Der lange und steinige Weg des Joe Biden

Wahlen in den USA

Joe Biden wird der nächste US-Präsident. Aber wer ist dieser Mann eigentlich? Eine Biografie erzählt von seiner Karriere, privaten Schicksalsschlägen und verrät, wie er wohl regieren wird.

von Christian Teetz

, 08.11.2020, 12:06 Uhr / Lesedauer: 6 min
Gewinner und Hoffnungsträger: Joe Biden.

Gewinner und Hoffnungsträger: Joe Biden. © picture alliance/dpa

Joe Biden ist gerade 20 Jahre alt, als ihn die Mutter seiner damaligen Freundin fragt, was er denn später einmal beruflich machen will. „Präsident“, sagt Biden. „Präsident der Vereinigten Staaten.“ Diese Szene, die der Journalist und Pulitzer-Preisträger Evan Osnos in seiner Biografie über Joe Biden beschreibt, ist nun fast sechs Jahrzehnte her. Und wird doch noch wahr.

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Doch der Weg dorthin war – um es mit den Beatles zu sagen – a long and winding road, eine lange und kurvenreiche Straße. Evan Osnos, seit 2008 Redakteur beim US-Magazin „New Yorker“ und langjähriger Beobachter der Karriere des neuen US-Präsidenten, nimmt uns ein Stück mit des Weges.

Die Beschreibungen und Analysen in seinem Buch reichen von Bidens Kindheit über seine politische Karriere als Senator, Vizepräsident und zweifach gescheiterter Präsidentschaftskandidat bis hin zum Rennen um das Weiße Haus in den vergangenen Wochen und Monaten. Osnos‘ Studie ist dabei hochaktuell, sie reicht bis in den Herbst dieses Jahres. Biden hat er zuletzt 99 Tage vor dem Wahltermin gesprochen.

Als Kind kämpft Joe Biden gegen sein Stottern

Die prägende Erfahrung aus Bidens Kindheit, so schreibt Osnos, war sicherlich sein Kampf gegen das Stottern. „Meine Sprache war wie ein Morsecode“, wird Biden in dem Buch zitiert. „Punkt-Punkt-Punkt-Punkt-Strich-Strich-Strich-Strich. Es war, als müsste ich ständig mit der Narrenkappe in der Ecke stehen.

Die anderen Kinder sahen mich an, als wäre ich zurückgeblieben. Sie lachten.“ Eine schreckliche Situation für ein Kind. Doch Joe Biden nimmt den Kampf gegen sich selbst, gegen seine Sprachstörung auf. Mit Willenskraft und Beharrlichkeit arbeitet er daran und im zweiten Schuljahr der Highschool verschwindet das Stottern. Zurück bleiben eine tiefe Angst vor Verwundbarkeit und Bloßstellung.

Doch in dem Buch wird noch eine weitere Lektion aus Bidens Kindheit erzählt – und diese könnte in der kommenden Zeit noch eine entscheidende Rolle spielen. Seine Schwester Valerie Biden Owens erinnert sich: „Schon in unserer frühen Kindheit schärfte unsere Mutter uns ein: Niemand ist besser als ihr. Und ihr seid nicht besser als irgendein anderer Mensch.“ Mit dieser Einstellung eint man zwar noch kein Land, aber es ist eine gute Voraussetzung dafür, es zu versuchen.

Dazu kommt Bidens über Jahrzehnte im politischen Betrieb gelernte Fähigkeit, Kompromisse zu schließen. Und mehr als das: Beobachter attestieren ihm die tiefe Überzeugung, dass der Kompromiss der Ideologie vorzuziehen sei. Bidens Leitfrage, so zitiert Osnos David Plouffe, einen von Obamas politischen Beratern, lautet: „Wo ist der Raum für eine Übereinkunft?“ Dieser Raum ist in den USA seit Langem verwaist.

Biden legt wenig Wert auf die sozialen Medien

Wir erfahren in diesem Buch viele Fakten über und Geschichten aus Bidens Leben, etwa dass er sein Leben lang Abstinenzler war, weil es in seiner Familie genug Alkoholiker gegeben habe. Wir lesen, dass der Sohn eines Autohändlers seit 1984 der erste Präsidentschaftskandidat ist, der keine der acht US-Elite-Universitäten (Ivy League) besucht hat und dass er am College of Law der Syracuse University in seinem Jahrgang als Sechsundsiebzigster von 85 Studenten abschloss.

