Das „Tatort-Auge“: Horst Lettenmayer ist seit 50 Jahren im Vorspann der Krimiserie zu sehen

„Tatort“-Jubiläum

Der „Tatort“ feiert sein 50-jähriges Jubiläum. Seitdem sind auch Horst Lettenmayers Augen und seine weglaufenden Beine im Vorspann zu sehen. Ein Gespräch mit dem heute 79-Jährigen.

26.11.2020, 12:10 Uhr / Lesedauer: 6 min
Schauspieler und Unternehmer Horst Lettenmayer hält eine Trophäe der Krimi-Reihe "Tatort", auf der sein eigenes Auge zu sehen ist, in der Hand.

Schauspieler und Unternehmer Horst Lettenmayer hält eine Trophäe der Krimi-Reihe „Tatort“, auf der sein eigenes Auge zu sehen ist, in der Hand. © picture alliance / dpa

Mit nur wenigen Ausnahmen tritt Horst Lettenmayer in jedem „Tatort“ auf: mit seinen Händen, Beinen und Augen im Vorspann. Im Gespräch mit dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND) erzählt er, wie es dazu gekommen ist - und was er damals für die Dreharbeiten bekommen hat.

Herr Lettenmayer, der „Tatort“ feiert jetzt 50-jähriges Jubiläum – und Sie sind immer noch mit ihren Augen und ihren Beinen im Vorspann zu sehen. Wie ist das für Sie?

Ja, ich laufe da immer noch rum (lacht). Diese Weitsicht hatte ich damals natürlich noch nicht. Dass die ARD so einen Erfolg mit dem „Tatort“ hat, das war nicht abzusehen. Jetzt gibt es schon über 1000 „Tatorte“, das ist schon erstaunlich. Ich merke das an meinem eigenen Alter, nächstes Jahr werde ich 80, aber ich habe auch gut durchgehalten.

Finden Sie den Vorspann mit Ihren Augen denn noch zeitgemäß oder sollte Ihrer Meinung nach mal ein neuer produziert werden?

Das ist eben ein Status, den kann man nicht verändern. Ich habe ja seit 43 Jahren eine Leuchtenfirma und weigere mich auch, das Logo zu modernisieren. Aber stilistisch könnte man beim „Tatort“-Vorspann sicher einiges anders machen. Wenn ich mich ab und zu doch ertappe und zufällig am Sonntagabend meine Augen sehe, denke ich mir: Mein Gott, schaut der müde aus. Aber das ist eben der Lauf der Zeit.

Das heißt aber, Sie gucken manchmal „Tatort“?

Ja, aber eher zufällig mal. Der „Tatort“ kommt ja nicht nur am Sonntagabend nach den Nachrichten, sondern auch unter der Woche und auf den Schweizer und Österreicher Kanälen auch noch. Man hat oft keine Chance, dem auszuweichen. Ich habe neulich einen gesehen, dass muss ich zu Ehren des „Tatorts“ sagen, der mich wirklich begeistert hat. Vor vier Jahren war ich auch mal zu einem Auftritt bei der Funke Mediengruppe eingeladen, das war zu dem ersten „Tatort“, der auch einen Preis bekommen hat. Das hat mich auch sehr gefreut. Da war auch mein Kollege Gottschalk als Moderator.

Ich habe ja mittlerweile alles durchgemacht in der Branche. Man kriegt doch irgendwo eine Prominenz zusammen. Ich habe zwar nur in einem „Tatort“ selbst richtig mitgespielt, 1989 im Schimanski-Tatort „Der Pott“, da war ich ein Gewerkschaftsboss. Gelandet bin ich dann als Leiche im Münchner Klinikum und Schimanski hat mich seziert. Das war sehr aufregend.

Haben Sie denn ein „Tatort“-Lieblingsteam?

Die bayerischen Kommissare langweilen mich mittlerweile, das ist immer wieder so ein Aufguss. Ich bin nach wie vor ein Schimanski-Fan. Wen ich auch immer wieder sehr gut finde, sind die österreichischen Kommissare, den Krassnitzer und die Kollegin. Die sind bescheiden. Mir gibt es überhaupt zu viele Schießerei im Fernsehen, das macht einen teilweise aggressiv. Ich weiß wirklich nicht, warum der „Tatort“ so erfolgreich ist. Außer Quizsendungen und „Tatort“ gibt’s fast nix mehr. Meine Lieblingssendungen sind dann ab 23 Uhr, wissenschaftliche Sendungen. Die bloße Unterhaltung reicht mir nicht. Wir hatten ja vor dem „Tatort“ auch erfolgreiche Krimiserien in Deutschland, die zwar keine 50 wurden, aber die Zeit war auch kurzlebiger. Der „Tatort“ in sich hat sich auch sehr gewandelt. Wenn man alte anschaut und die modernen, sind das schon Welten.

