Das zweite Jahr mit Corona: Womit Deutschland 2021 rechnen sollte

Blick in die Covid-Zukunft

Wann ist das alles endlich vorbei, fragen sich Menschen weltweit und in Deutschland mitten im Lockdown. Sicher ist, die Pandemie wird uns 2021 weiter beschäftigen - der Versuch einer Vorhersage.

von Saskia Bücker

, 12.01.2021, 05:00 Uhr / Lesedauer: 6 min
Impfungen werden ein Hauptthema des Jahres 2021. Doch daneben müssen wir mit weiteren Themen rund um das Coronavirus rechnen.

Impfungen werden ein Hauptthema des Jahres 2021. Doch daneben müssen wir mit weiteren Themen rund um das Coronavirus rechnen. © AFP

2021 startet – wenig überraschend – turbulent. Das ist die Welt nach einem Pandemiejahr ja bereits gewohnt. Die gute Nachricht: Impfungen laufen überall im Land langsam an.

Die EU hat vergangene Woche weitere 300 Millionen Impfstoffdosen von Biontech gekauft – und den Impfstoff von Moderna zugelassen. Die schlechte: Der Lockdown bleibt, die Schulen und Geschäfte bleiben dicht, die Besuche bei Freunden und Familien und der Skiurlaub fallen weiterhin aus.

31.849 bestätigte Neuinfektionen und der bisherige Höchststand mit 1129 Toten allein am Freitag (8. Januar) erinnern daran, dass das Virus über Weihnachten und Silvester keinesfalls geruht hat. Neue Mutationen breiten sich in Europa und Afrika rasant aus – und der SPD-Politiker und Pandemieerklärer Karl Lauterbach warnt bereits vor einer dritten Welle.

Wie lange geht das noch so? 2021 startet erneut mit Verzicht – und Deutschland muss sich auf weitere Einschränkungen und das Umwerfen von Plänen einstellen – je nachdem, was das Virus und die durch den Erreger entstehende Dynamik vorgibt. Prognosen sind schwierig – aber mit einigen groben Entwicklungen ist zu rechnen:

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Der Wettlauf gegen die Winterwelle: impfen, impfen, impfen

Durch den Lockdown wird hoffentlich Zeit gewonnen –, um möglichst viele Menschen, die besonders gefährdet sind, zu impfen. Dadurch entsteht das „Licht am Ende des Tunnels“, von dem viele Politiker seit dem Start der Impfkampagne sprechen. In der Tat ist es die einzige Strategie, um die Pandemie wirklich zu stoppen – was aber noch sehr lange dauern wird.

Für epidemiologische Effekte, also dass die Virusausbreitung in der Bevölkerung grundsätzlich gebremst wird, braucht es WHO-Schätzungen zufolge 60 bis 70 Prozent Geimpfte. Erst dann kann von einer Herdenimmunität die Rede sein. Wird diese Schwelle erreicht, sind also ausreichend Menschen immun gegen den Erreger, stoppt das exponentielle Wachstum bei den Fallzahlen womöglich ohne Maßnahmen wie weniger Kontakte, Schließungen und Abstand.

Wann das soweit ist, hängt von vielen Faktoren ab. Noch ist der Impfstoff knapp, er wird häppchenweise ausgeliefert, es laufen Verteilungskämpfe. Noch sind in der EU nur zwei Mittel zugelassen – von Biontech und Moderna. In den kommenden Monaten ist aber mit weiteren Impfstoffen zu rechnen, etwa von Astra Zeneca (im Januar), Curevac (Sommer) und Sanofi (zweite Jahreshälfte). Vorausgesetzt, die Vakzine erweisen sich in den Studien als sicher, verträglich und wirksam.

Dieses Jahr wird sich durch das Fortlaufen von Studien vermutlich auch herausstellen, ob die Impfstoffe neben dem weitgehenden Schutz vor Erkrankung auch vor einer Ansteckung schützen. Möglicherweise wissen wir bald, wie lange der Impfschutz besteht. Wahrscheinlich dauert das aber weitere Jahre.

Zu Recht betonen Experten: Das Impfen ist eine Mammutaufgabe. Auf Deutschland bezogen, aber auch auf die ganze Welt. Der Infektiologe Clemens Wendtner von der München-Klinik Schwabing hat dem RND vorgerechnet: „Selbst wenn jeden Tag in der Woche, montags bis sonntags, 100.000 Personen eine Impfung erhalten, wären Ende 2021 nur rund 35 Millionen von 83 Millionen Menschen geschützt.

Das ist weniger als die Hälfte der Einwohner Deutschlands.“ Sprich: Wir haben für einen noch nicht wirklich absehbaren Zeitraum weiter mit dem Virus und der Krankheit Covid-19 zu tun. Es kommt am Ende auch darauf an, wie viele Menschen sich für den Piks entscheiden. Denn in Deutschland ist die Impfung freiwillig. Zudem macht die Pandemie nicht vor Grenzen Halt. Es kommt auf die Impfgeschwindigkeit in den einzelnen Ländern weltweit an.

