Deutsche Touristen kommen zurück: Trauriges, hoffnungs­volles Mallorca

Reisen

Seit vergangenem Wochenende gelten die Balearen nicht mehr als Risikogebiet. Die ersten Deutschen haben wieder Flüge nach Palma gebucht. Sie kommen auf einer ausgelaugten Insel an.

Palma

von Martin Dahms

, 18.03.2021, 05:00 Uhr / Lesedauer: 4 min
Zwei Männer gehen am Strand von Arenal über den Sand.

Zwei Männer gehen am Strand von Arenal über den Sand. © picture alliance/dpa

Anett Köhler hat noch zwei Weihnachts­stollen übrig. Dresdner Stollen, gebacken auf Mallorca. „Die habe ich jetzt umbenannt“, sagt Köhler, „pan dulce – süßes Brot. Die gehen noch weg!“

Die sächsische Besitzerin der Sonnenbäckerei an der Playa de Palma ist so leicht nicht unterzukriegen. „Wir haben ja das Glück, dass wir uns als deutsche Bäckerei auch unter den Spaniern einen Namen gemacht haben“, sagt sie auf die Frage nach dem Befinden. Während ringsum die Hotels, die Restaurants, die Kneipen und die Diskotheken schlossen, blieb die Sonnenbäckerei geöffnet. Das ganze Jahr über. Nun gut, ihr Umsatz ist um etwa 85 Prozent zurückgegangen. Und fünf ihrer sechs Mädels, wie sie sie nennt, hat sie entlassen müssen. „Aber wenn’s nächstes Jahr wieder normal läuft, werde ich sie wieder einstellen, mit Festverträgen.“

Nächstes Jahr. Dieses Jahr noch nicht. „Dieses Jahr wird’s vielleicht, wenn wir Glück haben, so laufen wie letztes Jahr im Juli und August. Mehr wird nicht kommen.“ Sie hält kurz inne. „Oder die impfen so schnell …“ Sie schüttelt den Gedanken gleich wieder ab wie einen merkwürdigen Traum. „Das schaffen die nicht.“

„Viele werden nicht kommen“

Immerhin ist Mallorca jetzt kein Risikogebiet mehr. Das hat das Robert-Koch-Institut am vergangenen Freitag festgestellt. Die Coronavirus-Sieben-Tage-Inzidenz bewegt sich seit einiger Zeit um die 20 Fälle pro 100.000 Einwohner, das ist niedrig genug, um nach der Rückkehr nach Deutschland keine Quarantäne mehr einhalten zu müssen.

Als die Nachricht von der Corona-Entwarnung in Deutschland rundging, bekam die Chefin der Sonnenbäckerei sofort ein paar Mails: „Wir haben gebucht für Ende März! Wir kommen jetzt!“ Köhler klingt ein wenig melancholisch, als sie sagt: „Ja, ich freu mich eigentlich schon.“ Dann sagt sie: „Viele werden nicht kommen. Aber ich freu mich schon, wenn die Residenten kommen, die hier Wohnungen haben.“ Mit einem großen Ansturm auf die Insel rechnet sie nicht. Damit rechnet niemand auf Mallorca. „Das wird ein kleiner Tropfen zu Ostern“, sagt Köhler.

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„Wie viele jetzt auch kommen mögen, man wird das nicht mit normalen Zeiten vergleichen können“, glaubt auch Eugenia Cusí von der Mallorquiner Gruppe Tast, die acht Restaurants auf der Insel betreibt. „Das wird nicht reichen, um eine Karwoche zu haben, wie wir sie gewohnt waren. Man muss realistisch sein. So ist das. Die gute Nachricht ist, dass draußen wahrgenommen wird, dass wir sehr gute Gesundheits­daten haben.“

Cusí begleitet fast jeden ihrer Sätze mit einem kleinen traurigen Lachen. Der Umsatz ihrer Gruppe ist im vergangenen Jahr um zwei Drittel eingebrochen. „Die Kassen sind leer. Die Hosentaschen sind leer. Unsere Bilanz ist auf null.“ Nicht nur ihre. Im vergangenen Jahr blieben 15 Prozent aller Lokale auf Mallorca das ganze Jahr über geschlossen. Am Ende werden es mehr als doppelt so viele sein, die diese Krise nicht überstehen, schätzt Cusí. „Statt immer weiter Geld zu verlieren, sagen sich viele: Ich mache lieber dicht und blute nicht weiter.“

Ein täglicher Kampf mit zusammen­gebissenen Zähnen

Tast wird nicht dichtmachen. Die Gruppe mit 120 Beschäftigten hat im Sommer sogar ein neues Lokal in Sóller im Norden der Insel eröffnet. Dort lief es anfangs ganz gut. Wie überall: ein täglicher Kampf mit zusammengebissenen Zähnen. Im Januar und Februar mussten alle Lokale auf Mallorca schließen, wegen hoher Infektions­zahlen. Seit Anfang März dürfen sie wieder öffnen, bis 5 Uhr nachmittags, mit reduzierter Tischbelegung. „Selbstverständlich sind die deutschen Touristen willkommen!“, sagt Cusí. „Sie müssen sich nur darauf einstellen, dass sie nirgendwo zu Abend essen können.“ Und sie lacht wieder ihr trauriges Lachen.

