Die ersten 1500 Tonnen mit Teeröl belastete Erde sind bereits abtransportiert. Mit Beginn der Altlastensanierung bestätigt sich, was die Verantwortlichen bisher nur anhand von Proben vermutet haben. Der Boden unter der Autoverwertung an der Dortmunder Straße ist massiv belastet. Anlieger können das sogar riechen.

Massen

, 27.07.2018, 05:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Langsam und kraftvoll dreht das Bohrer-Ungetüm sein zwei Meter breites Werkzeug in den Boden. Nach dem Herausziehen des Bohrkerns entlädt die Maschine mit einem krachenden Scheppern ihre „Beute“ in einen Stahlcontainer. Der dunkle Matsch stinkt faulig-ölig. Spätestens jetzt steht auch für Laien fest, dass hier seit 80 Jahren stark belastetes Material im Boden liegt, das dringend ausgebaut werden muss. „Was wir zuvor anhand von Analysen herausgefunden haben, hat sich bewahrheitet“, sagt Ludwig Holzbeck. Der Umweltdezernent im Kreishaus verantwortet die Planungen an dem Sanierungsprojekt für den Kreis seit Jahren. Federführend ist der Verband für Altlastensanierung und Flächenrecycling (AAV). Der Verband finanziert das fünf Millionen Euro teure Projekt zu 80 Prozent, der Kreis Unna zahlt den Rest. Handlungsbedarf besteht vor allem, weil der einstige Klärteich, in dem in den 1930er-Jahren Kokereirückstände verklappt wurden, das Grundwasser belastet.

Ein Tag kostet 6000 Euro

Bei einem Besuch auf der an sich streng abgeschirmten Baustelle bekommt der Beobachter auch einen Eindruck davon, warum dieses Projekt so teuer ist. Die wichtigste Maschine, die auf dem Gelände der Schrottfirma arbeitet, ist ein Großlochbohrer. Das Gerät ist 30 Meter hoch und wiegt 125 Tonnen. Ein Betriebstag kostet 6000 Euro, Personal nicht mitgerechnet. Es gibt nur zwei Firmen, die solche Maschinen bauen, und auf der Welt sind nicht viele im Umlauf. Der Massener Bohrer war zuletzt auf einer Großbaustelle in Kanada im Einsatz. Er wurde dort, als er nicht mehr gebraucht wurde, in drei Teile zerlegt, verschifft und über Rotterdam dann nach Unna transportiert.

Die Niederlande spielen für das Projekt auch an anderer Stelle eine Rolle. Die Bodenhaufen, die besonders stark mit Polyzyklischen Aromatischen Kohlenwasserstoffen (PAK) – dem giftigen „Teeröl“ – belastet sind, werden zur Hochtemperaturverbrennung in einer speziellen Anlage in den Niederlanden transportiert. Weniger giftiges Material geht an andere Deponien.

In der nun laufenden ersten Phase des Sanierungsprojekts werden rund 6000 Kubikmeter des belasteten Bodens entfernt. Die Bohrlöcher werden sofort nach dem Ausheben mit einem sauberen Gemisch aus Kies und Sand verfüllt.

Übler Geruch

Über der gesamten Baustelle, teils auch über dem Umfeld, liegt ein unangenehm fauliger Gestank. Es gibt bereits eine Beschwerde von einem Anlieger, der sich vor allem um seine Frau sorgt, da sie ohnehin lungenkrank sei. Die Menschen könnten aber nach wie vor ohne Bedenken vor die Haustür gehen, sagt Holzbeck (siehe unten). Die Baufirmen versuchen, den Geruch zu minimieren. Das ausgehobene Material wird sofort mit Kalk vermischt, damit es möglichst gut gebunden wird. Die Baustelle wird mit Sprenkleranlagen feucht gehalten, damit sie nicht übermäßig staubt. Der Geruch übrigens könnte ältere Menschen an etwas erinnern, meint Holzbeck. Hauptsächlich sei der Boden mit Naphtalin belastet – früher Hauptbestandteil von Mottenkugeln.

Auf der Baustelle herrscht Maschinenlärm. An einer Stelle sind die Arbeiten besonders laut: Wenn die herausgebohrte Erde aus dem Bohreimer herausgeschüttet wird, schlägt Stahl an Stahl. Das eigentliche Bohren verläuft vergleichsweise leise.

Der Monsterbohrer beendet das Giftjahrhundert von Massen-Nord

Simon Weber (Bauleiter) zeigt die bereits gebohrten und wieder verfüllten Löcher. © Marcel Drawe

300 Löcher mit „Pilgerschritten“

Neben der Betriebshalle des Schrottbetriebs ist eine rund 1000 Quadratmeter große Fläche 2,50 Meter tief ausgebaggert. Darin bohrt das Spezialgerät nach und nach 300 Löcher mit einem Durchmesser von zwei Metern und einer Tiefe von sieben Metern. Pro Tag entstehen etwa acht dieser Löcher. Regelmäßig wird der Fortschritt auf einem Plan markiert. Damit die einzelnen Schächte nicht in sich zusammenstürzen, wird nicht eine Bohrung direkt neben die vorherige gesetzt, sondern immer übersetzt: Auf Loch 1 folgt Nummer 3, dann 5, ist die Reihe zu Ende, sind die geraden Nummern dazwischen an der Reihe. Auf der Baustelle ist vom „Pilgerschritt“-Verfahren die Rede.