Und wir staunen, dass er wenig Wert auf die sozialen Medien legt. Während Donald Trump auf Twitter und Facebook mehr als 119 Millionen Follower hat, kommt Biden auf weniger als zehn Millionen. „Ich verbringe meine Zeit lieber damit, mich auf die Schwierigkeiten zu konzentrieren, mit denen die Menschen gerade zu kämpfen haben“, lautet seine Begründung.

Überhaupt das Persönliche: Was Biden besonders ausgezeichnet – und das wird bei Osnos immer wieder deutlich – ist seine Fähigkeit, im besten Sinne ein Menschenfänger zu sein. Joe Biden geht auf die Menschen zu, er hört zu, er lässt sich auf sie ein. Biden hat einen „unstillbaren Appetit auf den persönlichen Kontakt“, heißt es in dem Buch. Er hat Appetit auf das Bad in der Menge, darauf, seinem Gegenüber die Hand um den Hinterkopf zu legen oder gar – wie mehrmals geschehen – die eigene Stirn an die Stirn des Gegenübers zu lehnen (natürlich nicht mehr seit Ausbruch der Corona-Krise).

„Er ist ein Politiker, der ständig Tuchfühlung sucht, und alles ist echt. Nichts davon ist aufgesetzt“, sagt Ex-Außenminister John Kerry über Biden. Allerdings haben ihm diese kumpelhaften Annäherungsversuche auch den Vorwurf sexueller Belästigung oder zumindest den Vorwurf, die persönliche Distanzzone von Frauen verletzt zu haben, eingebracht. Biden selbst sagt dazu, er habe nie das Gefühl gehabt, sich unangemessen verhalten zu haben. „Aber wenn behauptet wird, ich hätte es getan, werde ich respektvoll zuhören. Aber es war nie meine Absicht.“

Joe Biden kennt überall Menschen, die etwas zu sagen haben

Sowohl in der Innenpolitik als auch in der Außenpolitik sucht er stets nach potenziellen Partnern. „Man kann ihn in Kasachstan oder Bahrain oder wo auch immer absetzen – er wird dort irgendeinen Typen finden, den er vor dreißig Jahren kennenlernte und der mittlerweile das Sagen hat“, sagt Julianne Smith, Bidens frühere stellvertretende nationale Sicherheitsberaterin. Eine Fähigkeit, die sowohl ihm als auch seinem erwarteten Streben, den Multilateralismus in der Welt wiederzubeleben, noch enorm helfen könnte.

Doch dieses Kumpelhafte, das Biden auch bei ausländischen Staatschefs und Diplomaten an den Tag legt („Wenn ich Ihre Frisur hätte, wäre ich Präsident“), wird zwiespältig aufgenommen. Die einen sagen, man kann Joe Biden nicht nicht mögen. Die anderen aber halten ihn für onkelhaft, nervig und naiv. Ein Bild, gegen das sich Joe Biden immer gewehrt hat.

Umso beleidigender muss für ihn der Fund im Versteck des getöteten Topterroristen Osama bin Laden gewesen sein. Der Chef von Al Qaida, so berichtet Evan Osnos, hatte ein Mordkommando beauftragt, Barack Obama zu töten, seinen Vizepräsidenten Joe Biden aber nicht. „Biden ist vollkommen ungeeignet für das Amt, sodass die Vereinigten Staaten in eine Krise geraten werden“, heißt es demnach in einem Dokument Bin Ladens.

Legendär ist seine Fähigkeit, sich ungeschickt zu äußern

Das Bild des unkontrollierbaren Kauzes hat sich Joe Biden zum Teil selbst zuzuschreiben. Legendär ist seine Fähigkeit, in Fettnäpfchen zu treten. Barack Obamas politische Berater hatten während der Wahlkämpfe und während der Vizepräsidentschaft Bidens stetig Angst vor den sogenannten „Joe-Bomben“, Sätzen wie: „Ich kann ihnen sagen, dass ich acht Präsidenten kennengelernt habe, drei von ihnen intim.“ Doch er gilt auch als guter bis mitreißender Redner.

