Der „Nussknacker"-Ballett-Check

Dortmund und Essen

Sowohl im Dortmunder Opernhaus als auch im Aalto-Theater in Essen steht Tschaikowskys Ballett „Der Nussknacker“ auf dem Spielplan. Beide Häuser zeigen die Geschichte als Familien-Tanztheater, aber die beiden Choreografien und Ausstattungen unterscheiden sich deutlich. Wir haben den „Nussknacker“-Check gemacht.

DORTMUND / ESSEN

27.10.2015 / Lesedauer: 4 min

Choreografie/Geschichte:

Opernhaus Dortmund: Als ein kunterbuntes Vergnügen für die ganze Familie hat Benjamin Millepied sein leicht modifizierte Handlungsballett angelegt. Der Nussknacker ist ein Frosch, das erinnert an ein anderes Märchen. Während die erste Szene Tanztheater-Qualität hat (die Weihnachtsgesellschaft kippt ab und an wie Dominosteine um) und auch der anschließende Kampf zwischen Mäusen und Soldaten amüsant ausgetragen wird, setzt Millepied im zweiten Akt auf überwiegend modernen Tanz pur mit vielen Hebungen und originellen Bewegungsabläufen in diversen Konstellationen - vom Solo bis zu Ensembleszenen.

Aalto-Theater Essen: Der Essener Ballettchef Ben van Cauwenbergh setzt auf einen ganz klassischen, fantasievollen  Ballettabend (empfohlen ab acht Jahren), in den er Slapstickelemente und eine Liebesgeschichte gepackt hat. Er schickt Klara mit ihrer Schwester Louise auf eine zauberhafte Traumreise, auf der sich Onkel Drosselmeier als Magier entpuppt und sein Neffe Karl Louise heiratet.

Tänzer:

Opernhaus Dortmund: Jelena-Ana Stupars Zuckerfee tanzt auf der Spitze - Solo und mit Nachwuchstalent Alysson da Rocha Alves als Prinz. Neoklassizistisch angelegt sind die Pas de deuxs von Klaras Eltern: herausragend Stephanine Ricciardi und Andrei Morariu. Für komödiantische Ballett-Einlagen sorgen Barbara Melo Freire und Davide D´Elisa als Großeltern.

Aalto-Theater Essen: Virtuosen Spitzentanz mit rasanten Drehungen und Hebungen präsentieren die Solisten und ernten im zweiten Akt viele Bravos. Nicht Prinz und Schneekönigin, sondern Yanellis Rodriguez und Breno Bittencourt als Louise und Karl begeistern mit ihrem Liebes-Pas de deux. Eine geniale Mixtur aus Akrobatik und Spitzentanz bestimmt den arabischen Tanz von Xiyuan Bai und Nour Eldesouki, eindrucksvoll auch Wataru Shimizu in seinem Solo als Kosake - und Tomás Ottychs Hausdiener scheint "Dinner for One" entsprungen.

Bühnenbild:

Opernhaus Dortmund: Paul Cox bringt eine knallbunte Bilderbuch-Ästhetik auf die Bühne. In kindlicher Schreibschrift und ebensolchen Zeichnungen werden die Akte per Projektion angekündigt. Klaras Heim lässt sich wie ein Barbie-Haus auf und zu klappen - und steht im zweiten Akt auf dem Kopf. Dann wird die Dachkante zur Theke für Süßigkeiten, auf der auch Klara und Drosselmeiers Neffe sitzen, per Fingerzeig auf der großen Weltkugel reisend, und das Divertissement verfolgen. Vorher tobte der Kampf der Mäuse und Zinnsoldaten zwischen überdimensionierten Möbeln, wie sie wohl kleinen Kindern erscheinen mögen.