Sie wünschen dem „Tatort“ für die nächsten 50 Jahre also weniger Schießereien?

Dem widerspricht der Titel natürlich, der „Tatort“. Aber tatsächlich weiß ich nicht, ob unsere Welt so aggressiv und böse sein muss. Deutschland ist nicht so kriminell, wie es oft dargestellt wird. Es gibt auch andere Aufgaben für die Gesellschaft in Zeiten von Trump und Corona. Wir müssen auch mal was für Menschheit tun und nicht nur für deren Aufregung, damit Chips gefressen werden.

Erzählen Sie doch noch mal kurz, wie es überhaupt dazu gekommen ist, dass Sie der Mann aus dem Vorspann geworden sind.

Zu der Zeit war ich aktiver Schauspieler und bin zur Schauspielschule gegangen. Da war ich 28, schon damals ein relativ alter Schauspieler, und habe gesagt: Mir pressiert’s mit meiner Karriere; ich habe mich dann nicht für eine längere Zeit in ein Ensemble begeben, sondern war bei den Münchner Kammerspielen, beim Werkraumtheater, habe Stückvertretungen gespielt, sehr viel Werbespots gemacht und Synchronisation. Ich habe zum Beispiel den Ameisenoffizier in der „Biene Maja“ gesprochen. Das waren wirklich unterhaltsame, lustige Dinge.

Und irgendwann hat mich meine Agentin angerufen und gesagt, die ARD sucht für den Vorspann für eine neue Krimiserie prägnante Augen, melde dich da mal. Das habe ich gemacht, dann gab es ein Casting und irgendwie hat mich dann das Glück getroffen und ich habe einen Vertrag für 400 Deutsche Mark gemacht, einen Tag vormittags Stand-Aufnahmen, die Augen und Blickänderungen, und nachmittags wurden dann am alten Münchner Flughafen die bewegten Aufnahmen gedreht, also dieses Davonrennen. Dann habe ich lange nichts gehört und dann kam irgendwann die Premiere des ersten „Tatorts“ und somit auch mein Vorspann.

400 Mark haben Sie damals dafür bekommen. Da war noch nicht abzusehen, dass der Vorspann irgendwann fast wöchentlich von Millionen Zuschauern gesehen wird. Wie stehen Sie da im Nachhinein zu?

Da gab es lange Jahre danach Streitigkeiten vor dem Münchner Gericht. Ich war zu der Zeit schon längst im anderen Beruf, habe meinen Elektroingenieur fertig studiert und dann meine Leuchtenfirma gegründet, die sehr erfolgreich war. Da war ich dann Nebenkläger. Da hat die Autorin, die die Texte und Regie gemacht hat für die „Tatort“-Serien, sich beklagt für eine Nachforderung, weil sie auch eine Minimalgage bekommen hat, weil keiner dachte, dass das so eine lange Geschichte wird. Sie hat dann das ganze Verfahren verloren.

Ich bin natürlich auch untergegangen mit meiner Nebenklage, weil das Gericht meinte, man könnte mich und meine Person an dem Motiv Auge nicht wiedererkennen. Womit sie auch nicht unrecht hatten. Nur bin ich tatsächlich über die ganzen Gazetten, Interviews und Fernsehauftritte als „Tatort“-Auge doch bekannt geworden. Die ARD hat sich auch ein bisschen schäbig benommen, die hätten im Nachhinein schon was ändern können. Aber Tatsache ist: Der einzige, der in Deutschland jemals Wiederholungshonorar bekommen hat als Schauspieler, war Heinz Rühmann.

