Daten von Cambridge Analytica werden weiter zur Manipulation von Wahlen genutzt

Wahl-Manipulationen

Der Skandal um die Analysefirma Cambridge Analytica, die weltweit Wahlen manipuliert hat, weitet sich aus. Jetzt werden Dokumente veröffentlicht, die das Ausmaß der Manipulation offenlegen.

Camebridge

von Daniel Killy

, 07.01.2020, 15:46 Uhr / Lesedauer: 3 min
Daten von Cambridge Analytica werden weiter zur Manipulation von Wahlen genutzt

Das Unternehmensschild der inzwischen abgewickelten Datenanalyse-Firma Cambridge Analytica. © dpa

Seit Jahresbeginn fließt der Datenstrom unaufhaltsam. Auf dem anonymen Twitteraccount „Hindsight is 2020“ – was ungefähr „Hinterher ist man immer klüger“ bedeutet – werden seit 1. Januar brisante Daten über Wahlen in Brasilien, Kenia und Malaysia sowie im Iran und Papiere über Donald Trumps ehemaligen Sicherheitsberater John Bolton veröffentlicht. Die Dokumente, ihre Zahl geht in die Zehntausende, legen schonungslos offen, wie Wahlen und Wähler beeinflusst wurden – und werden.

Im Fall Bolton enthalten die Daten präzise Analysen und Handlungsvorschläge, wie Bürger dazu zu bringen seien, einzelne Kandidaten im US-Wahlkampf zu wählen. Mit psychologisch-soziologischen Fachbegriffen wie dem „verhaltensabhängigen Microtargeting“ wird etwa ein „Markenentwicklungs-Muster für die Kampagne des republikanischen Senators Ted Cruz“ entworfen. Das Beispiel, das uns vorliegt, ist völlig willkürlich gewählt.

Brittany Kaiser ist die Frau, die hinter dem Leak der Cambridge-Analytica-Machenschaften steckt. Die 33-Jährige war Direktorin für Business Development bei CA. Kaiser, die aus Houston (Texas) stammt, war einer größeren Öffentlichkeit erst nach dem CA-Skandal um 87 Millionen missbrauchter Facebook-Daten bekannt geworden, als sie in dem Netflix-Dokumentarfilm „The Great Hack“ als Protagonistin auftrat.

Der britischen Zeitung „Guardian“ sagte Brittany Kaiser, warum und wann sie sich entschlossen habe, die Daten öffentlich zu machen. Der Entschluss sei im Dezember 2019 nach der Wahl in Großbritannien gefallen. „Es ist glasklar, dass unsere Wahlsysteme dem Missbrauch Tür und Tor öffnen. Ich habe große Angst davor, was später in diesem Jahr bei den Präsidentschaftswahlen passiert, und ich bin davon überzeugt, dass eine der wenigen Möglichkeiten, uns zu schützen, darin besteht, so viele Informationen wie möglich zu veröffentlichen.“

„Manipulation in industriellem Maßstab“

Kaiser spricht von mehr als 100.000 Dokumenten, die 68 Länder betreffen. Sie legten, so die Whistleblowerin, die sich entschlossen hat, aus der Anonymität herauszutreten, die Infrastruktur einer Operation offen, die benutzt werde, um Wähler „in einem industriellen Maßstab“ zu manipulieren. Sie sollen nach und nach in den kommenden Monaten veröffentlicht werden. Bei den Dokumenten soll es sich um die gleichen Unterlagen handeln, die Sonderermittler und Ex-FBI-Chef Robert Mueller in seinen Untersuchungen wegen der russischen Manipulationen des US-Wahlkampfes 2016 als Beweismittel herangezogen hatte.

Die Dokumente wurden von Kaisers E-Mail-Konten und Festplatten heruntergeladen. Einen Teil der Daten hatte sie bereits im April 2018 dem britischen Parlament vorgelegt. Es gäbe aber, so Kaiser zum „Guardian“, Abertausende weiterer Seiten, die „die Breite und Tiefe“ einer Arbeit belegten, „die weit über das hinausgeht, was die Leute sich bisher unter dem Cambridge-Anlaytica-Skandal vorstellen“.

Die Veröffentlichung führte auch dazu, dass sich Christopher Steele, ehemaliger Leiter der Russland-Abteilung des britischen Geheimdienstes MI6 und Kopf hinter dem sogenannten Steele-Dossier über die Beziehungen Trumps zu Russland, öffentlich zu dem CA-Skandal zu Wort meldet.

