsburg: 99 Prozent der dort befragten 90 Radfahrer bemängeln, dass es keine öffentlichen Fahrräder gibt. Dazu passt, dass auf der Website von Mering unter dem Menüpunkt "Verkehrsreport" "keine Artikel verfügbar" sind.

Die wenig Repräsentativen

Natürlich hat sich der ADFC reichlich bemüht, Viel- oder Gelegenheitsradfahrer für seine Interviews zu bekommen, das klappte in großen Städten nachvollziehbarer Weise leichter als in kleinen. Doch in einigen Städten fällt es besonders auf, dass nur sehr wenige Radfahrer befragt wurden (werden konnten?). So wurden zum Beispiel in der 25.000-Einwohner-Stadt Verl 59 Fahrradfahrer befragt (Gesamtnote 3,91) und in der 45.000-Einwohner-Stadt Erkelenz (3,25) nur 51 Radfahrer.

Deutschlandweit wird Erkelenz damit nur von der 10.000-Seelen-Gemeinde Herrsching am Ammersee in Oberbayern unterboten, wo nur 50 Radfahrer an der Befragung teilnahmen. Die waren allerdings deutlich kritischer und vergaben im Schnitt die Note 4,08. Auch in Werne (30.000 Einwohner) wurden "nur" 58 Fahrradfahrer interviewt, die die Gesamtnote 3,48 vergaben.

Die Ergebnisse von Werne (pdf, 0,3 MB).

Die Diebstahl-Hochburgen

Der Punkt "Fahrrad-Sicherheit" riss einige Gesamtnoten ordentlich nach unten. Nachvollziehbar, denn was bringt es, wenn man in einer Stadt wunderbar Fahrradfahren kann, wenn man sich alle drei Monate ein neues kaufen muss, weil es geklaut wurde. Heftigstes Beispiel ist hier sicherlich Münster, dessen Top-Wert aber nicht einmal eine 4,9 in Sachen Diebstahl-Sicherheit schmälern konnte. Noch schlechter war nur Köln (5,0), aber auch in Witten (4,8) und Bonn (4,8) kann man sein Fahrrad nicht guten Gewissens abstellen.

Neben Münster sind es aber vor allem Städte im Münsterland wie Emsdetten oder Haltern am See, bei denen eine deutlich bessere Gesamtnote durch eine schlechte Diebstahl-Bewertung verhindert wurde. Haltern ist bei vielen Themen (Infrastruktur, Fahrradverbreitung, Wegweiser für Radfahrer) im grünen Bereich, wird aber durch eine 4,5 beim Diebstahl auf eine Gesamtnote von 3,47 gedrückt. Emsdetten landet bei einer 3,09, hier sticht die 4,0 beim Diebstahl noch deutlicher heraus.

Die Ergebnisse von Witten, Haltern am See und Emsdetten (alle pdf, 0,3 MB)

Der Fahrradklimatest
Der ADFC-Fahrradklima-Test ist die größte Befragung zum Radfahrklima weltweit und wurde im Herbst 2014 zum sechsten Mal durchgeführt. Der Fahrradklima-Test wird gefördert vom Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur im Rahmen des Nationalen Radverkehrsplans. Über 100.000 Menschen stimmten ab – eine Steigerung von 25 Prozent gegenüber dem letzten Test im Jahr 2012. 

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