Der Furchtlehrer ist wieder da – vier neue Novellen von Stephen King

Literatur

Stephen King hält “Blutige Nachrichten” für seine Leser bereit: Der Meister der dicken Gruselwälzer entdeckt die Würze in der Kürze – vier Storys für den dunklen Sommer der Pandemie.

von Matthias Halbig

, 10.08.2020, 07:06 Uhr / Lesedauer: 3 min
Er jagt wieder Schauer über den Rücken seiner Fans: Stephen King legt seine neue Novellensammlung “Blutige Nachrichten” vor.

Er jagt wieder Schauer über den Rücken seiner Fans: Stephen King legt seine neue Novellensammlung “Blutige Nachrichten” vor. © picture alliance / Maja Hitij/dp

“If it bleeds / it leads” (in etwa “Klebt hierdran Blut / dann wird es gut”) ist ein zynischer Begriff aus der Zeitungswelt, wonach Gewalt Geld macht, sich die besonders “blutige Nachricht” am besten verkauft. Und so führt uns die titelgebende Geschichte von Stephen Kings vierter Novellensammlung “Blutige Nachrichten” auch in die Welt der Medien, speziell des Fernsehens.

Da ist ein Reporter, der Holly Gibney auffällt. Er ist immer als Erster bei den telegensten Massenschießereien, die den Zuschauern die Nackenhärchen lotrecht stellen und dem Sender die Quote verschaffen. Und in Holly setzt sich der Gedanke fest, dass dieser Mann die Schreckensbilder möglicherweise verursachen könnte, wie der Feuerwehrmann, der Brände selbst legt. Und schon hat es Holly wieder mit einem Monster zu tun.

Diesmal ist Kings Darling Holly Gibney auf sich gestellt

Nur dass sie diesmal allein ist, keinen Detective Ralph Anderson an ihrer Seite hat wie in “The Outsider” (2018), wo ein Äonen alter, quasivampirischer Gestaltwandler zur Strecke gebracht werden musste, und auch keinen pensionierten Detective Bill Hodges wie in der 2014 gestarteten “Mr. Mercedes”-Romantrilogie, wo sie gegen einen Mörder antrat, der Wege gefunden hatte, noch aus dem Koma heraus tödlich zu sein. Holly Gibney ist diesmal auf sich gestellt, und wiewohl sie die Existenz des Übernatürlichen inzwischen aus Erfahrung akzeptiert hat, muss sie zugleich gegen sich selbst antreten.

Wie King seiner erklärten Lieblingsfigur die Stolpersteine ihrer Ängste und ihrer Vergangenheit in den Weg legt, ist ein Hürdenlauf des Suspense. Dass man der Figur inzwischen im Geiste die Optik der Schauspielerin Cynthia Erivo unterschiebt, wird dabei als Gewinn verbucht. Die HBO-Serie “The Outsider” war schließlich die mit Abstand beunruhigendste King-Verfilmung der letzten Dekade – und “Blutige Nachrichten” ist der Stoff für eine zweite Staffel.

Es ist der vierte Novellenband, seit 1982 “Frühling, Sommer, Herbst und Tod” erschien, ein Kleeblatt von Kurzromanen oder Long Storys, in denen King, der Freund des überbordenden Seitenumfangs, diszipliniert und stringent große Geschichten klein halten musste. Auch diese Sammlung des Halblangen ist geglückt. Jede Geschichte – selbst die mit 200 Seiten doch umfangreiche Titelstory – lässt sich (mit etwas Freizeit in petto) in einem Rutsch durchlesen.

Der Band enthält eine der berührendsten Geschichten Kings

Der neunjährige Craig wird in “Mister Harrigans Telefon” der beste Freund eines alten, reichen Mannes, dem er von einem unverhofften Lotteriegewinn ein Smartphone kauft. Craig gibt dem zunächst skeptischen, dann von den Möglichkeiten der Apparatur faszinierten Alten das Handy schließlich heimlich mit ins Grab, und weil er seinen Freund vermisst, kommt er auf eine jener unseligen Ideen, die Figuren in King-Geschichten später zutiefst zu bedauern pflegen. Schon immer machte sich King gut dabei, das Technische zu beseelen – unvergessen ist seine Geschichte von einem mörderischen, unaufhaltsamen Wäschemangler.

Die virtuoseste aller Novellen Kings, in jedem Fall eine der berührendsten Geschichten im Oeuvre des Meisters aus Maine, ist die von “Chucks Leben” – ein dreiteiliges Porträt, das mit dem Sterben der Figur in einer Art Endzeit beginnt und in seiner auf den Kopf gestellten Chronologie mit Chucks Jugend endet, einem Geisterhausszenario, das alles vorher Gelesene in neuem Lichte erscheinen lässt. Der Mittelteil ist ein magischer, musicalähnlicher Moment, in dem ein Alltagsheld von einem Maximum Glück geflutet wird. Nie zuvor hat King ähnlich Schönes geschrieben und der Moment lässt den Leser eine Erkenntnis des Helden teilen: Stirbt ein Mensch, wird ein ganzes Universum ausgelöscht.

In “Ratte” will ein Englischlehrer (Kings Beruf vor seinem Durchbruch mit “Carrie” 1974) nach vergeblichen Anläufen endlich seinen Roman vollenden. Und in der Einsamkeit, wo der Verstand dünner und dünner wird – wie wir spätestens seit Kings berühmtestem Schriftstellerroman “Shining” wissen –, verfällt er schließlich darauf, einen Pakt mit einer teuflischen Ratte zu schließen. Ob hier übernatürlich erfüllte Wirklichkeit wirkt oder ein aus einer Schreibblockade geborene Fiebertraum glüht, das gilt es – wie damals im Overlook Hotel – zu ergründen.

Novellen für den dunklen Sommer der Pandemie

Ist Kings Werk sonst eher Stoff für lange Winterabende, so passt sein neues Novellenquartett perfekt in diesen dunklen Sommer der Pandemie, in dem alle Sicherheiten weggeblasen wurden und die mögliche Endlichkeit unserer Zivilisation so deutlich wurde wie seit dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr. Bei King ist unangenehm zu spüren, dass er nicht über der Angst steht wie viele Gruselerzähler, denen es Vergnügen bereitet, uns von höherer Warte herab zu bespuken. King versteht die Ängste von Holly, Chuck und Craig, und wenn der Furchtlehrer auszieht, uns das Fürchten zu lehren, spürt man allzeit, dass ihm selbst noch immer bange ist vor den Wesen in den Schatten. Blut gibt es nicht im Überfluss, hier lautet die Regel anders: “If it creeps / it leads”.

RND

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