„Eine furchterregende Perspektive“

Zwar sei das Unternehmen geschlossen worden, so Steele, aber der Fehler, die Beteiligten nicht entsprechend zu bestrafen, habe dazu geführt, dass die Wahrscheinlichkeit einer Manipulation der US-Wahlen in diesem Jahr wesentlich höher sei. Steele kommentierte in einem seltenen öffentlichen Auftritt die Kaiser-Leaks. Er wisse zwar nichts Genaues über deren Inhalt, doch sei der Zeitpunkt ihrer Veröffentlichung an Wichtigkeit gar nicht hoch genug einzuschätzen. „Nach unserer derzeitigen Einschätzung werden diese Probleme noch schlimmer werden – das ist bei den entscheidenden Wahlen 2020 in den USA und anderswo eine ziemlich furchterregende Prognose. Wir müssen mit aller Radikalität etwas dagegen unternehmen – und zwar schnell.“

Der „Guardian“ zitiert Steele weiter, der Westen habe versagt darin, diejenigen hart zu bestrafen, die Social Media und andere Medien manipulierten. Das Resultat sei nun, „dass CA zwar enttarnt und später dichtgemacht wurde, dass dadurch aber andere, noch geschicktere Akteure sich ermutigt fühlen, unsere Wahlen zu beeinflussen, und soziale Spaltung sähen“.

Nur ein Teil einer weltweiten Operation

Britanny Kaiser sagt, der Facebook-Skandal, der das Aus von Cambridge Analytica einläutete, sei nur ein Teil einer wesentlich größeren weltumspannenden Operation gewesen, die mit Regierungen, Geheimdiensten, Firmen und politischen Kampagnen kooperiert habe – mit dem Ziel, Menschen zu manipulieren und zu beeinflussen. Diese Erkenntnis habe größten Einfluss auf die nationale Sicherheit vieler Staaten.

Die unveröffentlichten Dokumente enthalten nach Kaisers Angaben Material und E-Mails, die nahelegen, dass CA noch im Jahr 2017 für eine politische Partei in der Ukraine arbeitete, obwohl sich das Unternehmen damals bereits im Visier der Mueller-Ermittlungen befand. Zudem werde deutlich, wie CA „eine ausgeklügelte Infrastruktur von Briefkastenfirmen entwickelte, die nur dazu da waren, der Politik Schwarzgeld zuzuleiten“.

„Es gibt“, so zitiert der „Guardian“ Kaiser, „E-Mails zwischen Trumps Großspendern, in denen darüber diskutiert wird, welche finanziellen Methoden sich am besten dazu eigneten, die Quellen der Spenden zu verschleiern. Diese Dokumente enthüllen die gesamte Schwarzgeldmaschinerie hinter der US-Politik.“ Dieselbe Methodik werde in anderen Ländern angewandt, in denen Cambridge Analytica gearbeitet habe, so Kaiser – dazu gehöre auch Großbritannien.

„Wirklich verstörende Experimente mit amerikanischen Wählern“

Nach Einschätzung Emma Briants, Wissenschaftlerin am Bard College, New York, deren Fachgebiet es ist, Propagandamethoden zu analysieren, und die zu Forschungszwecken bereits Zugriff auf einige der Dokumente hatte, sind die bisherigen Enthüllungen „nur die Spitze des Eisbergs. Die Dokumente vermitteln eine wesentlich klarere Vorstellung davon, was 2016 bei den amerikanischen Präsidentschaftswahlen passierte. Das wiederum hat eine entscheidende Bedeutung für das, was 2020 passieren wird. Es sind dieselben Leute involviert, die auf dieselben Methoden setzen“, sagte Briant, die auch in der Netflix-Dokumentation „The Great Hack“ auftaucht, dem britischen „Observer“.

Und weiter: „Wir haben Beweise für wirklich verstörende Experimente mit amerikanischen Wählern, die mit angstmachenden Nachrichten manipuliert wurden. Dabei wurden die am leichtesten zu Beeinflussenden und Verletzlichsten unter der Wählerschaft ausgesucht. Und es geht weiter. Hier handelt es sich um eine globale Industrie, die gänzlich außer Kontrolle geraten ist. Und die Dokumente belegen nur die Aktionen eines solchen Unternehmens.“