Allerdings auch als ein Redner, der sich zum Teil von sich selbst mitreißen lässt. Termine und Unterhaltungen arten gern einmal aus. Ein ehemaliger britischer Regierungsvertreter beschrieb es es einmal so: „Er hat etwas von einem Wasserhahn, den man auf-, aber nicht wieder zudrehen kann.“

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Als Barack Obama Joe Biden die Vizepräsidentschaft anbot, hatte Biden nur eine Bedingung: Er wollte überall mitmischen, überall dabei sein und nicht nur als politisch scheintoter Grüßonkel dienen. Obama, so schreibt Osnos, sei einverstanden gewesen und habe hinzugefügt: „Ich will Ihren Standpunkt hören, Joe. Nur will ich ihn in zehnminütigen Ausführungen hören, nicht in sechzigminütigen.“

Obama hält aber aufgrund dieser intensiven Teilnahme Bidens an seiner Präsidentschaft und der Nähe, mit der dieser in den acht Jahren im Weißen Haus dabei war, seinen ehemaligen Kompagnon für die ideale Besetzung im Präsidentenamt.

Seine erste Ehefrau stirbt bei einem Autounfall

Für seine Biografie, die erst vor wenigen Tagen bei Suhrkamp auf Deutsch erschienen ist, hat Evan Osnos Biden selbst sowie viele Wegbegleiter, berufliche Freunde und Gegner, Familienmitglieder und politische Beobachter gesprochen. Mit ihrer Hilfe und viel zeitgeschichtlicher Kenntnis legt Osnos ein überzeugendes Porträt vor, das immer wieder tief in den Washingtoner Politikbetrieb eintaucht. Zudem ist das Buch hervorragend geschrieben und von Ulrike Bischoff und Stephan Gebauer ebenso gut übersetzt.

Osnos konzentriert sich im Wesentlichen aufs Politische, verschweigt aber auch nicht private Wegmarken, vor allem nicht die Joe Biden prägenden Tragödien aus seinem Leben. 1972, Biden ist mit gerade einmal 29 Jahren mit einem sensationellen Überraschungssieg in Delaware in den Senat eingezogen, stirbt seine Ehefrau Neilia (deren Mutter Biden einst den Berufswunsch „Präsident“ verraten hatte) und die gemeinsame einjährige Tochter Naomi. Joe Biden bleibt mit den beiden Söhnen Beau und Hunter zurück und pendelt über Jahre als alleinerziehender Vater täglich zwischen Washington und seinem eineinhalb Stunden entfernt liegenden Wohnort.

Sohn Beau starb an einem Hirntumor

1977 heiratete Joe Biden Jill Jacobs, mit der gemeinsam er die Tochter Ashley hat und die nun als First Lady mit ins Weiße Haus einziehen wird. Vor fünf Jahren dann starb sein Sohn Beau im Alter von 46 Jahren an einem Hirntumor. Joe Biden weiß wie wenige, was es heißt, Schicksalsschläge hinnehmen zu müssen – aber auch, sie zu überwinden.

Jill Biden wird als First Lady ins Weiße Haus einziehen.

Jill Biden wird als First Lady ins Weiße Haus einziehen. © picture alliance/dpa

Am Ende dieser sehr lesenswerten Biografie kommt Evan Osnos noch auf die Politik der Gegenwart zu sprechen. Auf die Corona-Krise, die Zerrissenheit der Demokratischen Partei, das Verhältnis zur Jugend (etwa zu den jungen aufstrebenden klugen Politikerinnen und Politikern um Alexandria Ocasio-Cortez) und zu den Linken in seiner Partei um Bernie Sanders. Und auf seine Ankündigung, schnell und per Dekret wieder dem Pariser Klimaabkommen und der WHO beizutreten.

Ausgeprägte Kompromissbereitschaft

Biden selbst – und das hört man ja schon in diesen Tagen aus seinen Reden heraus – hofft, mithilfe seiner langjährigen politischen Kontakte und seiner ausgeprägten Kompromissbereitschaft Politik nicht nur gegen, sondern auch mit den Republikanern gestalten zu können. Sollten die Demokraten keine Mehrheit im Senat erlangen können, wäre das auch notwendig. Auch wenn viele Beobachter ihm diese Hoffnung als Naivität und als einen Politikstil aus einer längst vergangenen Zeit auslegen, scheint es für Biden einen Versuch wert.

Dass Biden kein Popstar wie Barack Obama ist, muss bei diesem Wiedervereinigungsversuch der Vereinten Staaten von Amerika kein Nachteil sein. Der vielfach vernetzte und gut informierte Reporter Evan Osnos zitiert dazu ein hochrangiges Mitglied der Regierung Obama: „Dieses Land muss einfach zur Ruhe kommen und braucht einen langweiligen Präsidenten.“ Und mehr Langeweile – das hätten wir uns in den vergangenen vier Jahren in den USA ja oft gewünscht.

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