Die Kombo zeigt Motive aus dem Vorspann zur ARD-Krimireihe «Tatort» - die berühmten Augen von Horst Lettenmayer

Die Kombo zeigt Motive aus dem Vorspann zur ARD-Krimireihe „Tatort“ - die berühmten Augen von Horst Lettenmayer © dpa / Repro: WDR

Der war der Superstar zu seiner Zeit und hat darauf bestanden: Er spielt nur dann weiter Rollen, wenn er für alle Wiederholungen einen Prozentsatz seiner Gagen bekommt. Aber es wäre ein Dammbruch, wenn alle Schauspieler bei jeder Wiederholung einen Nachschlag kriegen würden – das geht nicht. Während das bei Musikern so ist: Der Komponist der „Tatort“-Melodie bekommt bei jeder Ausstrahlung 50 Euro. Ich habe das mal hochgerechnet für mich, aber die Zahl will ich lieber nicht sagen (lacht). Ich bin aber mittlerweile versöhnt mit dem „Tatort“ und mit mir.

Wieviel hätten Sie aus heutiger Sicht gern für Ihren Vorspann-Auftritt bekommen?

Tagesgagen für Schauspieler lagen damals so bei 1200 Mark, bei einem Exklusivvvertrag von Kollegen wie Schimanski auch bei 2300 bis 4000 Euro. Davon bin ich gar nicht ausgegangen. Aber hätte man den Zeitverlauf gekannt, wäre das schon was anderes gewesen. Das Problem war, dass das Bayerische Fernsehen damals gesagt hat, wir drehen das erst mal und wenn es gesendet wird, wird neu verhandelt. Ich habe der ARD niemals ein Senderecht erteilt, ich habe nur 400 Mark von der Produktionsfirma bekommen, die die Aufnahmen gemacht hat. Aber mit dem Bayerischen Fernsehen und der ARD habe ich bis heute keinen Vertrag. Da hätte man anders klagen müssen.

Erkennen Leute Sie denn wegen des Vorspanns auf der Straße?

Nein, die Menschen erkennen mich an den Augen tatsächlich nicht. Und heute schon gar nicht mehr. Die haben sich zwar nicht so sehr verändert, alles drumherum ist aber natürlich älter geworden. Aber Leute, die es wissen oder zu denen es sich rumgesprochen hat, schauen natürlich noch mal genau hin.

Früher war das doch sicher immer eine nette Anekdote auf Partys oder um Menschen zu beeindrucken?

Ja, solange ich noch in der Branche war, war das natürlich toll. Auf der anderen Seite haben Sender auch Angst vor Darstellern, die so eine Nebenprominenz haben. Die wollen ja die Identifikation aus der Figur heraus und nicht aus der Tatsache, dass ich das „Tatort“-Auge bin. In dem Moment wird man dann immer als „Tatort“-Auge gesehen.

Wie kam denn dann der Umschwung vom Schauspieler zur Leuchtenfirma?

Ich habe schon vor der Schauspielschule Elektrotechnik studiert und als ich im zweiten Semester war ein Praktikum bei Siemens gemacht, bei dem ich im Nationaltheater in München war, da haben die Akustikingenieure immer den Widerhall gemessen und ich habe zugeschaut. Da ist irgendwas passiert: Ich bin nach Hause gegangen und habe meinen Eltern geschrieben, dass ich Schauspieler werde. Tatsächlich habe ich das dann durchgezogen, mein Vater war natürlich stinksauer. Ich war dann drei Jahre an der Schauspielschule, habe das Examen gemacht, und dann den Job begonnen.

Ich habe mich durchgekämpft, aber wenn Sie sich vorstellen: Der Monat hat 30 Tage, wenn ich dann nur an drei Tagen ein Engagement habe, mache ich mir schon Gedanken. Ich habe das dann sieben Jahre gemacht, aber das hat mich dann doch nicht erfüllt. Dann habe ich gesagt: Ich brauche einen gescheiten Beruf, ich will mal heiraten und eine Familie haben, da brauche ich eine sichere Existenz. Dann habe ich mein Elektrotechnikstudium abgeschlossen und mit den Leuchten begonnen.

Die erste Leuchte, die ich vor 43 Jahren gemacht habe, macht heute noch einen Umsatz von 300.000 Euro. Diese Leuchte hat auch den Kunstschutz bekommen. Und vor Kurzem habe ich nach zehn Jahren Prozess in Frankreich am höchsten Gericht auch den Kunstschutz bekommen. Im Majestic Hotel, wo die Filmfestspiele in Cannes stattfinden, hängen nämlich 700 Kopien meiner Leuchte. Das ist jetzt nicht mehr erlaubt. Das sind Dinge, die einen erfreuen. Die Lampe ist jetzt eine heilige Kuh, die darf bis 70 Jahre nach meinem Tod keiner nachbauen.

RND

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