Deshalb sind Briefmarkensammlungen oft wertlos

Erben enttäuscht

Es gibt sie wirklich: Briefmarken, die ein kleines Vermögen wert sind. Wer eine Sammlung erbt, der hofft auf einen solchen Fund. Zumindest aber gehen viele Erben davon aus, dass die Briefmarken aus Opas oder Omas Nachlass wenigstens ein kleines Sümmchen bringen könnten. Oft sind sie aber komplett wertlos. Wir erklären, warum das so ist.

NRW

, 09.09.2017, 05:12 Uhr / Lesedauer: 4 min
Ein Osterei aus Styropor, beklebt mit 3025 verschiedenen Briefmarken aus aller Welt, präsentiert ein Briefmarkensammler 2014 in Leipzig (Sachsen).

Ein Osterei aus Styropor, beklebt mit 3025 verschiedenen Briefmarken aus aller Welt, präsentiert ein Briefmarkensammler 2014 in Leipzig (Sachsen).

Wenn sich jeden ersten Freitag im Monat die Hörder Briefmarkenfreunde in Dortmund treffen, kommen auch öfter Gäste vorbei: in der Tasche Alben mit geerbten Marken und im Herzen die Hoffnung, dass darunter Wertvolles sein mag. Eher noch die Überzeugung, dass das doch so sein muss, nachdem sich Opa oder Onkel so viele Jahre mit der Sammlung beschäftigt haben. Meist wird aus den Träumen aber: nichts. Mitunter wäre es klug gewesen, die Marken eher zu verkaufen.

„Ich bin der große Enttäuscher“, sagt Udo Kittler, Erster Vorsitzender der Hörder Briefmarkenfreunde. Derjenige, der den Erben sagen muss, dass ihre Marken nichts wert sind. Er versuche immer noch, sie davon abzuhalten, die Sammlung „gleich in die Tonne zu hauen“. Lieber sollen sie spenden. An die Bodelschwinghschen Stiftungen Bethel oder die Evangelische Stiftung Volmarstein. Dort gehört die Arbeit mit Briefmarken zur Therapie Kranker.

„Die Enttäuschung der Erben möchte ich nicht ansehen müssen“

Doch spenden? Das ist natürlich harter Tobak in den Ohren derer, die sich einen Schatz erhofft hatten. Wolfgang Lang, selbst Sammler und Präsident des Bundesverbands des Deutschen Briefmarkenhandels (APHV), möchte daher schon keine geerbten Alben mehr begutachten: „Die Enttäuschung der Erben möchte ich nicht ansehen müssen“, sagt er. Manche Besitzer seien so frustriert, dass sie den Experten nicht glauben wollten und sich gar betrogen fühlten.

Dabei geben die Experten wieder, was der Markt entscheidet. Und der interessiert sich nicht für Leidenschaft und Tradition, sondern nur für Angebot und Nachfrage. Und hier sieht es schlecht aus.

Oft wurden Sammlungen in den 60er-Jahren angelegt

Zum einem beim Angebot: „Das, was jetzt vererbt wird, ist auf dem Markt reichlich vorhanden“, sagt Werner Müller, Vorsitzender des Verbands der Philatelisten in NRW. Vererbt werden oft Sammlungen, die in den 60er-Jahren angelegt wurden – damals kamen die Deutschen zu Wohlstand, hatten Muße für ein Hobby. Nur: „Es haben so ziemlich alle das Gleiche gesammelt“, sagt Lang.

Und die Deutsche Post hat gedruckt, fleißigst. Während Anfang der 50er-Jahre noch etwa 15 verschiedene Briefmarkenmotive pro Jahr auf den Markt kamen, waren es später 60. In einer Auflage von bis zu 30 Millionen. Die Nachfrage war da. Und viele Deutsche hätten das Hobby sehr pflichtbewusst betrieben, sagt Lang. An festen Tagen im Jahr haben sie komplette Zusammenstellungen deutschsprachiger Postverwaltungen gekauft und fast unbesehen zur Seite gelegt.

Was im Überfluss da ist, ist nicht viel wert

Diese schwemmen jetzt den Markt. „Die Erben denken, ihre Sammlung sei Wunder was wert, dabei liegt fast die gleiche im Nachbarhaus“, sagt Lang. Und was im Überfluss da ist, ist eben nicht viel wert.

Besonders, wenn es auch an der Nachfrage hapert. Denn mit den Sammlern ist es wie mit den Taubenzüchtern: Es werden immer weniger.

Wertvoll sind die Marken, die es gar nicht geben dürfte - Part 1
-Die „Gscheidle-Marke“: 1980 entwarf die Post zu den Olympischen Spielen in Moskau eine Sonderbriefmarke. Als die BRD die Spiele letztlich boykottierte, gab die Post die Marke nicht heraus und stampfte einen Großteil der Auflage ein – doch nicht alles. Der damalige Postminister Kurt Gscheidle nahm Bögen mit nach Hause und seine Frau frankierte später Privatpost damit. Versehentlich. Die Marken werden heute zu hohen fünfstelligen Beträgen gehandelt.