Der Monsterbohrer beendet das Giftjahrhundert von Massen-Nord

Wenig Platz: Schutthalden von der Altlastenbaustelle türmen sich direkt neben Autowracks auf. © Marcel Drawe

Wenig Platz

Während der Spezialtiefbauarbeiten läuft der Betrieb der Autoverwertung Mairitsch weiter. Es gibt exakte Absprachen, wer welchen Bereich der Gesamtfläche nutzt. Der Autoverwerter benutzt eine andere Zufahrt zu seinem Gelände als sonst. Die jeweiligen Arbeitsbereiche sind durch Bauzäune voneinander getrennt. So türmen sich Geröllberge direkt neben Autowracks auf. Die nicht vermeidbare Enge macht eine präzise Logistik nötig. Das ausgebohrte Bodenmaterial wird auf einer Fläche zwischengelagert. Proben von jedem Haufen kommen direkt in ein Labor. Maximal 48 Stunden später bekommt die Bauleitung Ergebnisse und damit Gewissheit, zu welcher Deponie das belastete Material jeweils gefahren werden muss.

Der Monsterbohrer beendet das Giftjahrhundert von Massen-Nord

Thomas Borck vom Düsseldorfer Ingenieurbüro Spiekermann prüft regelmäßig die Luft auf Schadstoffe. © Marcel Drawe

Kontrollen zum Schutz von Mensch und Umwelt

Teeröl ist umweltschädlich und giftig für den Menschen. Die Bauarbeiter in Massen-Nord sind deswegen in ihren Maschinenkabinen oder durch Schutzkleidung und Atemmasken geschützt. Außerdem wird regelmäßig die Luftbelastung auf der Baustelle und im Umfeld gemessen. Die Verantwortlichen erklären, dass die Luftbelastung zwar unangenehm sei, aber nicht gesundheitsschädlich. Sollten unerwartet problematische Stoffe austreten, sollen die Arbeiten sofort eingestellt werden. Auf Gegenmaßnahmen zum Schutz von Mensch und Umwelt sei man vorbereitet, erklärten die Verantwortlichen.

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Teerölsanierung Massen-Nord

27.07.2018
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Seit zwei Wochen läuft die Bodensanierung auf dem früheren Zechengelände „Massen III/IV“. Die Arbeiten kommen gut voran. 1500 Tonnen der mit Teeröl belasteten Erde haben Unna bereits verlassen. FOTO: Mario Persch – STRABAG Umwelttechnik GmbH
Der Großlochbohrer wiegt 125 Tonnen und ragt 30 Meter in die Höhe. © Marcel Drawe
Die gigantische Maschine war zuletzt auf einer Baustelle in Kanada im Einsatz. Jetzt bohrt sie nacheinander 300 Löcher in den Boden in Massen-Nord. Sie schafft etwa acht am Tag.© Marcel Drawe
Ab und an muss die Bohrkrone durch dieses Werkzeug ersetzt werden. Beim senkrechten Vortrieb trifft die Maschine mitunter auf groben Schutt.© Marcel Drawe
Die gebohrten Löcher mit zwei Metern Durchmesser werden sofort mit einem Kies-Sand-Gemisch verfüllt.© Marcel Drawe
Simon Weber (Bauleiter) zeigt die bereits gebohrten und wieder verfüllten Löcher.© Marcel Drawe
Kaum zu beneiden bei den hochsommerlichen Temperaturen ist der Bohrhelfer. Er muss nonstop mit Atemschutz arbeiten. Alle zwei Stunden ist eine Pause Pflicht.© Marcel Drawe
Baucontainer neben der Grube sind nach unterschiedlichen Funktionen aufgeteilt. Wichtig ist eine Trennung in „schwarz“ (verschmutzt) und "weiß" (sauber). Die Maschinenführer sollen belastetes Material nicht am Körper oder in der Kleidung behalten, wenn sie Feierabend machen.© Marcel Drawe
Mit mehreren Sprinklern wird die Baustelle befeuchtet gegen Staubbildung.© Marcel Drawe
Thomas Borck vom Düsseldorfer Ingenieurbüro Spiekermann prüft regelmäßig die Luft auf Schadstoffe.© Marcel Drawe
Die Schadstoffwerte in der Luft gelten bisher als unbedenklich. Der Gestank ist aber sehr stark und nur schwer vermeidbar.© Marcel Drawe
Der Aushub kommt auf mehrere Haufen. Er wird nur kurz auf der Baustelle zwischengelagert. Nach einer chemischen Analyse bringen Laster den belasteten Boden zu speziellen Deponien.© Marcel Drawe
Die Bauarbeiten in der Phase 1 werden vermutlich bis Oktober andauern.© Marcel Drawe
Die Betriebshalle neben der Baugrube ist derzeit nicht nutzbar. Nächstes Jahr wird sie wohl abgerissen werden müssen (Phase 2). Auch darunter ist belasteter Boden.© Marcel Drawe
Grundsätzlich läuft der Betrieb der Autoverwertung weiter. © Marcel Drawe
Das sorgt auf der Baustelle für Platzprobleme.© Marcel Drawe
Schutthalden von der Altlastenbaustelle türmen sich direkt neben Autowracks auf.© Marcel Drawe
In der Nähe der Baustelle erinnert dieses Schild daran, warum aktuell fünf Millionen Euro für die Altlastensanierung ausgegeben werden müssen: Bis 1925 war die Zeche in Betrieb.© Marcel Drawe