Der Mann, der Lehrer sein sollte

Im Kino: "Monsieur Lazhar"

In einer Grundschule im kanadischen Quebec: Zuerst lässt Monsieur Lazhar in der Klasse die Tische und Stühle geradlinig ausrichten und bittet um absolute Ruhe, dann holt er einen komplizierten Text von Balzac aus der Tasche und beginnt zu diktieren. Keine Frage, dieser Mann ist nicht gerade ein Lehrer, den man als "modern" bezeichnen könnte.

12.04.2012, 19:25 Uhr / Lesedauer: 1 min
Brillianter Pädagoge: Monsieur Lazhar (Fellag)

Brillianter Pädagoge: Monsieur Lazhar (Fellag)

Dass der Algerier Lazhar überhaupt kein Lehrer ist, erfährt man erst viel später, dass er trotzdem einen brillanten Pädagogen abgibt, gleich zu Beginn. Als Monsieur Lazhar, der auf seine offizielle Anerkennung als politischer Flüchtling wartet, in der Zeitung die Nachricht vom tragischen Fall einer Lehrerin liest, die sich ausgerechnet in einem Klassenraum erhängt hat, bietet er sich der Direktorin als Ersatzlehrer an. Er erhält die Stelle. Bereits nach kurzer Zeit findet Lazhar einen emotionalen Zugang zu den traumatisierten Kindern, während die eilig einbestellte Psychologin mit ihrem Latein bald am Ende ist und Lehrerschaft und Eltern in Schockstarre verharren.Altmodisch eindringlich Philippe Falardeau hat sich diese Geschichte einfallen lassen und sie in einer Art und Weise verfilmt, die so altmodisch ist wie seine Hauptfigur - und dadurch wohl um so eindringlicher wirkt. Falardeau bevorzugt die Perspektive aus der Untersicht der Kinder. Und nur nach und nach gibt er den Hintergrund preis, mit dem Monsieur Lazhar zu tun hat. Die Kamera beobachtet, mischt sich aber nicht ein. Die Gesichter der Kinder und ihres Lehrers sind wie Seismographen ihres Seelenlebens. Präzise das Spiel der Protagonisten. Beispielhaft die Inszenierung einer vorsichtigen Annäherung. "Monsieur Lazhar" ist ein herausragendes, leises Plädoyer für Mitmenschlichkeit.Oscar-nominiert Wie verarbeitet man den Tod einer geliebten Person? Wie gehe ich mit Trauer und Schuldgefühlen um? Was macht einen guten Lehrer aus? Wie viel Reglementierung verträgt Schule? Um diese Fragen kreist ein Film, der den Mut hat, auf dramatische Manöver zu verzichten und der die Zuschauer für ihre Neugier reichlich belohnt. Denn trotz seiner Problematik ist der 2012 für einen Oscar als "Bester nicht-englischsprachiger Film" nominierte "Monsieur Lazhar" einer der lebensbejahendsten und optimistischsten Kino-Erzählungen, die sich jemals mit dem Verhältnis zwischen Lehrern und Schülern befasst haben.