Die absoluten Zahlen scheinen gar nicht so niedrig: Knapp 140 Vereine gibt es noch in NRW. 34.000 Sammler sind im Bund Deutscher Philatelisten (BDPh) organisiert, davon knapp 4800 in NRW. Hinzu kommt das Gros, das nirgends Mitglied ist. Reinhard Küchler, Geschäftsführer beim BDPh, geht von rund einer Million Sammlern in Deutschland aus. Doch es waren einmal viel mehr. In den 90ern hatte der BDPh 70.000 Mitglieder – fast doppelt so viele wie jetzt. NRW hat relativ gesehen noch mehr Sammler verloren als der Bund: 1997 war der BDPh hier noch 12.000 Mitglieder stark, in den 80ern gab es gar 15.000 Mitglieder.

Der Durchschnittsammler: männlich, 65 Jahre plus

Briefmarken kaufen, sie zu tauschen und mit anderen darüber zu reden, ist ein Hobby, das nicht (mehr) so angesagt ist. Vor allem bei Jüngeren. Der Durchschnittssammler ist männlich und 65 plus, heißt es beim BDPh.

Es läuft eben nicht mehr so wie bei Udo Kittler: Er fing vor 40 Jahren bei den Briefmarkenfreunden an. Da war er Ende 20. Der „Nachwuchs“, der jetzt komme, sei meist im Ruhestand, sagt er. Wenn überhaupt jemand dazustoße. Laut BDPh gibt es noch neue Mitglieder. Aber es gingen weit mehr verloren.

Und wenn sich weniger Sammler für Briefmarken interessieren, sinkt deren Wert. So arbeitet der Markt.

Vor 20 Jahren waren die Briefmarken noch mehr wert

Hätte der Opa sein Album nicht für die Enkel aufbewahrt, sondern vor zwanzig Jahren verkauft, hätte er wohl mehr Geld machen können als jetzt, sagt Küchler. Einfach, weil es mehr Sammler gab.

Und noch etwas kommt hinzu: Die nicht abgestempelten deutschen Marken konnten an Geschäftstreibende verkauft werden, die damit ihre Post frankierten. 80 Prozent vom Nominalwert hat das ungefähr gebracht, sagt Lang. Wer heute ein Album mit 20 Jahre alten Marken erbt, hat diese Möglichkeit nicht: Die Marken sind noch in DM ausgestellt und dürfen nicht mehr benutzt werden. Anders als beim Geld hat es bei der Euroeinführung nur eine kurze Frist gegeben, in der man DM-Marken in Euro-Marken umtauschen konnte. Beim APHV hätte man einen unbegrenzten Umtausch gern gesehen. „So hatte die damalige Post leider auch ihren Anteil daran, dass die Akzeptanz des Sammelns nachgelassen hat“, kritisiert Präsident Lang.

Allerdings findet Lang es auch nicht richtig, Alben nur nach ihrem Handelswert zu beurteilen: „Viele Erben lassen nicht gelten, dass der Sammler vor allem Spaß hatte“, sagt er. Und das ärgert ihn. Sammeln sei ein Hobby wie andere auch. Alle Hobbys machten Spaß, alle kosteten Geld und Zeit. Doch nur Opas Briefmarken müssten etwas bringen. Müller von den Philatelisten in NRW findet diese Erwartung auch nicht richtig: Wenn der Opa Golf gespielt hätte, gäbe es von diesem Hobby gar nichts zu vererben.

So habe man immerhin das Album als Erinnerung an den Verwandten. Und wer weiß, vielleicht schlummert doch noch eine Überraschung zwischen den Seiten. Denn es gibt immer noch viele hoch gehandelte Marken – auch jenseits von Klassikern wie der „Blauen Mauritius“ oder anderer sehr alten Marken.

Wurde in den 50er-Jahren „exotischer“ gesammelt, wie Lang es nennt, kann man Glück haben: Ältere Marken aus den Staaten des ehemaligen Warschauer Paktes oder aus Schwellenländern wie China sind heute beliebter als damals. Sie erbringen oft deutlich mehr als investiert wurde. In China boomt der Briefmarken-Markt. Das Bürgertum kauft zurück, was früher exportiert wurde – und gibt dafür viel aus. Laut Küchler betreiben die Chinesen dies als „Wertanlage“. Nicht so sehr als Hobby. Wie einst Opa.

Wertvoll sind die Marken, die es gar nicht geben dürfte Patz 2
-Weihnachtsbriefmarke: Die 70-Cent-Marke, die die Post zum Fest 2016 herausgeben wollte, wünscht in verschiedenen Sprachen „Frohe Weihnachten“ – in der ersten Auflage allerdings mit einigen Rechtschreibfehlern. Die Post zog die Marke noch vor dem Verkaufsstart zurück, trotzdem tauchten Exemplare auf. Sie wurden zunächst für um die 1000 Euro bei Ebay versteigert, ihr Wert ist aber mittlerweile schon gestiegen.