Das Superhirn der Musik

Probenbesuch bei Petrenko

Er gibt kein einziges Interview mehr, lässt sich selten fotografieren und in der Bayerischen Staatsoper, wo Kirill Garrijewitsch Petrenko seit 2013 Generalmusikdirektor ist, darf keiner mehr in Generalproben zuhören. Der 44-jährige Russe lebt nur für die Musik. Am Samstag gab es im Konzerthaus Dortmund die seltene Gelegenheit, Petrenko bei der Probe zum Saisoneröffnungskonzert zu beobachten.

DORTMUND

, 11.09.2016 / Lesedauer: 3 min
Das Superhirn der Musik

Kirill Petrenko

Wer ist dieser Mann, den die Berliner Philharmoniker ab 2018 zu ihrem neuen Chefdirigenten gewählt haben und dessen Bayreuth-Debüt 2013 für so viel Jubel sorgte, dass alle nur noch von dem "Petrenko-Ring" sprechen?

Im schwarzen T-Shirt kommt der Dirigent auf die Bühne, ein Handtuch wie ein Boxer auf dem Weg in den Ring über die Schulter geworfen. Am Pult ist Petrenko eher ein eleganter Florett-Fechter - mit Armmuskeln wie ein Reckturner.

2010 war das Bayerische Staatsorchester zuletzt auf Tournee, jetzt führt zum ersten Mal der Chef die Musiker in zehn der besten Säle Europas.

Durchbruch mit Mielitz

In der Probe spricht Petrenko wenig, dabei spricht er perfekt Deutsch. Als 18-Jähriger zog er mit den Eltern von Omsk nach Österreich, weil der Vater dort eine Stelle als Geiger bekam. 1997 wurde er Kapellmeister der Wiener Volksoper, 1999 Generalmusikdirektor in Meiningen, wo der "Ring" in der Inszenierung von Christine Mielitz sein internationaler Durchbruch war. 2002 ging er als Generalmusikdirektor an die Komische Oper Berlin.

Es ist ein Durchlauf durch alle Werke des Programms, zuerst durch Tschaikowskys fünfte Sinfonie - fast ohne Unterbrechungen. "Gut", sagt Petrenko nach dem ersten Satz, "sehr schön" nach dem zweiten. Und nach dem letzten Ton legt er los, rollt die Sinfonie von hinten auf, feilt vom vierten bis ersten Satz an einzelnen Stellen.

Braucht keine Notizen

Notizen hat er sich nicht gemacht, während er - entspannt an einen Stuhl gelehnt - die 85 Musiker mit minimalen Bewegungen durch das Werk geführt hat. Aber er hat sich gemerkt, dass in Takt 100 im ersten Satz die Klarinette nicht Staccato gespielt hat, dass die Streicher im zweiten Satz gewackelt haben, dass die Balance im dritten Satz in Takt 50 nicht perfekt war. Wie er das alles behalten kann - es ist erstaunlich und wohl nur möglich, weil er sich durch nichts ablenken lässt.

Freundlich lächelnd ermuntert er sein Orchester, feilt, zeigt weniger Ekstase als am Abend im Konzert. Dieser Mann ist, wenn es um Musik geht, fast ein Autist. Seine genaue Arbeit und Werkkenntnis, sein zurückgenommener, auf den Punkt präziser Dirigierstil müssen jedem Orchester imponieren. Auch den Berliner Philharmonikern.

Die bekommen 2018 das Gegenstück von einem Rattle, Nelsons, Nézet-Séguin und auch eines Thielemann. Einen Mann, der selbst bei Spielplanpressekonferenzen in München nur drei knappe Statements abgibt. Einen Anti-Maestro, einen scheuen Star, einen Dirigenten, dem Show mit dem Taktstock fremd ist. Aber einen Vollblutmusiker.

Musikalisch meisterlich

Darauf, wie das funktioniert beim besten Orchester Deutschlands, das auch Deutscher Meister in der Selbstvermarktung ist und alle digitale Kanäle bespielt, darf man gespannt sein. Musikalisch wird es bestimmt meisterlich.