"Der IS ist stark und voller Siegesgewissheit"

Interview mit Jürgen Todenhöfer

Als er bei seinen Recherchen für ein Buch über den Islamischen Staat nicht mehr weiterkam, beschloss Jürgen Todenhöfer, dass er nach Syrien musste. In Gesprächen mit den Islamisten versuchte er ein möglichst umfassendes Bild zu bekommen. Wie das aussieht, erzählt der Publizist im Interview.

BERLIN

von Von Rasmus Buchsteiner

, 05.01.2015, 03:56 Uhr / Lesedauer: 4 min
Jürgen Todenhöfer ist heute Publizist, von 1972 bis 1990 saß der heute 74-Jährige für die CDU im Bundestag.

Jürgen Todenhöfer ist heute Publizist, von 1972 bis 1990 saß der heute 74-Jährige für die CDU im Bundestag.

Wir waren mitten im Krieg. Es gab jede Nacht Schießereien. Ich hörte, wie in der Nähe Bomben einschlagen. Über uns waren amerikanische Flugzeuge. Sie hatten uns geortet und kamen relativ tief herunter. Die erste Nacht bei den IS-Kämpfern habe ich in Rakka in Syrien verbracht. Als wir nach acht Tagen dahin zurückkamen, war die Wohnung ausgebombt, in der wir untergebracht waren.  

  Als ich bei meinen Recherchen für ein Buch nicht mehr weiterkam, beschloss ich, dass ich dort hin musste. Ich möchte immer ein möglichst umfassendes Bild bekommen. In Afghanistan habe ich Taliban-Führer genauso besucht wie den damaligen Präsidenten Hamid Karsai. In Syrien war ich bei Präsident Assad, aber auch bei der Freien Syrischen Armee. Ich bin von Hause aus Richter: Da habe ich gelernt, dass man immer alle Seiten hören sollte. Als in Syrien der Islamische Staat als Player auftauchte, war mir klar: Mit denen musst Du Dich auseinandersetzen.  

  Ich hatte eine Sicherheitsgarantie von höchster Stelle. Mir wurde gesagt, dass sie von Abu Bakr al-Baghdadi, dem so genannten Kalifen, gebilligt worden ist. Meine Gesprächspartner sind alle von niedrigerem Rang gewesen. Aber sie waren von der obersten Führung beauftragt, mich zu begleiten und zu informieren. Ich habe also keine Privatmeinungen zu hören bekommen, sondern offizielle IS-Positionen.  

  Ich kann nur das beurteilen, was ich selbst gesehen habe. Da hatte ich nie den Eindruck einer Schwächung. Der Islamische Staat hat mittlerweile ein Gebiet größer als Großbritannien erobert. Ob eine Stadt wie Kobane in ein paar Tagen, in wenigen Wochen oder gar nicht eingenommen wird, spielt da überhaupt keine Rolle. Rakka und Mosul sind Millionenstädte. Sie werden vom IS beherrscht. Ich habe in meinen zehn Tagen vor Ort festgestellt, dass die Kämpfer des IS sehr stark und voller Siegesgewissheit sind. Sie verströmen einen Fanatismus und einen Enthusiasmus wie ich ihn selbst bei den Taliban nicht erlebt habe. Das hat mich völlig verblüfft.

  Ja, sehr häufig sogar. Sie gehörten zu den Überzeugtesten. Mir haben sie von Diskriminierung berichtet. Sie sind der Meinung, in Deutschland ihren Glauben nicht frei leben zu können, und sind deshalb in den Kampf gezogen. Sie halten die Muslime bei uns in Europa nicht für richtige Muslime. Selbst die meisten Salafisten genügen ihren Ansprüchen nicht.  