Aalto-Theater Essen: Fantastische Welten zaubert Bill Krog auf die Bühne. Traumhaft schön gleich das erste Bild: Hinter einem Gazevorhang, auf den die Fassade der Villa Stahlbaum projiziert ist, wird der Festsaal mit glitzerndem Weihnachtsbaum der Familie sichtbar. Wenn die Rückwand verschwindet, erscheint das Universum mit bunten Planeten, bevor eine verschneite Berglandschaft mit Tannen sichtbar wird. Da saust dann Drosselmeier mit Karl in einem Schlitten heran, der sich mit dem Zusteigen der Schwestern in ein Schiff verwandelt. Im Bühnennebel geht´s ins Süßigkeitenreich. Das Schloss mit riesigen Lollys rückt per Zoomprojektion näher und beim Divertissement füllen die Rückwand kaleidoskopartige Bilder, beim Blulmenwalzer sind es rote und blaue Rosen.

Kostüme:

Opernhaus Dortmund: Passend zu seiner farbenfrohen Bauklötzchen-Welt hat Paul Cox die Festgesellschaft quietschbunt eingekleidet, hingegen in schlicht weiße Flatterhosen-Ensembles hat er die Schneeflocken gesteckt. Den Spielzeugcharakter der Mäuse unterstreicht der riesige Aufziehschlüssel, der ihnen im Rücken steckt. Farbenprächtig-fantasievoll und den jeweiligen Landstrich charakterisierend sind die Kostüme beim Divertissement, so tragen die Damen beim Blumenwalzer Blumentöpfe als Hüte, ihre Gärtner in ihren blauen Arbeitsanzügen sind mit sonnengelben Strohhüten ausgerüstet. Witzig auch die Lebkuchenmutter: Dann Wilkinson im Reifrock erinnert an Conchita Wurst.

Aalto-Theater Essen: In helle, schlicht-elegante Abendroben aus den 1920er-Jahren hat Dorin Gal die Festgesellschaft gesteckt, nur Familie Rattenstein kommt in mondän funkelndem schwarzen Outfit zum Weihnachtsabend, an dem ihr Sohn mit Louisa verkuppelt werden soll. Drosselmeier trägt über dem roten Samtjackett ein schwarz-weiß gestreiftes Cape, dass er zum Zaubern braucht. Aus den Mäusen sind zottelige Ratten geworden, die mit dem Nussknacker und seinen Soldaten (Dreispitz in Zeitungspapier-Optik) kämpfen, eine gigantische Mäusefalle macht ihnen den Garaus. Glitzernde weiße Tutus tragen Schneekönigin und ihre Flockenkinder, später auch Louise, die Blumenmädchen pastellfarbene. Kosake und das arabische Tanzpaar wie auch die Kinder-Chinesen mit Papierschirmen und ihrem bunten Riesendrachen werden durch typische Outfits charakterisiert.

Märchenzauber:

Opernhaus Dortmund: Onkel Drosselmeier zaubert in dem bunten, fröhlichen Bilderbuch-Bühnenbild von Paul Cox aus  Geschenkschachteln „lebendige“ Spielzeugfiguren für die Kinder. Zum romantischen Walzer der Schneeflocken singt ein Kinderchor.

Aalto-Theater Essen: Auf der Traumreise von Drosselmeier, Karl, Louise und Clara entstehen phantastische Bilderwelten. Die opulente Ausstattung und die fantasievolle Inszenierung laden zum Staunen ein.

Musik:

Opernhaus Dortmund: Unter der musikalischen Leitung von Generalmusikdirektor Gabriel Feltz breiten die Dortmunder Philharmoniker die Musik zurückhaltend zart wie ein Rokoko-Spitzendeckchen aus.

Aalto-Theater Essen: Dynamisch und dramatisch steigt die Musik aus dem Orchestergraben auf, präzise dirigiert vom ersten Kapellmeister Yannis Pouspourikas.

Karten:

Opernhaus Dortmund: Zurzeit gibt es noch für alle Vorstellungen Restkarten, aber bei den Terminen im November und Dezember werden die Karten knapp. Termine: 31.10./13./17./29.11.; 13./17./20./26.12., 10./23./28.1., 17.2.  Karten: Tel. (0231)5027222.

Aalto-Theater Essen: In Essen sind schon viele Termine ausverkauft, für die Vorstellungen  von Oktober bis Dezember gibt es nur noch Restkarten; im Januar kann man schon eher Glück haben. Termine: 29./30.10., 11.11., 1./25.12., 20./23./29./31.1. Karten: Tel. (0201)8122200.