Bei knappen Mitteln wird unter den EU-Mitgliedsstaaten vorerst aufgeteilt – und in Deutschland priorisiert. Es geht bei knappem Impfstoff und gleichzeitig hoher Ansteckungsgefahr in der Bevölkerung zunächst darum, die für einen schweren Covid-19-Verlauf besonders Gefährdeten zu schützen. Dadurch werden hoffentlich bald auch die Krankenhäuser, Pflegeeinrichtungen und Intensivstationen etwas entlastet.

Viele Covid-19-Erkrankte und Tote mindestens bis in den Sommer

Trotz Start der Impfungen ist in den kommenden Wochen und Monaten weiterhin mit sehr vielen Covid-19-Erkrankten und auch Toten in Deutschland zu rechnen. „Die Herausforderung, viele schwer kranke Covid-19-Patienten zu betreuen, wird die Kliniken mindestens bis in den Sommer begleiten“, prognostizierte Gernot Marx, Präsident der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (Divi) gegenüber dem RND.

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Selbst wenn der Lockdown die Zahl der Ansteckungen in der Bevölkerung minimiert, bleibe der Druck für das Klinikpersonal hoch. „Für die Ärzte und Pfleger auf den Stationen ist das inzwischen mehr als ein Marathon“, berichtet Marx. „Das Personal ist physisch und psychisch wirklich am Anschlag.“

Er nennt eine Schwelle von 6000 Covid-19-Patienten auf den Intensivstationen bis Mitte Februar als ein zu erhoffendes Maximum an Belegungszahlen durch den Lockdown. Es ist aber gerade unklar, ob das erreicht werden kann. Über den Jahreswechsel könnten nämlich mehr Ansteckungen stattgefunden haben, als es die Zahlen bislang vermuten lassen. Aussagekräftige Statistiken dazu gibt es Datenkennern zufolge frühestens ab dem 11. Januar – also Montag.

Selbst wenn es ab Sommer eine Entspannung bei der Virusausbreitung in der Bevölkerung geben sollte, ist für Ärzte und Pfleger sehr viel zu tun. Denn es gibt nicht nur Covid-19-Patienten. In den letzten Monaten mussten viele Operationen mit anderen Krankheitsbildern verschoben werden, viele Erkrankte haben aus Angst vor Ansteckung den Arztbesuch vermieden. Nicht zu vergessen: Wer nach einer Sars-CoV-2-Infektion im Krankenhaus behandelt wird, ist in der Regel wochenlang schwer krank und leidet an mannigfaltigen Symptomen.

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Und auch nach der Entlassung ist rund die Hälfte der Patienten für Wochen bis Monate nicht gesund. Unter dem Begriff Long Covid lässt sich inzwischen eine lange Liste von Spätfolgen summieren. Es ist bei einer hohen Inzidenz damit zu rechnen, dass auch 2021 viele Menschen damit zu kämpfen haben werden.

Ab Mai: Der Temperatureffekt

Virologen sind bislang zuversichtlich, dass Deutschland ähnlich wie 2020 eine gewisse Verschnaufpause im Sommer erleben wird – etwa ab Mai oder Juni. Die warmen Temperaturen könnten dazu beitragen, dass das Spreading nicht ganz so exponentiell zunimmt. Die bereits zirkulierenden Erkältungs-Coronaviren sind, wie viele andere respiratorische Viren, stark saisonal und treten im Sommer sehr viel seltener auf.

Außerdem verlagert sich bei höheren Temperaturen das Sozialleben wieder vermehrt nach draußen. Picknick mit Freunden im Park und ausgedehnte Spaziergänge sind dann wieder möglich, ohne sich die Zehen abzufrieren.

Im Herbst und Winter ist darauf zu hoffen, dass es wegen des Fortschritts bei den Impfungen bereits weniger schwer kranke Covid-19-Patienten gibt als in der zweiten Welle 2020.

Unbekanntes Ausmaß: Das Coronavirus mutiert und wird ansteckender

Neue Virusvarianten zirkulieren schon seit letztem Frühjahr durch die Welt. Mit immer mehr Geimpften und Genesenen nimmt der Selektionsdruck auf Sars-CoV-2 nun immer weiter zu. Das Virus entwickelt deshalb Strategien, um weiter in der Welt bestehen zu können. Es verändert seine Eigenschaften.

Durch Mutationen könnte Sars-CoV-2 im Laufe dieses Jahres ansteckender werden, den Krankheitsverlauf von Covid-19 verändern oder die Impfung austricksen und unwirksam machen. Neue Virusvarianten könnten den Verlauf der Pandemie deshalb noch entscheidend verändern – und den Prognosen von 2020 einen Strich durch die Rechnung machen. Dass das Virus plötzlich verschwindet, halten Experten für sehr unwahrscheinlich.

Stattdessen sind in den letzten Wochen bereits einige beunruhigende Varianten aufgetaucht, zu denen noch vieles unklar ist. Da wäre zum einen die Variante B.1.1.7, die der Weltgesundheitsorganisation zufolge nachgewiesenermaßen bereits durch 22 Länder in der Europaregion zirkuliert. Epidemiologische Daten aus Großbritannien zeigen, dass sie ein größeres Ansteckungspotenzial hat als die bislang dominante Variante von Sars-CoV-2.