  Ich frage mich, wie das gehen soll. Nehmen Sie Mosul: Das ist eine Drei-Millionen-Stadt, die von 5000 IS-Kämpfern beherrscht wird. Sie leben übers gesamte Stadtgebiet verstreut. Wenn man sie besiegen wollte, müsste man ganz Mosul dem Erdboden gleich machen. Der größte Wunsch des IS ist, dass der Westen Bodentruppen schickt. Mit ihrer unbeschreiblichen Brutalität und ihren Enthauptungsvideos wollen sie offenbar genau das provozieren.  

  Diese Bewegung agiert wie im Mittelalter. Aus der Zeit kennen wir diese Formen der Bestrafung. Das ist aus westlicher Sicht ein zivilisatorischer Rückschritt. In der Ideologie des IS ist es aber die Voraussetzung für das wahre Leben. Dazu gehört der unbedingte Glaube, zu einer auserwählten Minderheit zu gehören, die Schritt für Schritt das gelobte Land erobert.  

Ich habe diese Brutalität ständig angesprochen. Ich habe mehrfach den Koran gelesen und dort findet sich eine solche Brutalität nicht wieder. Meine Gesprächspartner geben zu, dass es Enthauptungen gibt. Und sie sind auch noch stolz darauf, weil sie ihre Opfer als Ungläubige sehen. Beim Thema Vergewaltigung habe ich unsägliche Diskussionen erlebt. Da wird argumentiert, dass es sich um Strafen handelt, nicht um Vergewaltigung. Das ist etwas, was ich nicht akzeptieren kann. Das habe ich so auch gesagt.  

  Sie räumen diese Gräueltaten ein. Aber sie sagen auch: Wir sind offen brutal, der Westen nur heimlich. Sie werfen den Amerikanern vor, im Irak Hunderttausende von Zivilisten umgebracht zu haben, und sind selbst überzeugt, nichts Böses zu tun. Sie sehen es als ihre Verpflichtung an, die Welt von den Ungläubigen zu reinigen. Setzen sie ihre Pläne um, geht es um die größte religiöse „Säuberung“ der Geschichte.  

  Wer die Schriften von Immanuel Kant gelesen hat, weiß: Eine Grundvoraussetzung des Friedens ist die Nichteinmischung von außen. Mit diesem Prinzip hat der Westen immer wieder gebrochen. Mal ging es um Christianisierung, mal um die Bekämpfung von Terrorismus oder die Beseitigung angeblicher Massenvernichtungswaffen. Die neueste Variante ist die Schutzverantwortung. Natürlich haben wir Verantwortung. Aber wir werden ihr nicht dadurch gerecht, dass wir mit Waffen von außen eingreifen. Das ist für mich die Lehre aus Afghanistan, Libyen und dem Irak. Der amerikanische Krieg gegen Saddam Hussein hat die Probleme verursacht, vor denen wir heute stehen. 

  Das Ziel ist es, jetzt den mittleren Osten zu erobern. Es geht offenbar darum, als nächste Länder Saudi-Arabien oder Jordanien anzugreifen. Grundsätzlich streben die Ideologen des IS die Weltherrschaft an, so merkwürdig das auch klingen mag. Das bedeutet, dass nur noch die drei Buchreligionen zugelassen wären - das Christentum, das Judentum und ein sehr strenger Islam. Demokraten gelten generell als Ungläubige, weil sie Gesetze über die Regeln Gottes stellen, und sind deshalb zu töten. Man kann natürlich der Meinung sein, dass das alles wirre Phantastereien sind. Aber wer vor einem halben Jahr vorhersagen können, wie weit diese Organisation auf ihrem Weg heute schon ist, wäre ausgelacht worden.  

 Ich habe versucht, zu appellieren und wollte deutlich machen, dass der Islam im Kern eine barmherzige Religion ist. Aber damit bin ich auf taube Ohren gestoßen. Wenn jemand glaubt, dass das Töten von anderen Menschen etwas Gutes und nichts Böses ist, kommt man nicht weiter. Die Entschlossenheit dieser Kämpfer sollte niemand unterschätzen! Im Vergleich dazu sind Bin Laden und Al Kaida Zwergengestalten.