Kurioserweise dürfen Ausländer auf die Insel kommen, „aber meine Mutter aus Barcelona nicht“, sagt Cusí. In ganz Spanien gilt noch bis Anfang Mai der Corona-Alarmzustand, und unter dem sind Reisen von einer autonomen Region in die andere nur ausnahmsweise erlaubt. Christian Lafourcade findet das ganz richtig. Der uruguayische Betreiber der Strandkneipe Zur Krone an der Playa de Palma (Umsatzrückgang im vergangenen Jahr: 72 Prozent) hat kein Vertrauen in die Festlandspanier. „Wir wollen hier auf den Balearen keinen nationalen Tourismus“, sagt er, „nicht mal mit PCR.“

Niemand kommt ins Land ohne negativen PCR-Test, aber im Falle der Spanier ist das Lafourcade nicht genug. Ihm sind die Infektionszahlen im Rest des Landes zu hoch: eine Sieben-Tage-Inzidenz von rund 60 im nationalen Durchschnitt und an die 110 in Madrid. Wenn die Spanier kämen, müsste die Insel ganz schnell wieder dichtmachen, befürchtet Lafourcade. Dass Ausländer nicht weniger ansteckend sind als Spanier, blendet er aus.

Niemand kann wissen, was wird. Die Stimmung auf Mallorca sei „abwartend“, sagt die deutsche Anwältin Sonja Willner, die seit elf Jahren auf der Insel lebt. Auf der einen Seite sei da die Hoffnung, „dass es anläuft“, wo nun Deutsche wieder unbeschwerter kommen können, auf der anderen Seite die „Angst, dass dadurch wieder die Fallzahlen nach oben schnellen. Das hatten wir letztes Jahr auch.“

Und weil auf der Insel alle direkt oder indirekt vom Tourismus leben, spürte auch Willner eine Delle im Geschäft und musste Kurzarbeit für ihre Sekretärin anmelden. Bis die Sekretärin das Kurzarbeitergeld ausgezahlt bekam, vergingen vier Monate. Die Behörden waren überfordert. Das gesamte Sozialsystem war überfordert. „Vor allem ist das System nicht darauf ausgelegt, Menschen aufzufangen, die plötzlich alles verlieren“, sagt Willner. Und das waren auf Mallorca sehr viele. Besonders in den Touristenorten. „Da steigen einem die Tränen in die Augen.“

Job in Hamburg statt in Palma

Eduardo Murillo wollte nicht im Elend landen. Von Juli bis September hatte er seine Arbeit als Rezeptionist im Hotel María Isabel an der Playa de Palma, dann war Schluss. Mit seinen 41 Jahren fühlte er sich jung genug, um Neues zu wagen. Über eine Zeitarbeits­firma fand er in November einen Job bei DHL in Hamburg, mittlerweile hat er einen Einjahres­arbeits­vertrag bei der Deutschen Post als Paketzusteller. „Die meisten Häuser im Hamburg haben ja keine Fahrstühle“, sagt er, „ich habe jetzt Beine wie Cristiano Ronaldo.“

Auf Mallorca ließ er Frau und Sohn zurück; bei denen ist er gerade zum ersten Mal seit November wieder zu Besuch. „Die Trennung ist kompliziert“, sagt er, umso mehr, als in Corona-Zeiten keine spontanen Reisen möglich sind. Er kann sich gut vorstellen, dass er nach Mallorca zurückkehrt, wenn sich die Lage verbessert. Aber er legt sich nicht fest. „Man muss sich immer viele Möglichkeiten offenhalten, um nicht auf einmal mit nichts dazustehen.“

Viele auf Lebensmittel­ausgaben angewiesen

Mit nichts: so wie die Menschen, die bei Hope Mallorca Schlange stehen, um sich Lebensmittel geben zu lassen. Woche für Woche in Santanyí, Portocolom, S’Illot, Pollença, Can Picafort, Llucmajor und Alcudia: überwiegend Küstenorte im Osten der Insel. „Das ist ein Riesending geworden“, sagt Jasmin Nordiek, „aber das konnten wir nicht wissen.“ Als die Unternehmens­beraterin gemeinsam mit der Anwältin Willner und der Friseurin Heimke Mansfeld vor knapp einem Jahr Hope Mallorca ins Leben rief, wollten die drei „den Leuten etwas zurückgeben“.

Wie sehr ihre Hilfe benötigt würde, ahnten die Frauen nicht. Inzwischen versorgen sie an die 3500 Menschen mit dem Nötigsten. In den Schlangen hört man Spanisch, Deutsch, Rumänisch, Arabisch … 150 Freiwillige helfen bei der Ausgabe. Geschäftsleute, Bauern, Supermärkte, Bäckereien, Schulklassen, Familien spenden. Aus Deutschland kam schon ein Lkw mit Windeln. „Das war für mich wie eine Offenbarung“, sagt Nordiek, „dass Grundwerte wie Solidarität oder Nächstenliebe oder Zusammen­stehen – dass die existieren! Jeden Tag sind wir erstaunt und zutiefst gerührt.“ Leider, glaubt Nordiek, wird ihre Hilfe noch eine ganze Weile gebraucht werden. „So schnell wird sich das hier nicht berappeln“, sagt sie, „auch wenn jetzt über Ostern ein paar Leute kommen.“

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