Es bestehe wenig Zweifel, dass die Variante einen R-Wert mit einem um 0,4 bis 0,7 höheren Faktor aufweist, erklärte Jörg Timm, Leiter des Instituts für Virologie am Düsseldorfer Universitätsklinikum, dem RND. „Deshalb steigt mit der Ausbreitung der neuen Variante auch das Risiko eines erneut exponentiellen Wachstums bei den Fallzahlen.“

Sprich: Es gibt wahrscheinlich in ein paar Wochen mehr Ansteckungen, obwohl Deutschland im Lockdown ist. „Wir werden noch mehr solcher Varianten in der Zukunft sehen“, prognostizierte zudem die Genfer Virologin Isabella Eckerle bei einem Treffen des Science Media Center.

Deren Auftauchen sei ein Weckruf für noch konsequenteres Umsetzen der Maßnahmen. Und der Virologe Andreas Bergthaler betonte: „Wir dürfen uns nicht in Sicherheit wiegen, dass wir mit Impfstoffen am Ende des Marathons angekommen sind.“

Immerhin sieht es nicht so aus, dass diese Variante einen noch schwereren Covid-19-Verlauf hervorruft. In Südafrika wurde ebenfalls eine neue Variante entdeckt, bezeichnet als 501.V2. Auch diese ist bisherigen Erkenntnissen zufolge ansteckender. Experten befürchten, dass Impfstoffe gegen diese Variante weniger wirksam sein könnten, weil die Mutante mehrere Veränderungen an genau der Stelle aufweist, an der die Mittel ansetzen.

Bislang fehlen dazu aber noch aussagekräftige Studien. Bei B.1.1.7 zeigte sich diese Gefahr für Impfungen bislang glücklicherweise nicht im gleichen Maße. Eine Studie legt nahe, dass das Vakzin von Biontech und Pfizer auch vor der Mutation schützt. Unklar ist, inwieweit Sars-CoV-2-Genesene nach einer Infektion womöglich noch anfällig für veränderte Varianten sein könnten.

Neue Medikamente könnten kommen – aber kein Wundermittel

Ein Wundermittel gegen die Sars-CoV-2-Infektion und die Krankheit Covid-19 wird höchstwahrscheinlich nicht kommen. Darin sind sich Mediziner und Wissenschaftler weitgehend einig. Immerhin zwei Mittel sind in Kliniken inzwischen Standard und helfen etwas bei schweren Krankheitsverläufen: Dexamethason und Remdesivir.

Es bräuchte aber eigentlich bessere Medikamente für die Zeit, in der die Herdenimmunität durch die Impfungen noch nicht greift. Die Hoffnung: Sie könnten präventiv vor Infektionen schützen oder den Verlauf der Covid-19-Erkrankung abmildern.

Forscher in Deutschland haben da bereits gute Ideen: Es könnten beispielsweise bestimmte Substanzen inhaliert werden, statt diese über die Vene zu spritzen – etwa Nasen- oder Rachensprays. Es wird auch an völlig neuen Wirkmechanismen gearbeitet, um Entzündungen im Körper direkt zu blockieren. Die Ideen stehen aber noch ganz am Anfang.

Der Sprung vom Labor in die Kliniken und Arztpraxen ist ähnlich wie bei den Impfstoffen eine Herausforderung. Für länger laufende Studien braucht es Geld. Die gute Nachricht: Bundesforschungsministern Anja Karliczek hat für 2021 ein Förderprogramm zur Erforschung von Medikamenten gegen Covid-19 angekündigt.

Corona-Maßnahmen bleiben: Lockdown, Maske, Abstand

Es wird auch 2021 sehr wahrscheinlich eine Abfolge von Lockdowns und Lockerungen geben müssen. Mal braucht es bundesweit ein Bündel Maßnahmen bei sehr hoher Inzidenz, mal konsequent in einem Landkreis, wenn es dort bei sonst niedrigen Fallzahlen plötzlich einen größeren Ausbruch gibt.

2020 hat eindrücklich gezeigt, dass Verhaltensänderungen – ob auf freiwilliger Basis oder per politischer Maßnahmen – die Virusausbreitung bremsen können. Etwa durch das Schließen von Bereichen, wo viele Menschen in beengten Verhältnissen zusammenkommen. Aber auch durch Maske tragen und nur einzelne wenige Freunde an der frischen Luft treffen.

Zum Pandemiebeginn gab es noch keine Erfahrungen mit dieser Strategie. Inzwischen gibt es einen Haufen Daten, und Wissenschaftler sind sich nach zahlreichen Analysen weitgehend einig, dass zeitlich begrenzte härtere Lockdowns effektiver sind und schneller Erfolge zeigen als nur einige Teilmaßnahmen wie im November. Durch die Maßnahmen bleibt so zumindest etwas Kontrolle über das sonst so unberechenbare Virus – bis die Impfungen dann hoffentlich weltweit Wirkung zeigen.

RND

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